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Merken   Drucken   22.05.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Investmentfonds INCJ: Innovationsförderung der japanischen Art  

Mit einem riesigen Fonds will Tokio neue Techniken unterstützen. Über eine Investitionskapazität von rund 18,6 Mrd. Euro verfügt INCJ. Doch das Geld kommt nicht nur kleinen Firmen zugute, sondern auch Großkonzernen mit nennenswertem Eigenkapital.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Kimimasa Mayama
Premium Mit einem riesigen Fonds will Tokio neue Techniken unterstützen. Über eine Investitionskapazität von rund 18,6 Mrd. Euro verfügt INCJ. Doch das Geld kommt nicht nur kleinen Firmen zugute, sondern auch Großkonzernen mit nennenswertem Eigenkapital.
von Sonja Blaschke, Tokio

Sie ist die große Unbekannte. Taucht immer häufiger in Nebensätzen in den japanischen Medien auf. Ist mit von der Partie, wenn ein neues Krebsmittel entwickelt wird, wenn sich Display-Hersteller zusammentun oder ein neuer Gabelstapler-Firmengigant entsteht. Die INCJ. Selbst Wirtschaftsexperten zucken bei Erwähnung des Akronyms mit den Schultern: keine Ahnung, was die treiben.

Offizielle Mission der Innovation Network Corporation of Japan (INCJ) ist es, dort finanziell unter die Arme zu greifen, wo Innovationen gefördert werden sollen. Kritiker werfen der Organisation hingegen Marktverzerrung vor. Denn das so genannte "Public Private Partnership" (PPP) finanziert sich mehrheitlich aus Staatsgeldern. 142 Mrd. Yen (1,4 Mrd. Euro) steuert die Regierung bei, insgesamt 10 Mrd. Yen kommen von 19 etablierten japanischen Unternehmen wie Sumitomo, Sharp, Panasonic und sogar von Tepco, Betreiber des Unglücks-Reaktors in Fukushima. Eigenen Aussagen zufolge verfügt die Organisation, inklusive staatlicher Garantien für Kredite, über eine Investmentkapazität von umgerechnet stattlichen 18,6 Mrd. Euro (1900 Mrd. Yen).

Die kommen nicht nur kleinen Firmen zugute, sondern auch Großkonzernen mit nennenswertem Eigenkapital. Prominentes Beispiel aus jüngster Zeit war die Gründung von Japan Display im April. In das Gemeinschaftsunternehmen brachten die Hersteller Hitachi , Toshiba  und Sony  ihr Display-Geschäft ein. 85 Prozent des Kapitals, rund 200 Mrd. Yen, steuerte die INCJ bei, der Rest stammt von den Partnern. Japan Display soll Panels aus organischen Leuchtdioden herstellen, bisher die Domäne von Samsung  aus Korea. Ziel für das Jahr 2015 ist die Führung auf dem Weltmarkt mit einem Anteil von 20 Prozent. Fujitsu , Panasonic  und Renesas liebäugeln mit einer ähnlichen Konstruktion für Teile ihres Chipgeschäfts.

Mit der Bündelung der Kräfte hofft Japan, die Konkurrenz aus Korea und China in Schach zu halten. Besonders der heimische Elektroniksektor tut sich schwer gegen die Wettbewerber, die meist ebenfalls auf staatliche Zuschüsse oder günstige Kredite zurückgreifen können. Sony hat im abgelaufenen Geschäftsjahr den höchsten Verlust der Unternehmensgeschichte geschrieben, Panasonic ebenso. Chipbauer Elpida  hat Insolvenz angemeldet und wird wohl vom US-Konkurrenten Micron  übernommen.

Um die Branche zu päppeln, bewegt sich das Land mit seiner Industrieförderung in einem Grenzbereich der Regeln, die die Welthandelsorganisation vorgegeben hat. Im Gegensatz zu privaten Wagniskapitalgebern wolle die INCJ "geduldiges, mittel- bis langfristiges Risikokapital" für neue Geschäftsideen bereitstellen, heißt es in einem Infoblatt der Organisation. Das bedeutet, der Zeithorizont ist länger - und damit der kurzfristige Erfolgsdruck niedriger. Neben der Förderung von Industrien der "nächsten Generation", von Zukunftsbetrieben wolle man auch innovative Konzepte etablierter Unternehmen fördern.

