Angesichts der großen Unsicherheit über die wirtschaftlichen Folgen der Kreditkrise und steigender Inflationsraten wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins vorerst konstant halten. von Mark Schrörs (Frankfurt)
Bei der monatlichen FTD-Zinsumfrage unter internationalen Banken geht die breite Mehrheit der befragten Volkswirte für die nächsten Monate von einem unveränderten Leitzins von 4,0 Prozent aus. Für diesen Donnerstag erwartet niemand eine Änderung.
Die FTD-Zinsumfrage im November
"Ein lang anhaltender Status quo bei den Zinsen ist das wahrscheinlichste Szenario", sagte Ken Wattret, Europa-Chefvolkswirt bei BNP Paribas. "Die EZB ist gefangen zwischen anhaltenden Wachstumsrisiken und wachsenden Inflationsgefahren", sagte Marco Annunziata, Chefvolkswirt bei Unicredit.
Seit September befindet sich die EZB in abwartender Haltung. Da verzichtete sie wegen der jüngsten Finanzmarktturbulenzen infolge der US-Hypothekenkrise auf eine zuvor signalisierte Anhebung auf 4,25 Prozent. Zuvor hatte sie den Satz binnen eineinhalb Jahren von 2,0 auf 4,0 Prozent verdoppelt.
Vergleich der Befragungen
Konjunkturausblick eingetrübt
Während die Unsicherheit über die Folgen der Finanzkrise anhält, hat sich der Konjunkturausblick für die Euro-Zone eingetrübt. Für 2008 erwarten die befragten Volkswirte nur knapp 2,0 Prozent Wachstum - weniger als das, was die EZB als Potenzialrate ansieht. Zugleich ist aber die Inflation gestiegen. Im Oktober lag sie mit 2,6 Prozent weit über dem EZB-Ziel von "nahe, aber unter 2,0 Prozent". "Die Probleme für die EZB nehmen zu", sagte David Owen, Europa-Ökonom bei Dresdner Kleinwort.
Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen
Mit Spannung erwarten die Beobachter den Auftritt von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag. "Die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, ob und in welchem Ausmaß sich der Tonfall hinsichtlich der Inflationsrisiken verschärft und ob die EZB trotz gesunkener Stimmungsindikatoren und des Höhenflugs des Euro am relativ optimistischen Konjunkturausblick festhält", sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Am Freitag hatte der Euro trotz robuster US-Arbeitsmarktdaten seine Rekordserie fortgesetzt. Nachdem er direkt nach den US-Zahlen zunächst auf 1,4440 $ gefallen war, kletterte er später auf ein Rekordhoch bei 1,4525 $.
Aussagen von EZB-Vertretern in den vergangenen Wochen deuten darauf hin, dass es im EZB-Rat heftige Debatten darüber gibt, welcher Kurs künftig einzuschlagen ist. Die US-Notenbank Federal Reserve hat ihren Zins seit Mitte September zweimal um insgesamt 75 Basispunkte gesenkt. Nach der jüngsten Lockerung um 25 Basispunkte auf 4,5 Prozent hatte die US-Notenbank in ihrer Stellungnahme vom Mittwoch jegliche Hinweise auf ihren nächsten Schritt vermieden. Die Währungshüter äußerten sich sehr ausgewogen und ließen den Finanzmärkten entsprechend viel Spielraum für Interpretation.
Wenngleich bei den Volkswirten Konsens über ein vorläufiges Stillhalten der EZB herrscht, ist äußerst umstritten, welchen Kurs sie auf längere Sicht einschlägt: Einige erwarten weiterhin Zinserhöhungen. Die Bank of America sieht den Zinsgipfel bei 4,75, das Bankhaus Metzler erst bei 5,0 Prozent erreicht. Zugleich steigt aber die Anzahl derer, die beim nächsten Schritt auf eine Zinssenkung setzen. Die Deutsche Bank glaubt, dass der Leitzins in der Euro-Zone bis Herbst 2008 auf 3,5 Prozent sinkt.
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