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Merken   Drucken   21.02.2003, 07:00 Schriftgröße: AAA

Geldanlage: Geschäft mit der Angst

Anders als nach dem kurzen Aufschwung vor anderthalb Jahren stehen den Produzenten von Kontroll- und Sicherheitssystemen heute goldene Zeiten bevor. Aktien, die von diesem Trend profitieren, versprechen auf lange Sicht überdurchschnittliche Renditen. von Horst Fugger
Für Börsianer war es schon immer sinnvoll, sich ab und an vom hektischen Tagesgeschehen zurückzuziehen und bei einer guten Flasche Wein darüber nachzudenken, welche Trends das Geschehen am Aktienmarkt in den kommenden Jahren prägen und welche Branchen folglich überdurchschnittliches Wachstum erzielen könnten. Bio- und Nanotechnologie gehören dazu, aber auch - trotz der deprimierenden Erfahrungen der vergangenen drei Jahre - Finanzdiensleister.
Das Problem dabei: Auch wenn man künftige Trends erahnt, bevor die Masse der Anleger zur selben Erkenntnis gelangt, hat man den schwersten Teil der Aufgabe noch vor sich, nämlich die Auswahl der Aktien, die von künftigen Entwicklungen in besonderem Maß profitieren werden. Viele Vorzeigeunternehmen des Biotech-Booms der späten 90er Jahre sind längst pleite, und etliche Finanzdienstleister stehen kurz davor. An der Börse bestraft das Leben denjenigen, der zu früh dran ist, viel härter als den, der ein wenig zu spät kommt.
Goldene Zukunft steht bevor
Ähnliche Auswahlprobleme gibt es auch in einer Branche, der mit Sicherheit eine goldene Zukunft bevorsteht, auch wenn sich über die Ursachen dieses Booms niemand so recht freuen kann. Die Rede ist von Unternehmen, die Kontroll- und Sicherheitssysteme herstellen.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 brachten der Branche einen kurzen, aber heftigen Aufschwung. Die Aktien zuvor weitgehend unbekannter Firmen legten zum Teil dreistellig zu. Im Zug der allgemeinen Baisse an den Weltbörsen gingen diese Gewinne aber weitgehend wieder verloren, sodass sich heute für Langfristanleger durchaus günstige Einstiegskurse bieten.
Ein dauerhafter Schub für die meist in den Vereinigten Staaten beheimateten Unternehmen dürfte von den wesentlich erhöhten staatlichen Ausgaben für Sicherungszwecke ausgehen. Das Department of Homeland Security, eine Art Über-Ministerium, in dem alle mit Terrorismusbekämpfung befassten Behörden gebündelt sind, verfügt im laufenden Haushaltsjahr über einen Etat für Informationstechnologie von knapp drei Mrd. $. Für das Jahr 2004 sind 3,75 Mrd. $ vorgesehen. Angesichts der nach wie vor flauen Nachfrage von Seiten privater Haushalte und Unternehmen könnten Behördenaufträge für viele Hersteller von Sicherungssystemen einen warmen Regen, für manche sogar die Rettung vor der drohenden Pleite bedeuten.
Kostenfrage sekundär
Auf Dauer vom gestiegenen Sicherheitsbedürfnis profitieren werden die Produzenten von Überwachungs- und Zugangskontrollsystemen. Hier winken besonders hohe Gewinnmargen, denn wenn es darum geht, zum Beispiel bei Großveranstaltungen Zehntausende von Menschen vor terroristischen Anschlägen zu schützen, ist die Kostenfrage sekundär.
Ein Problem dabei ist, dass auf biometrischen Daten basierende Überwachungssysteme, die zum Beispiel jeden Einzelnen in einer großen Menschenmenge visuell erfassen und seine Gesichtsmerkmale mit einer Datei polizeilich gesuchter Personen vergleichen, noch nicht wirklich ausgereift sind. Zu hoch ist die Fehlerquote, zu leicht ist es auch, das System durch kosmetische Korrekturen der Gesichtszüge zu überlisten. Es scheint zweifelhaft, ob visuelle Methoden zur Erfassung von Personendaten jemals wirklich zuverlässig funktionieren werden.
