Gelungener Balanceakt
Viele Anleger werden sich noch an die Zeit erinnern, als die Aktienmärkte Lateinamerikas vor allem wegen ihrer großen Schwankungsanfälligkeit für Schlagzeilen sorgten. Mutige Investoren konnten so in manchen Jahren gute Gewinne erzielen, büßten diese jedoch nicht selten sehr schnell wieder ein. Nicht wenige langfristig orientierte Anleger verbrannten sich gehörig die Finger, vor allem, als Ende des vergangenen Jahrtausends eine schwere Krise die Region erschütterte.
Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Wer vor drei Jahren in den MSCI-Latin-America-Index investierte, konnte seitdem eine Performance von beinahe 300 Prozent einstreichen - auf Dollar-Basis, doch auch in Euro gerechnet blieben immer noch etwa 250 Prozent übrig.
Maßgeblich für die mittel- und südamerikanischen Börsen ist der brasilianische Markt. Der Bovespa, der Index der Börse São Paulo, legte auf Sicht von drei Jahren um mehr als 370 Prozent zu. "Trotzdem ist Brasilien mit einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9,3 einer der günstigsten Aktienmärkte in Schwellenländern überhaupt", sagt Urban Larson, Fondsmanager des Baring Latin America Fund. "Die Wachstumsprognosen für die Unternehmensgewinne in diesem Jahr liegen bei fast 30 Prozent."
Entsprechend optimistisch ist Larson für die Zukunft gestimmt: "Das vierte Quartal brachte dank rückläufiger Zinsen den Beginn eines Konjunkturaufschwungs, die Industrieproduktion stieg im Dezember im Vorjahresvergleich um 3,2 Prozent. " Da sich die Inflationsprognosen immer noch in der Nähe des Ziels von 4,5 Prozent bewegten, sei eine weitere Senkung des Zinsniveaus von derzeit 17,25 Prozent um 200 bis 300 Basispunkte denkbar.
Brasilien mit Abstand an erster Stelle
Kein Wunder, dass Brasilien bei Fondsgesellschaften, die vornehmlich in lateinamerikanische Aktien investieren, mit Abstand an erster Stelle steht. Allenfalls Unternehmen aus Mexiko finden noch das Interesse der Manager. Die beiden großen Nationen machen bei den meisten Latino-Fonds 80 Prozent des Fondsvermögens und mehr aus. Andere mittel- und südamerikanische Märkte sind in den Portfolios dagegen nur sporadisch vertreten.
Zwar hat sich der chilenische Markt ebenfalls sehr gut entwickelt, aber Chile gilt bereits seit einigen Jahren als zu teuer. In Ländern wie Bolivien, Peru oder Kolumbien finden institutionelle Investoren dagegen kaum geeignete Unternehmen, in die sie investieren können. Die regionalen Märkte sind zu unbedeutend und die Börsen oft unterentwickelt. Die Anzahl börsennotierter Unternehmen ist dementsprechend gering, zudem sind die meisten Gesellschaften in diesen Ländern zu klein.