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Merken   Drucken   17.07.2002, 07:00 Schriftgröße: AAA

Strategie-Interview: Emerging Markets werden erwachsen

Lateinamerika bleibt das Sorgenkind unter den Schwellenländern. Nach Argentinien geraten nun auch andere Länder der Region unter Druck - allen voran Brasilien. Jörg Peisert, Geschäftsführer von JP&P Vermögensmanagement, zur Situation an den Emerging Markets.
FTD* Herr Peisert, ist angesichts der Lage in Lateinamerika ein weltweiter Dominoeffekt unter den Emerging Markets zu befürchten?
Peisert Diese Gefahr sehe ich momentan nicht. Dazu sind die Ausgangssituationen in den verschiedenen Emerging Markets zu unterschiedlich. Verglichen mit der Krise in Asien vor fünf oder auch in Russland vor vier Jahren kann man eindeutig feststellen: Die Schwellenländer sind erwachsen geworden. Nicht nur in Hinblick auf deren wirtschaftliche und politische Situation, sondern vor allem auch in der Wahrnehmung der Investoren. Es werden nicht mehr alle Schwellenländer über einen Kamm geschoren. Stattdessen haben sich deutlich Emerging Markets erster und zweiter Klasse herauskristallisiert. Zur ersten Klasse zählen Osteuropa und Südostasien. Lateinamerika hingegen ist zweit- oder momentan sogar drittklassig.
FTD Was unterscheidet die Krisenregion Lateinamerika von den anderen Märkten?
Peisert In erster Linie sind es natürlich die wirtschaftlichen Rahmendaten. Hier spielt Osteuropa und auch Südostasien einfach in einer anderen Liga. Vergleicht man etwa Kriterien wie das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt, die Inflationsrate oder die Verschuldung der Regionen, dann ist der Abschwung Lateinamerikas fundamental gerechtfertigt. Wobei man natürlich auch die psychologische Komponente, das Anlegervertrauen, nicht außer Acht lassen darf. Hier spielen politische Faktoren eine große Rolle. Die Krisenländer in Lateinamerika verhalten sich momentan alles andere als vertrauenswürdig.
FTD Woran zeigt sich das?
Peisert Nehmen wir Argentinien. Wenn man sich überlegt, wie dringend das Land die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds benötigt, grenzt es fast schon an Dummheit, mit welcher Arroganz die argentinische Regierung die Vorschläge des IWF zurückgewiesen hat. Die Konsequenz: Kredite bleiben aus, das Vertrauen der Anleger ist auf dem Nullpunkt angelangt.
FTD Ihr klarer Favorit ist seit mehreren Jahren Russland. Offenbar zu Recht - der russische Aktienmarkt legte in den vergangenen zwölf Monaten um 65 Prozent zu. Hält die Rally an?
Peisert Sicherlich wird das Tempo des Aufschwungs moderater werden. Grundsätzlich halten wir aber an unserer Einschätzung fest. Russland überzeugt nicht nur durch hervorragende Wirtschaftsdaten wie einem Wirtschaftswachstum von über vier Prozent und deutlichen Überschüssen in der Haushalts- und Leistungsbilanz. Entscheidend ist die Konsequenz, mit der die Regierung Putin ihre Reformbemühungen vorantreibt. Auch die Umstrukturierungen in vielen Unternehmen tragen bereits Früchte.
FTD An welche Firmen denken Sie da?
Peisert Als Paradebeispiel gilt der Ölkonzern Yukos. Noch vor wenigen Jahren war Yukos eher für seine Verschleierungstaktik bekannt. Heute betreibt das Unternehmen eine fast aggressive Öffentlichkeitsarbeit. Die Bilanzen wurden inzwischen auf den internationalen Standard US-GAAP umgestellt. Der Vorstand präsentiert sich regelmäßig auf Roadshows. Dadurch ist Yukos zum Liebling der Medien und Fondsmanager avanciert. Das Resultat: Kurszuwächse von über 1500 Prozent.
FTD Sind russische Aktien nach den enormen Kurszuwächsen nicht allmählich fair bewertet?
Peisert Es gibt sicherlich Einzelwerte, die momentan schon recht hoch bewertet sind. Hier sollte man vor einem Einstieg durchaus die nächsten Korrekturen abwarten. Yukos ist sicherlich ein solcher Kandidat. Im internationalen Vergleich hat der russische Aktienmarkt aber mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter sieben noch deutlich Luft nach oben. Zum Vergleich: Die Industrieländer liegen momentan - trotz der massiven Korrekturen - bei einem KGV von rund 14.
FTD Ihre Lieblingsaktie?
Peisert Einer unserer Langzeitfavoriten ist Marktführer Unified Energy. Besonders interessant erscheint uns aber auch Rostovenergo, eine Tochter des Energieversorgers Unified. Im Vergleich zum Mutterkonzern ist das Elektrizitätsunternehmen sogar noch günstiger bewertet. Zudem verfügt Rostovenergo über eine gute Kostenstruktur, da über 20 Prozent der Stromproduktion mit Wasserkraft erfolgen. Die Aktie steht momentan bei rund 1,50 Euro. Auf Sicht von zwölf bis 24 Monaten halten wir ein Kursziel von 3 bis 6 Euro für realistisch.
*Das Interview führte Hans-Jürgen Möhring, Redakteur der Financial Times Deutschland.
  • FTD.de, 17.07.2002
    © 2002 Financial Times Deutschland,
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