FTD Hat Sie der 20-prozentige Kursrutsch an den brasilianischen Finanzmärkten überrascht?
Luiz Ribeiro Ja, diese Intensität hatten wir nicht erwartet. Dazu kam, dass es überhaupt keinen Grund gab, dass die Aktien in Brasilien einbrechen, denn das Land steht fundamental weiterhin gut da.
FTD Sind Verluste in dieser Größenordnung nicht ein Warnzeichen?
Ribeiro Nicht zwangsläufig. Zwar hat der brasilianische Markt auf Sicht von drei Jahren um mehr als 100 Prozent zugelegt, aber die wirtschaftliche Entwicklung konnte damit Schritt halten. Die Unternehmen sind im Verhältnis nicht teurer als vor drei Jahren.
FTD Was könnte den von Ihnen erwarteten weiteren Aufschwung gefährden?
Ribeiro Eigentlich nur eine Krise in der Weltwirtschaft. Sollte es zu einem Nachfrageeinbruch kommen, etwa bei den Rohstoffen, wird das Brasilien hart treffen. Aber solange es China gut geht, geht es auch Brasilien gut.
FTD Im Oktober finden Präsidentschaftswahlen statt. Könnte es zu einer negativen Überraschung kommen?
Ribeiro Nein, nach den derzeitigen Umfragen sieht es nach einem klaren Sieg des amtierenden Präsidenten Lula aus, der damit in seine zweite Amtszeit gehen würde. Doch auch wenn der aussichtsreichste Gegenkandidat, Geraldo Alckmin von der Mitte-rechts-Partei PSDB, gewinnen sollte, wäre das kein Problem. Womöglich würden sich die Märkte über ihn noch mehr freuen.
FTD Bei seiner Wahl im Jahr 2002 hat Lula die Märkte noch in Angst und Schrecken versetzt, weil er als Ultralinker galt.
Ribeiro Ja, die Befürchtungen stellten sich als grundlos heraus, und es hat sich vieles zum Guten gewendet - obwohl man fairerweise sagen muss, dass Lula dafür keineswegs allein verantwortlich war. Die Rahmenbedingungen, etwa der Rohstoffboom und das anhaltende Weltwirtschaftswachstum, legten den Grundstein für die erfreuliche Entwicklung in Brasilien. Heute liegt die Inflation unter vier Prozent, der Export boomt, und die Zinsen nähern sich 14 Prozent. Das mag hoch klingen, aber es ist der niedrigste Stand seit 15 Jahren. Es sieht gut aus für Brasilien.
Interview: Martin Diekmann