Wie sich der INCJ finanziert und wie der Fonds investiert   Wie sich der INCJ finanziert und wie der Fonds investiert

Franz Waldenberger, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der sich auf Japans Wirtschaft spezialisiert hat, steht der Finanzierungsart der INCJ skeptisch gegenüber. "Wenn sie tatsächlich in das investieren wollen, was im Namen steht, also Innovation, dann passt diese risikofreie Finanzierung eigentlich gerade nicht." Er vermutet, dass entweder sehr niedrige Zinsen verlangt werden, die das Risiko nicht abdecken, und entsprechend sichere Projekte ausgewählt werden - oder aber, dass "in alles Mögliche" investiert werde, auf die Gefahr hin, Verluste zu machen, für die der Staat letztlich geradesteht. "In Japan ist die Unterscheidung zwischen Wirtschaft, Staat und Verwaltung schwammig", so Waldenberger.

Die INCJ entstand im Juli 2009 im Zuge eines Gesetzes, mit dem die japanische Industriebasis gefördert werden soll (Law on Special Measures for Industrial Revitalization). Takuji Tanaka, Executive Manager der INCJ, erklärt die Kriterien der Organisation so: Bei den INCJ-geförderten Projekten müsse - neben Wachstumspotential und Innovation - auch einen "Wert für die Gesellschaft" erkennbar sein. Dies unterscheide sie von privatwirtschaftlich geförderten. Aus 600 Bewerbungen wurden bis April 23 förderwürdige ausgewählt und 400 Mrd. Yen investiert. Um die Projekte auf Herz und Nieren zu prüfen, arbeite man mit Dritten, darunter der Unternehmensberatung McKinsey, zusammen, sagte Tanaka.

"Von außen sieht das vermutlich so aus, als würde der Staat den Markt unfair beeinflussen", sagt Wirtschaftsprofessor Toru Mihara, der an der PPP Graduate School der Toyo Universität unterrichtet und im Mitsui Global Strategic Studies Institute tätig ist. Die INCJ sei sehr "japanisch", die Bürokraten erschüfen gern solche Strukturen. Dass nicht erkennbar sei, welche Rolle der Staat im Management der INCJ spiele, sei dabei beispielhaft. "Mittlerweile sind sie allerdings ein bisschen vorsichtig mit Amakudari", sagt er schmunzelnd. Gemeint ist der Wechsel hoher Staatsbeamter in gut dotierte Ämter der Privatwirtschaft. In einer INCJ-Präsentation heißt es: "Im Prinzip ist die INCJ direkt am Management der Investitionen beteiligt." INCJ-Manager Tanaka bemüht sich klarzustellen, damit sei lediglich die Rolle der INCJ als Aktionär gemeint.

Japan-Kenner wie Mihara und Waldenberger sehen in der INCJ weniger eine echte Innovationsförderung als eine Neuauflage der Restrukturierungsagentur Industrial Revitalization Corporation of Japan (IRCJ), die von 2003 bis 2007 tätig war. INCJ-Manager Tanaka weist diesen Eindruck zurück: Mit der IRCJ habe man versucht, etwa durch Abspaltung unprofitabler Geschäftsbereiche, Unternehmen vor dem Bankrott zu retten. Die INCJ hingegen verwende ihr Budget, um Wachstum zu fördern.

Waldenberger überzeugt dies wenig: "Wenn es in Japan nicht funktioniert, ändert man den Namen, durchaus mehrmals." Beispiele für diese Methode gebe es auch in Japans Nuklearindustrie. Während die INCJ bei jeder Gelegenheit ihren Zweck als Innovationsförderer betont, spricht ein Vertreter von Toshiba hinter vorgehaltener Hand Klartext: Japan Display sei eine Restrukturierungsmaßnahme. Das Geschäft mit kleinen und mittleren LCD-Bildschirmen sei durch dieses Konstrukt mitsamt seiner Mitarbeiter aus Toshiba "ausgegliedert" worden. Toshiba halte nur noch einen minimalen Anteil daran. "Aber vielleicht werden wir einmal ein Kunde von Japan Display", sagt er. Dafür müsste es der INCJ wohl gelingen, dass ihr Engagement tatsächlich in Innovationen mündet.

  • Aus der FTD vom 23.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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