FTD: Haben Sie die guten Zahlen von Amazon, Ebay und Yahoo überrascht?
Noto: Dass Ebay den Umsatz 2001 um 64 Prozent auf 219 Mio. $ und den Gewinn um fast 90 Prozent auf 90 Mio. $ steigerte, ist beachtlich, liegt aber im Rahmen unserer Erwartungen. Von Yahoo und Amazon waren wir aber überrascht. Bei Amazon haben wir zwar mit ordentlichen Gewinnen im vierten Quartal gerechnet, nicht aber damit, dass die Umsätze wieder anziehen und sich dies vermutlich ins erste Quartal hinein fortsetzen wird. Dies lag vor allem an einem stärkeren Wachstum des internationalen Geschäfts und einer Erholung der Buch-, Audio- und Videoumsätze.
FTD: Ist das wieder nur ein Strohfeuer oder der seit langem ersehnte Durchbruch von B2C?
Noto: Die B2C-Branche war stets ein konjunkturabhängiger und kein zyklischer Sektor. Das heißt: Das Wachstum von E-Commerce und Online-Werbung wurde und wird vor allem davon getragen, dass der traditionelle Handel und die traditionelle Werbebranche ihr Geschäft ins Internet verlagert haben. Der Umsatz im traditionellen Einzelhandel stand 1999 und 2000 in einem unnatürlichen Verhältnis zu dem über das Internet getätigten Umsatz. Möglicherweise wurde hier das Wachstum, das sich sonst auf drei Jahre verteilt, auf zwei Jahre - 1999 und 2000 - konzentriert. Die Nutzung des Internets für Einkauf und Werbung nahm daher 2001 langsamer zu, das Wachstum fiel niedriger aus als erwartet - sozusagen eine vom Konjunkturzyklus unabhängige Wachstumsverlangsamung. Doch wir haben in der Web-Branche eine nicht zyklisch bedingte Talsohle durchschritten, und 2002 wird das Wachstum der Web-Firmen wieder durch eine Umsatzverlagerung vom traditionellen Einzelhandel zum Internet bestimmt werden. Wenn sich auch die Konjunktur wieder beschleunigt, bekommen diese Unternehmen Rückenwind von einer nicht zyklisch bedingten Wiederbeschleunigung und einer konjunkturellen Erholung. Zusammengefasst: Wir halten dies nicht für ein Strohfeuer. Denn die Firmen haben ihre Effizienz gesteigert und sind in der Lage, in allen Konjunkturphasen einen positiven Cashflow zu erwirtschaften.
FTD: Werden noch andere Internet-Firmen von einer sich erholenden Wirtschaft profitieren?
Noto: Auf jeden Fall. Allen voran die Online-Reisebüros wie Expedia, Priceline und Travelocity, aber auch andere elektronische Einzelhandelsunternehmen wie 1800Flowers.com, Global Sports, Digital River und Alloy werden profitieren. Nicht alle diese Firmen werden ebenso erfolgreich sein oder den Anlegern kräftige Kursgewinne bescheren, aber sie werden an dem vom Konjunkturzyklus unabhängigen Wachstum des Internets teilhaben und positive Cashflows erwirtschaften. Unser Topfavorit ist nach wie vor das Online-Auktionshaus Ebay, das auch auf unserer "Recommended List" steht. Für Yahoo und Amazon haben wir eine Kaufempfehlung ausgesprochen.
FTD: Wie viel Kurspotenzial sehen Sie denn für Ebay, das bei rund 58 $ notiert, und für Amazon?
Noto: Unser 12-Monats-Kursziel für Ebay lautet 75 $. Ebay ist ein weltweit bekannter Markenname und eine E-Commerce-Perle. Ebay wächst doppelt so schnell wie der E-Commerce-Sektor. Zudem hat sich Ebay zu einem Global Player gemausert: In 18 von 19 Ländern, in denen die Firma tätig ist, ist es die Nummer eins - mit Ausnahme von Japan, wo Yahoo bei Web-Auktionen die Nase vorn hat. Die Zahl der registrierten Mitglieder liegt aktuell bei etwas mehr als 42 Millionen - knapp 90 Prozent mehr als Ende 2000. In den nächsten fünf Jahren gehen wir von einem Gewinnwachstum von 50 bis 60 Prozent aus. Amazon hat auch einen bekannten Markennamen und einen beachtlichen Kundenstamm. Kurspotenzial: 10 bis 15 Prozent.
FTD: Sind die drei E-Commerce-Riesen aber nicht zu teuer? Yahoo hat ein Price-Earnings-Growth-Ratio (PEG) von 1,9, Ebay von 1,6. Und Amazon erwartet für 2002 einen Verlust von 0,23 $ pro Aktie.
Noto: Verglichen mit der PEGs großer Tech-Firmen sind Ebay und Amazon nicht so teuer. Yahoo dagegen ist teuer, unabhängig davon, welchen Maßstab man zu Grunde legt. Wir richten unser Augenmerk nicht nur auf das KGV, sondern auch auf das Gewinnwachstum. Obwohl ein Unternehmen wie Ebay ein KGV von 80 aufweist, ist es mit Gewinnzuwächsen von 50 Prozent in den nächsten fünf Jahren billiger als die meisten Technologie-Firmen mit hoher Börsenkapitalisierung. Zudem nimmt Ebay eine starke Führungsstellung ein. Die Gewinne sind besser vorhersehbar und die Renditen höher. Relativ betrachtet, räumen wir daher Ebay höhere Kurschancen ein als Yahoo und Amazon.
FTD: Werden wir in absehbarer Zeit die Traumkurse aus dem Jahr 2000 wiedersehen?
Noto: Zu unseren Lebzeiten wohl leider nicht.
Das Interview führte Torsten Engelbrecht, Redakteur der Financial Times Deutschland.