Eigentlich gab es für den Vorstand des Baustoffkonzerns Heidelberg Cement vor zwei Wochen allen Grund, die Champagnerkorken knallen zu lassen: Nach einer Kursverdopplung binnen gut einem Jahr und einer erfolgreichen Kapitalerhöhung rückte das Unternehmen am 21. Juni in den DAX auf. Der Ritterschlag für ein börsennotiertes Unternehmen sollte eigentlich für Zukäufe passiver Indexfonds, Prestigegewinn und höhere Aufmerksamkeit institutioneller Investoren sorgen.
Was aber passierte? Die Heidelberg-Cement-Aktie hat seit dem 21. Juni 18 Prozent an Wert verloren - zweieinhalbmal so viel wie der DAX selbst, und das ohne besondere Nachrichten. Heidelberg Cement ist kein Einzelfall. Von den elf DAX-Aufsteigern der letzten fünf Jahre schnitten acht bis heute oder bis zu ihrem DAX-Rauswurf schlechter ab als der Index selbst. Verantwortlich für diese Entwicklung ist der enorme Vormarsch prozyklischer Anlagestrategien. Vereinfacht gesprochen heißt das: Institutionelle Anleger kaufen gern, was bereits gut gelaufen ist, und verkaufen, was schlecht gelaufen ist. Im Zuge der Finanzkrise hat das beinahe phobische Züge angenommen: In hohem Bogen und zu fast jedem Preis flog zunächst ab Spätsommer 2008 alles aus den Depots, was auch nur im entferntesten mit Risiko assoziiert wurde: Bankaktien, Ramschanleihen, Schwellenländerpapiere. Ab März 2009 lief das Spiel umgekehrt: Die riskantesten Anlageklassen lieferten im Jahr 2009 die höchsten Gewinne.
Für diese Entwicklung sind zwei Dinge verantwortlich: Erstens die durch die Finanzkrise veränderte Wahrnehmung von Risiko. Nur wenige Großinvestoren trauen sich, eine Minderheitsmeinung durchzuhalten und sich gegen die trampelnde Masse zu stellen. Größer als die Angst, zertrampelt zu werden, ist die, von Kunden im falschen Moment mit Risiko assoziiert zu werden.
Zweitens ist der enorme Vormarsch prozyklischer Handelssysteme auch eine Folge des Booms passiver Anlageprodukte wie der Indexfonds (ETFs). Diese sind - bis auf ganz wenige Ausnahmen - bereits in sich prozyklische Anlageformen. Wer in einen Aktienindexfonds wie etwa einen DAX-ETF investiert, kauft damit vor allem Aktien, die bereits stark gelaufen sind, da der Index kapitalgewichtet wird. Sprich: Je stärker eine Aktie sich entwickelt hat, desto höher ist auch ihr Indexgewicht - und umgekehrt.
Den unzweifelhaften Vorteilen der Indexinvestments zum Trotz - Transparenz, günstige Preise, hohe Liquidität - reiht sich etwa im Deutschen Aktienindex aus Sicht eines passiven Investors seit rund einem Jahrzehnt eine Katastrophe an die nächste. Aktien wie die des Finanzdienstleisters MLP (84 Prozent Kursminus während seiner DAX-Mitgliedschaft), des Chipherstellers Infineon (99 Prozent Minus), der Ex-Siemens -Tochter Epcos (74 Prozent Minus) und der Skandalbank Hypo Real Estate (94 Prozent Minus) wurden zu Höchstkursen in den DAX aufgenommen und zu Tiefstkursen wieder hinausgeworfen - ein prozyklisches Handeln par excellence. Umgekehrt konnte sich kein einziger Aufsteiger der letzten zehn Jahre nachhaltig positiv von der DAX-Entwicklung absetzen.
Teil 2: Vollends grotesk wird es im Reich der Anleihenindexfonds