Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Einen Tag bevor das Internetnetzwerk Facebook mit der Rekordbewertung von 104 Mrd. Dollar an die Börse ging, ließ Investmentlegende Warren Buffett die ganze Welt wissen, dass er auf die Zukunft eines Mediums setzt, für das manche Beobachter bereits die Sterbeglocke läuten hören - die Zeitung.
Für 142 Mio. Dollar übernahm Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway vergangene Woche 63 Lokal- und Regionalblätter des US-Medienunternehmens Media General im Südosten der Vereinigten Staaten. Und Buffetts Appetit auf Print ist damit nicht gestillt: "Wir werden wahrscheinlich noch mehr Zeitungen kaufen", kündigte er an.
Mit Aktien von US-Zeitungsverlagen können Anleger darauf setzen, dass der wegen seiner Investmenterfolge als "Orakel von Omaha" gefeierte Börsenstar auch diesmal wieder den richtigen Riecher hat. Analysten hatten bereits in den vergangenen Monaten etliche dieser Papiere von "Halten" auf "Kaufen" heraufgestuft.
Seit Jahrzehnten beschert Buffett seinen Berkshire-Aktionären Milliardengewinne durch Investments in unterbewertete Marktsegmente und Unternehmen. Nun setzt er auf eine Branche, die besonders tief in die Krise geraten ist. "Berkshire Hathaway sendet mit dem Deal einen deutlichen Vertrauensbeweis für die Regionalzeitungen", sagt Edward Atorino, Analyst bei Benchmark Capital. "Buffett hat mit Sicherheit kein Fehlinvestment getätigt", meint auch John Morton, Präsident des Analysehauses Morton Research.
Verlage in den USA hatten in den vergangenen Jahren sehr viel stärker als Medienhäuser in Europa mit schwindenden Erlösen zu kämpfen. 14 Regionalzeitungen wurden seit 2007 eingestellt. Vordergründig scheint dies an der Konkurrenz durch die digitalen Medien zu liegen. Statistische Daten des Verlegerverbands Newspaper Association of America (NAA) zeigen jedoch, dass tatsächlich die durch den Crash am Häusermarkt ausgelöste Rezession den Verlagen zu schaffen macht.
Seit Beginn der US-Wirtschaftskrise vor vier Jahren sind die Anzeigenerlöse um dramatische 56 Prozent eingebrochen - auf 20,7 Mrd. Dollar im Jahr 2011. Die durchschnittliche verkaufte tägliche Auflage schrumpfte im selben Zeitraum um nur knapp zehn Prozent auf rund 44 Millionen Exemplare. Buffett geht davon aus, dass die Abonnentenzahlen und vor allem das Anzeigenaufkommen nun mit der Erholung der US-Wirtschaft wieder steigen werden.
Noch 2009 hatte die Börsenlegende Investments in börsennotierte Zeitungsverlage abgelehnt. Bereits Ende des vergangenen Jahre hatte Berkshire Hathaway allerdings die in Buffetts Heimatstadt Omaha erscheinende Tageszeitung "World-Herald" erworben. Außerdem hält er Anteile an der "Washington Post ".
Die jüngsten Mediendaten sprechen für Warren Buffetts Annahme. Nach Angaben des amerikanischen Leistungskontrolleurs von Werbeträgern, des Audit Bureau of Circulation, stieg die Auflage der US-Tageszeitungen in den sechs Monaten bis Ende März dieses Jahres um 0,68 Prozent. Die der Sonntagszeitung legte sogar um fünf Prozent zu. Das schlägt sich auch in den Einschätzungen der Analysten zu Aktien von US-Zeitungsverlagen nieder. Nach der Konsensmeinung der Beobachter werden zahlreiche Verlage in den kommenden Jahren ihre Gewinne und Dividendenausschüttungen erhöhen können.
Der "New York Times " ist dies bereits gelungen. Im ersten Quartal dieses Jahres erzielte der Verlag einen Gewinn von 0,08 Dollar pro Aktie. Im Vorjahreszeitraum war dagegen nur mit Mühe eine schwarze Null geschrieben worden. Venu Krishna, Analyst bei Barclays Capital, geht davon aus, dass die Aktie in den kommenden zwölf Monaten um fast 30 Prozent auf 8 Dollar steigen wird.
Auch für das Papier von Gannett , Herausgeber von "USA Today" und vielen Regionalzeitungen, gibt es derzeit vier Kaufempfehlungen. Kein einziger Analyst hat das Papier noch mit "Reduzieren" oder "Verkaufen" eingestuft. Kannan Venkateshwar von Barclays Capital sieht das Kursziel bei 16 Dollar - was einem Gewinn von 23 Prozent entsprechen würde.
Gleich drei Analysten haben zuletzt die Aktie der Meredith Corporation mit der höchsten Kaufempfehlung "Strong Buy" eingestuft. Die Gesellschaft gibt nicht nur Zeitungen und Magazine heraus, sondern betreibt auch eine Reihe lokaler Radio- und TV-Sender. Besonders positiv schätzen die Experten die Aussichten für die "Washington Post" ein. Nach dem Analystenkonsens wird der Verlag dieses Jahr genug verdienen, um eine Dividende von umgerechnet 7,50 Euro pro Aktie auszuschütten. 2013 sollen es sogar 8,12 Euro sein.