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Merken   Drucken   13.01.2008, 20:08 Schriftgröße: AAA

Agenda: Low Fidelity

Dossier Jahrzehntelang war Fidelity unter den Fondsgesellschaften die unangefochtene Nummer eins. Skandale, mäßige Renditen und neue Konkurrenzprodukte ließen den Konzern zurückfallen. Doch der 77-jährige Patriarch Ned Johnson denkt nicht an Rücktritt. von Heike Buchter (New York)
In der Klatschpresse sucht man Edward C. "Ned" Johnson III vergebens. Dabei gehört der Vorstandschef und Aufsichtsratsvorsitzende der weltgrößten Fondsgesellschaft Fidelity  zu den Superreichen Amerikas - mit einem geschätzten Privatvermögen von 7,5 Mrd. $ ist er die Nummer 35 auf der Liste des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes". Doch er gibt keine rauschenden Partys, brüstet sich nicht mit millionenschweren Gemäldekäufen, baut keine protzigen Vorstadtvillen, mit denen sich die Spekulanten der Wall Street sonst gerne schmücken.
Ausgerechnet die vornehme Zurückhaltung hat den 77-jährigen Patriarchen jetzt ins Rampenlicht befördert. Fast täglich gibt es neue Gerüchte um die Frage: Wer übernimmt nach Johnson das Steuer des 3300 Mrd. $ schweren Investmentkolosses?
So lange wie der Fidelity-Boss - der intern nur ehrfurchtsvoll der "Chairman" genannt wird - hat sich kaum ein anderer in der amerikanischen Finanzbranche an der Spitze gehalten: Seit 35 Jahren leitet er unangefochten die Fondsgesellschaft. Doch die unklare Nachfolge und sein autoritärer Führungsstil gefährden nun sein Lebenswerk. Das Imperium hat an Glanz eingebüßt, Topmanager springen ab - und die Kunden legen ihr Geld lieber bei der Konkurrenz an.
Fidelity ist längst nicht mehr die Nummer eins   Fidelity ist längst nicht mehr die Nummer eins
Lange galt Fidelity als unangreifbar. Die Bostoner gehören zu den Altersvorsorgeanbietern der ersten Stunde. Die wohlhabenden Dynastien der Ostküste suchten nach einer Möglichkeit, ihr Erbe gewinnbringend anzulegen. So entstanden die ersten Investmentfonds. Johnsons Vater sah die Chance, die elitären Geldpools für einen breiteren Kreis von Anlegern zu öffnen, und gründete 1946 Fidelity Investments. Sein Sohn baute das Unternehmen zur Nummer eins aus. Zu den Fonds kam unter anderem ein eigenes Brokerhaus, eines der größten der Branche. Heute arbeiten 46.000 Beschäftigte für Fidelity, und die Zahl der Fonds ist auf über 400 angeschwollen.
Ein Lebenswerk, das bald in die nächste Generation überführt werden müsste. Doch sämtliche Führungskräfte, die Ned Johnson hätten nachfolgen können, haben Fidelity in den vergangenen Monaten verlassen. Zuerst ging Stephen Jonas, der Leiter der Investmentfondssparte, wenige Wochen darauf folgte Johnsons rechte Hand Bob Reynolds. Im August warf Ellyn McColgan hin. Inzwischen leitet sie die Vermögensverwaltung der Investmentbank Morgan Stanley. Johnson hatte die 53-Jährige düpiert, indem er seinen einstigen Vertriebschef Rodger Lawson zurückgeholt und McColgan vor die Nase gesetzt hatte.
Fidelity-Chef Ned Johnson macht einfach weiter   Fidelity-Chef Ned Johnson macht einfach weiter
Typisch Johnson: "Das gehört zur Fidelity-Kultur, der Wettbewerb wird zwischen verschiedenen Bereichen genauso wie zwischen den einzelnen Managern gefördert", sagt John Bonnanzio vom unabhängigen Newsletter "Fidelity Insight". Ein Insider sieht es weniger sportlich: "Ned hat bislang alle weggebissen, die ihm auf der Karriereleiter zu nahe gekommen sind."
Selbst die eigene Tochter Abigail setzte Johnson ab, als die Fondssparte, der sie vorstand, nicht rund lief. "Familiengeheimnisse: Fidelitys ohrenbetäubendes Schweigen", titelte jüngst das Wirtschaftsmagazin "Fortune". Nach dem Abgang der übrigen Kandidaten gilt die 46-Jährige indes wieder als Favoritin, was die Finanzgemeinde in Verwirrung stürzt.
"Mr. Johnson hat kontinuierlich an einem Plan gearbeitet, der eine reibungslose Kontinuität bei Fidelity gewährleistet und diese Nachfolgeregelung mit dem Aufsichtsrat abgestimmt", redet ein Konzernsprecher die Lage schön. Doch die erratische Kandidatenkür schlägt längst aufs Renommee durch: Die Unsicherheit darüber, wer Fidelity künftig führen wird, stelle ein erhöhtes Risiko dar, bemängelten im November die Analysten der Ratingagentur Moody's. Schon kursieren Gerüchte über einen Verkauf oder einen Börsengang.

Teil 2: Warum Reformen nötig sind

  • Aus der FTD vom 14.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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