Ob in Europa, den Vereinigten Staaten oder Asien - nach Ansicht der Anlagestrategen europäischer Fondshäuser müssen sich Investoren im zweiten Halbjahr mit Blick auf die wirtschaftliche Lage gleich auf mehrere Stolpersteine an den Aktienmärkten einstellen. "Die Risiken liegen vor allem außerhalb Europas", meint etwa Stefan Rondorf, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors. "Eine ernstere Konjunktureintrübung in den USA könnte dazugehören oder auch, wenn der Konsens einer weichen Landung der Konjunktur in China hinterfragt wird."
Dagegen glaubt etwa Kurt Schappelwein, Leiter der Abteilung für gemischte Anlagestrategien bei Raiffeisen Capital Management, dass die größte Gefahr von den Entwicklungen auf dem alten Kontinent ausgeht: "Größtes Risiko bleibt ein Kollaps der Euro-Zone, obwohl oder gerade weil sich alle Marktteilnehmer und Politiker dieses Risikos bewusst sind und davon ausgehen, dass Politik und Notenbanken das Schlimmste notfalls schon irgendwie verhindern werden." Andrew Cole, Anlagestratege bei Baring Asset Management, sieht wiederum Probleme an den asiatischen Aktienmärkten aufziehen: "Im Vergleich zu den entwickelten Märkten ist dort der Optimismus, was die Aussichten betrifft, zu groß."
Die Unsicherheit der Experten über das Geschehen an den Aktienmärkten zeigt sich in den Ergebnissen der aktuellen Fondsumfrage, die die FTD einmal im Quartal unter europäischen Kapitalanlagegesellschaften durchführt. An der aktuellen Umfrage haben neun Fondshäuser teilgenommen, die zusammen mehr als 350 Mrd. Euro verwalten. Die vielen Unwägbarkeiten, die die Strategen für die Aktienmärkte sehen, spiegeln sich auch in ihren Erwartungen für das dritte Quartal wider. Für alle abgefragten Märkte finden sich zunehmend weniger Börsenbullen. Entsprechend sehen die Strategen in Europa vor allem defensive Dividendenpapiere unter den Gewinnern des nächsten Quartals, beispielsweise die Branchen Gesundheitswirtschaft, Medizintechnik oder die Hersteller von nicht zyklischen Konsumgütern. Titel aus stark konjunkturabhängigen Sektoren wie Hersteller zyklischer Konsumwerte oder Einzelhandelsfirmen erwarten sie dagegen eher auf der Verliererseite.
Der wacklige Ausblick für Aktien in Kombination mit den historisch niedrigen Zinsen bedeutet für Privatanleger harte Zeiten, wenn sie ihr Geld nicht nur sicher verwahren, sondern mit einer Investition tatsächlich auch Rendite einfahren wollen. Das bemerken auch die Strategen von Sal. Oppenheim Asset Management. Zwar seien Investoren derzeit zurückhaltend und hätten keine besonders große Neigung zum Risiko. "Gleichzeitig lassen Anleger aber auch dank niedriger Zinsen und hoher Unsicherheit Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Konzepten erkennen", schreiben die Sal.-Oppenheim-Strategen.
Daher setzen einige der befragten Anlageexperten, darunter etwa Johannes Maier von der Postbank, derzeit bei der Geldanlage auch auf sogenannte Spreadprodukte. Das sind Anleihen, die aufgrund der Bonität des Schuldner mit einem Zinsaufschlag (Spread) gegenüber weniger risikoreichen Papieren gehandelt werden. Zu den Produkten zählen Schwellenländeranleihen (siehe dazu auch Seite 21) oder Hochzinsanleihen von Unternehmen. Für Kurt Schappelwein von Raiffeisen Asset Management kommen auch Staatsanleihen aus Peripherieländern wie Spanien, Italien, Irland und Portugal durchaus infrage, um von deren höherer Verzinsung zu profitieren.
Ralf Wiedenmann, Chefökonom der Vermögensverwaltungssparte bei der Schweizer Bank Vontobel , warnt allerdings vor Übermut: "Es wäre falsch, blindlings wegen der allgemein niedrigen Renditen in höhere Risiken zu investieren", meint er. Hochzins- und Schwellenländeranleihen hält er derzeit jedoch für attraktiv: "Unternehmen haben ihre Hausaufgaben bezüglich Schuldenabbau besser gemacht als die Staaten. Die Schwellenländer haben niedrigere Schuldenquoten als die Industrieländer." Zur Vorsicht rät auch Peter Reichel, Leiter der Vermögensverwaltung beim Geldhaus Berenberg: "Renditemöglichkeiten gibt es immer. Diese sollten aber die individuelle Risikotragfähigkeit berücksichtigen."
Dass die Aktivitäten von Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) oder der Federal Reserve (Fed) in den USA den Kapitalmärkten noch einmal so starken Auftrieb geben können, wie sie es in der ersten Jahreshälfte getan haben, daran zweifelt mittlerweile ein Großteil der Experten. Dabei sehen sie nicht nur die jüngste Leitzinssenkung der EZB von einem auf 0,75 Prozent kritisch, sondern auch mögliche weitere Lockerungsmaßnahmen der Fed. "Die Wirkung schwächt sich ab", meinen etwa die Strategen der Vermögensverwaltung WestLB Mellon. Ähnlich sieht das auch Volker Krebs vom Fondshaus Mandarine Gestion: "Es besteht das Risiko, dass die nächste quantitative Lockerung keinen Effekt mehr auf die Realwirtschaft hat."
| Branchen und Märkte im Überblick |
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| Teilnehmer Die FTD befragt viermal im Jahr Fondsgesellschaften nach ihren Markteinschätzungen und Veränderungen in den Portfolios. An der aktuellen Umfrage haben neun Unternehmen teilgenommen: Allianz Global Investors, Baring Asset Management, Berenberg Bank, Mandarine Gestion, Postbank, Raiffeisen Capital Management, Sal. Oppenheim Asset Management, Bank Vontobel Asset Management und WestLB Mellon Asset Management. Insgesamt verwalten die Fondsgesellschaften weltweit ein Vermögen von über 350 Mrd. Euro. |
| Favoriten Nach Ansicht der Experten liegen auch in den kommenden Monaten die Aktien der Unternehmen vorn, die weitgehend unabhängig von Konjunkturschwankungen Gewinne erzielen können, wie beispielsweise die Gesundheitsbranche. Weniger gefragt sind hingegen Titel von Firmen, deren Erfolg stark an der wirtschaftlichen Entwicklung hängt. Auch Banken und Finanzdienstleister sehen die Strategen eher unter den schwächeren Titeln. |
| Prognosen Den deutschen Leitindex DAX sehen die Experten zum Jahresende größtenteils bei 7000 Punkten, einige Optimisten gehen sogar von einem Punktestand von 7300 aus. Mit Blick auf die kommenden drei Monate sind die Strategen den asiatischen Aktienmärkten sowie dem US-Markt gegenüber eher neutral eingestellt. Wegen der weiterhin ungelösten Schuldenkrise in den südeuropäischen Staaten sieht rund ein Drittel der Befragten die europäischen Aktienmärkte besonders kritisch. |
| Index | aktuell | Ende 2012* |
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| DAX | 6630 | 6400–7300 |
| Euro Stoxx 50 | 2237 | 2250–2750 |
| Nikkei | 8669 | 8900–10000 |
| Dow Jones | 12822 | –13300 |
| S&P 500 | 1362 | 1350–1500 |
*jeweils niedrigste und höchste Prognose; Quelle: FTD-Umfrage; Stand: 20.7.2012