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Merken   Drucken   16.12.2007, 11:00 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Xing wirft seine Netze aus

Vor einem Jahr feierte der deutsche Aktienmarkt eine Premiere: Als erstes reines Web-2.0-Unternehmen gelang Xing der Sprung aufs Parkett. Der Nebenwert zählt zu den wenigen Börsenneulingen, die sich in den vergangenen zwölf Monaten positiv entwickelt haben. von Christian Scheid
Zu 30 Euro ausgegeben, notiert das Papier aktuell mit rund 41 Euro und damit um mehr als ein Drittel über dem Emissionspreis. Die bekanntesten Vertreter der Web-2.0-Generation sind die Video-Tauschbörse Youtube und die Studentenplattform Facebook. Wie Xing  unterscheiden sich diese Firmen in einem wichtigen Punkt von den herkömmlichen Webunternehmen: Sie stellen lediglich die technische Infrastruktur, für die Inhalte auf den Seiten sorgen die meist untereinander vernetzten Nutzer selbst. Der Vorteil: Die Kosten halten sich dadurch in Grenzen. Web-2.0-Firmen müssen weder umfangreiche Warenlager unterhalten wie etwa der Internethändler Amazon  oder teure Onlineredaktionen aufbauen.
Kursinformationen und Charts
  Xing 46,25 EUR  [1.37 +3,05%
  Amazon 213,65 USD  [-3.63 -1,67%
Xing kommt mit 109 Mitarbeitern aus. Die im November 2003 gestartete Plattform ist als Business-Netzwerk konzipiert. In der kostenlosen Basisversion können sich die Nutzer registrieren, ein eigenes Profil anlegen und anschließend Kontakte knüpfen und Geschäftsbeziehungen pflegen. 5,95 Euro im Monat zahlen Nutzer für ein Abonnement im Premiumsegment, das ihnen erweiterte Funktionen bei der Suche und Pflege von Kontakten bietet.
Das Geschäftsmodell funktioniert: Das dritte Quartal war das erfolgreichste der Unternehmensgeschichte. Die Mitgliederzahl kletterte gegenüber September 2006 um fast 200 Prozent auf rund 4,25 Millionen. Im dritten Quartal wurden 4,94 Mio. Euro umgesetzt, 85 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal. Deutlicher fiel der Zuwachs beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen aus: 2,07 Mio. Euro blieben übrig, im Quartalsvergleich ist das ein Zuwachs von 251 Prozent. Die operative Ebitda-Marge schnellte von 22 auf 42 Prozent nach oben.
Finanzkennzahlen Xing
Ergebnisse und Prognosen
  12/2006 12/2007* 12/2008*
Umsatz 6,2 Mio. Euro 19,6 Mio. Euro 34,0 Mio. Euro
Umsatzwachstum 287,5 % 216,6 % 73,0 %
Ebitda** 0,2 Mio. Euro 5,9 Mio. Euro 13,3 Mio. Euro
Ebitda-Marge 3 % 30% 39 %
Gewinn pro Aktie*** –0,39 Euro 0,80 Euro 1,58 Euro
KGV –**** 49,0 25,6
Analystenkonsens Kaufen Halten Verkaufen
(zwölf Monate) 3 (75 %) 1 (25 %) 0 (0 %)
       
* Schätzung;
**Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen;
***nach GAAP;
****Berechnung nicht möglich, weil das Ergebnis je Aktie negativ ist;
Quelle: Bloomberg
 
Das starke Gewinnplus und die steigende Profitabilität spiegeln das skalierbare Geschäftsmodell von Xing: Mit jedem neuen zahlenden Nutzer erhöhen sich die Kosten nur unterproportional zu den Erlösen. Allerdings ist die Zahl der Premiummitglieder im dritten Quartal gegenüber September vergangenen Jahres nur um 72 Prozent auf etwa 325.000 gewachsen - und damit deutlich langsamer als die regulären Nutzer. Um mehr Kunden für ein Abonnement zu erwärmen, erweitert Xing die Premiumvariante ständig um neue Funktionen.
Sicherlich verfügt das Unternehmen im deutschsprachigen Raum noch über genügend Spielraum für Wachstum. Langfristig muss sich das Management aber auch über neue Einnahmequellen Gedanken machen. Ein wichtiger Baustein in der Expansionsstrategie ist die Internationalisierung. Bereits heute ist Xing in Spanien und China vertreten. Für 2008 stehen neben weiteren europäischen Ländern auch die USA auf der Agenda. Hier stößt das junge Unternehmen aber auf mächtige Konkurrenz. Neben vielen lokalen Anbietern ist vor allem Linkedin zu nennen. Die Amerikaner verfügen weltweit über rund 16 Millionen Nutzer und einen hohen Bekanntheitsgrad.
Darüber hinaus will Xing, anders als zum Börsengang angekündigt, einen Teil der kostenfreien Plattform für Werbevermarkter öffnen. Ein heikles Unterfangen, schließlich haben die Nutzer hochsensible Daten auf der Internetseite hinterlegt. Allerdings soll das Vorhaben im Einklang mit den deutschen und europäischen Datenschutzbestimmungen stehen. Zudem werden die Werbepartner keine Einflussmöglichkeit auf die Plattforminhalte haben. Es bleibt dennoch abzuwarten, ob sich die Internetwerbung als zweite Einnahmequelle neben den Abonnements etablieren kann.
Die Analysten sehen die Pläne des Unternehmens positiv: Von den vier bei der Finanzagentur Bloomberg geführten Xing-Experten raten derzeit drei zum Kauf und einer zum Halten der Aktie. Das positive Urteil ist angesichts der stattlichen Bewertung erstaunlich. Schließlich beträgt der Börsenwert von Xing mit etwa 200 Mio. Euro rund das Zehnfache der für 2007 erwarteten Umsätze.
Bedenkt man allerdings, wie andere Web-2.0-Firmen bewertet werden, bleibt noch viel Spielraum nach oben. Einen Anteil von 1,6 Prozent an der nicht börsennotierten Facebook ließ sich Microsoft kürzlich umgerechnet 163 Mio. Euro kosten. Daraus errechnet sich ein Gesamtwert der vier Jahre alten Firma von sage und schreibe 10,2 Mrd. Euro - das 68-Fache des für 2007 erwarteten Umsatzes von Facebook. Gemessen an dem großen Interesse, das den Web-2.0-Firmen derzeit zuteil wird, könnte auch Xing eines Tages zum Übernahmekandidaten werden.
Christian Scheid schreibt als freier Autor für die FTD
20:16:12 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Xing 46,25 EUR   +3,05%  1.37
Amazon 213,65 USD   -1,67%  -3.63
  • FTD.de, 16.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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