Merz entschloss sich, zum Immobilienanalysehaus Bulwien-Gesa zu wechseln, mit dem sie jetzt ein konkurrierendes Rating für offene Immobilienfonds aufbaut. Der Kooperationsvertrag, den Scope bislang mit Bulwien hatte, ist aufgelöst. Merz hatte bei den Anbietern offener Immobilienfonds Transparenz eingefordert. Durch ihre offenen Worte und oft harsche Kritik hatte sie sich nicht nur Freunde gemacht, aber auch Respekt erworben. Kapitalanlagegesellschaften (KAGs) wie der Allianz-Dresdner-Anbieter Degi wollen ihre Scope-Lizenz daher nicht verlängern. "Einige KAGs warten ab", räumte Schoeller ein. "Sie werden die Ratingkonzepte prüfen. Wir fühlen uns gut aufgestellt. Ich glaube, es gibt genug Platz für mehrere Anbieter."
Scope werde künftig nicht nur die Fondskonstruktion, sondern auch die Qualität des Immobilienportfolios bewerten. Scope lebt von Lizenzgebühren, die Banken, Vermögensverwalter und Vermittler für das Rating von Anlageprodukten zahlen. Etwa 40 Prozent des Umsatzes kommen laut Schoeller von den bewerteten Anbietern selbst, die ebenfalls Lizenzen kaufen können. 2005 setzte Scope 4,67 Mio. Euro um, das Betriebsergebnis lag bei 168.000 Euro. Im Zuge des Umbaus mussten 15 von 50 Mitarbeitern gehen.
Nun muss Scope Vorbehalte in der Derivate-Branche überwinden, um das Rating der oft als undurchsichtig kritisierten Anlagezertifikate voranzubringen. Im Januar hatte Scope einen Vergleich aller erhältlichen Zertifikate gestartet - nach Finanzkennzahlen wie der historischen Schwankungsanfälligkeit. Vergleiche auf Grund von Kennzahlen bieten allerdings auch mehrere Finanzinternetseiten und die Börse Stuttgart. Außerdem hat ein Ableger der European Business School für den Branchenverband Derivate-Forum ein Bewertungsmodell nach Risikokennziffern entwickelt.
"Qualitative Betrachtungen wären etwas Neues"
Quantitative Betrachtungen gebe es am Markt "schon zur Genüge", sagte Dieter Lendle, Vorstand des Zertifikateverbands Deutsches Derivate Institut (DDI). "Qualitative Betrachtungen der Emittenten wären hingegen etwas Neues." Ein solches Rating der Banken, die Zertifikate auflegen, hatte Scope bereits im Januar angekündigt. Bis Ende 2007 will Scope die wichtigsten Emittenten bewertet haben, sagte Schoeller am Donnerstag. Fünf Emittenten habe Scope bislang angesprochen, hieß es in mit dem Vorgang vertrauten Kreisen. Der Wirbel um Kan Am habe aber auch in der Zertifikatebranche Vorbehalte geweckt. DDI-Chef Lendle sagte: "Die in den vergangenen Monaten zu lesenden Negativschlagzeilen zur Herabstufung der Kan-Am-Immobilienfonds und zur internen Situation bei Scope werden von den Emittenten kritisch beobachtet."
Scope-Chef Schoeller lässt sich davon nicht beirren. "Wer auf Grund der Intransparenz des Markts kräftig Kasse macht, lässt ungern eine Rating-Agentur herein. Aber die guten Häuser sind sehr interessiert", sagte er. Der Markt ist 100 Mrd. Euro schwer. Schoeller will Anbieter notfalls auch ohne Zustimmung bewerten. Das Rating soll nicht nur die Kreditwürdigkeit prüfen, sondern auch die Qualität des Zertifikatehandels und der internen Prüfungsprozesse. Den Vergleich der 32.000 von Scope bewerteten Zertifikate erschweren vor allem fehlerhafte Kennzahlen. "Ein Drittel aller Daten, die wir erhalten, sind fehlerhaft. Teilweise stimmt nicht einmal die Wertpapierkennnummer des Underlyings", sagte Schoeller. Das DDI sieht den Mangel an verlässlichen Daten ebenfalls als Problem. "Gemeinsam mit Stammdatenanbietern arbeiten wir an einer Initiative, um die Qualität der Stammdaten zu verbessern", sagte Lendle.
Was die Rating-Agentur Scope bewertet
Zertifikate Den breiten Markt vom Indexzertifikat bis zum WM-Zertifikat ordnet Scope in ein Chance-Risiko-Diagramm ein. Grundlage für die Bewertung ist die historische Volatilität des Basiswerts. Chancen und
Risiken führen zum Urteil von "AAA" (sehr geringes Risiko bei sehr hohen Chancen) bis "D" (sehr hohes Risiko bei sehr geringen Chancen).
Geschlossene Fonds Für diese Fonds, die nur eine begrenzte Zahl von Anlegern aufnehmen, beschäftigt Scope 15 Analysten. Die Agentur hat den Anspruch, die wichtigsten Emissionen in den Segmenten Immobilien, Schiffe, regenerative Energien, Zweitmarkt-Lebensversicherungen und Private Equity zu analysieren. Künftig soll das "stärker quantitativ" geschehen.
Offene Immobilienfonds Scope hat sich von der Immobilienfondsexpertin Alexandra Merz getrennt, die jetzt mit dem Analysehaus Bulwien-Gesa arbeitet. Die Verantwortung für die Sparte liegt künftig bei einem vierköpfigen Team um Frank Heimsaat. Die Bewertung der Fonds mit ihren Immobilien erfolgt über ein Scoring-Modell.