Aktien von Unternehmen wie Viisage , die sich auf die Entwicklung solcher Systeme spezialisiert haben, sind daher als hochspekulativ einzustufen. Ausgereifter und in der Kriminologie seit langem bewährt ist da schon die Identifikation per Fingerabdruck. Heute scheint es noch undenkbar, zum Beispiel von allen Besuchern einer großen Sportveranstaltung beim Betreten des Stadions die Fingerabdrücke zu erfassen.
Menschen sind bereit Unannehmlichkeiten zu akzeptieren
Aber die Erfahrung lehrt, dass die Menschen durchaus bereit sind, solche Unannehmlichkeiten zu akzeptieren, wenn sie sich dafür sicherer fühlen dürfen. Die seit dem 11. September 2001 wesentlich verschärften Passagierkontrollen im Luftverkehr haben das gezeigt. Die Technologie zur Erfassung von Fingerabdrücken existiert bereits. Sie wird auf mehreren amerikanischen Flughäfen eingesetzt, zudem auch von etlichen Unternehmen zur Zugangskontrolle in sicherheitsrelevante Bereiche.
Identix , der Hersteller dieser Systeme, ist schon seit etlichen Jahren börsennotiert und hat in der Vergangenheit kräftige Verluste erwirtschaftet. In absehbarer Zeit könnten allerdings schwarze Zahlen geschrieben werden. Die Aktie ist zumindest beobachtenswert, zumal auch der Chart recht interessant aussieht.
Doch nicht nur solche Nischenanbieter dürften vom wachsenden Sicherheitsbedürfnis profitieren. Auch die Großen der Softwarebranche rechnen sich gute Chancen aus. Wirksame Kontrollsysteme gleich welcher Art setzen umfangreiche Datenbanken voraus, in denen die sicherheitsrelevanten Merkmale gespeichert werden.
Auf diesem Gebiet führt kaum ein Weg an Oracle  vorbei. Der Weltmarktführer dürfte sich ein hübsches Stück von dem Kuchen abschneiden, den das Department of Homeland Security in den kommenden Jahren zu verteilen hat. Für ein Großunternehmen wie Oracle sind solche Behördenaufträge zwar nicht von derart existenzieller Bedeutung wie für Nischenanbieter von Sicherheitstechnologie, aber an der Börse wird dergleichen sehr positiv aufgenommen - speziell in der jetzigen Situation.
Wachsendes allgemeines Sicherheitsbedürfnis
Auch einigen IT-Dienstleistern werden von US-Branchenanalysten gute Aussichten eingeräumt. Die Vernetzung der Computersysteme und Datenbanken von Behörden, die für Terrorismusbekämpfung zuständig sind, wird den Unternehmen, die den Auftrag erhalten, einen dicken Umsatzschub bringen. Es ist allerdings schwer zu sagen, auf welche Aktien man in diesem Zusammenhang setzen sollte. Recht stabil hat sich in den vergangenen Monaten der Titel von Computer Sciences  gezeigt.
Man braucht kein Prophet zu sein, um auch für die kommenden Jahre ein wachsendes allgemeines Sicherheitsbedürfnis zu prognostizieren. Und es erscheint sogar wahrscheinlich, dass die Menschen bereit sein werden, zumindest in der Öffentlichkeit ein hohes Maß an Kontrolle und Überwachung als Preis für diese Sicherheit zu akzeptieren. Aktien, die von diesem Trend profitieren, dürften daher nicht unbedingt kurzfristig, aber auf lange Sicht überdurchschnittliche Renditen bringen.
08:26:02 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
    % 
COMPUTER SCIENCES DL 1 26,39 USD   -0,60%  -0.16
Oracle 26,36 USD   +0,38%  0.1
  • FTD.de, 21.02.2003
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