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Merken   Drucken   08.12.2009, 14:00 Schriftgröße: AAA

Investmentfonds: Profitieren von den Fehlern anderer

Behavioral-Finance-Fonds haben derzeit Konjunktur. Ob sie den Anlegern tatsächlich einen Mehrwert bringen, muss sich noch zeigen. Denn in Zeiten ohne klare Trends offenbaren sie Schwächen. von Julia Groth
Als vor einigen Monaten die Aktienkurse reihenweise in den Keller sackten, war das für einige Wissenschaftler ein "Ich habe es doch gesagt"-Moment. Die Kurse fielen zunächst nur ein bisschen, woraufhin viele Anleger unsicher wurden und ihre Wertpapiere verkauften - was wiederum dazu führte, dass die Kurse ihre Talfahrt beschleunigten. Eine Abfolge, die Erkenntnisse aus der sogenannten Behavioral Finance bestätigt.
Diese Forschungsrichtung verbindet die Finanzwissenschaft mit Psychologie. Sie geht davon aus, dass Menschen an Finanzmärkten nicht rational handeln, sondern von Emotionen getrieben sind. Und deshalb zum Beispiel verlustreiche Papiere viel zu lange halten. Denn ihnen widerstrebt es nach Ansicht der Verhaltensökonomen, sie zu einem Wert unter dem ursprünglichen Kaufpreis abzustoßen.
Weitere Erkenntnisse der Forscher: Anleger neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen sowie in zufälligen Ereignisabfolgen Muster zu erkennen. Sie denken häufig in Stereotypen und nehmen Informationen selektiv wahr, abhängig von ihrer Tagesform und davon, wie die Informationen präsentiert werden. Hinzu kommt, dass sich Anleger oft wie Herdentiere verhalten und blind darauf vertrauen, dass die Masse das Richtige tut.
Unterschiedliche Fonds nennen sich "Behavioral Finance"
Immer mehr Fondsanbieter bringen Produkte auf den Markt, die das Etikett "Behavioral Finance" tragen. Sie verfolgen allerdings keineswegs die gleiche Anlagestrategie, sondern sind zum Teil sehr unterschiedlich konzipiert. Das liegt dran, dass sich eine wissenschaftliche Theorie kaum in einen Fonds pressen lässt.
"Das Konzept der Behavioral Finance führt bei Fonds zu keinen prognostizierbaren Ergebnissen", sagt der Betriebswirt, Psychologe und Fachbuchautor Heinz-Kurt Wahren. "Sich an weichen Kriterien zu orientieren, ist zwar nicht verkehrt, bringt aber keine messbaren Vorteile", sagt Wahren. Wenn Behavioral-Finance-Fonds gut abschneiden, liege das keineswegs an ihrem ausgeklügelten Modell. Sondern vielmehr am Zufall. Oder - ganz klassisch - am Geschick ihres Managers.
So scheint es zum Beispiel beim "Europe Sector Trends" der Liechtensteiner LGT Capital Management der Fall zu sein, die zur fürstenhaus-eigenen LGT Group gehört. Der Fonds investiert in europäische Aktien. Und zwar theoretisch nur in Titel, die einen stabilen, nachvollziehbaren Trend aufweisen und sich in einer Phase des Trends befinden, die die Fondsmanager als günstig für einen Einstieg erachten.
In volatilen Zeiten ist es schwer, ein Trend zufinden
Im April dieses Jahres gestartet, ging bei dem Fonds jedoch bislang vieles schief. Dass er seitdem trotzdem rund 36 Prozent zugelegt hat, dürfte kaum an seiner Behavioral-Finance-Strategie liegen.
Zum Start war das Marktumfeld für den Fonds alles andere als günstig, weil es kaum positive Trends gab. Als dann im Frühjahr die Finanzwerte stiegen, taten sie es so schnell, dass ihre Entwicklung für die LGT-Analysten keinen stabilen Trend darstellte. Um nicht empfindlich hinter ihrer Benchmark, dem Index MSCI Europe, zu bleiben, warfen die Manager ihre Behavioral-Finance-Strategie kurzentschlossen über den Haufen und investierten in Finanzunternehmen - auch ohne Trend.
"Manchmal dreht sich der Markt so schnell, dass Behavioral-Finance-Analysen nicht mehr funktionieren", begründet der Co-Manager des Fonds Volker Hergert. Für die nähere Zukunft erwartet er, dass der Aktienmarkt sich seitwärts bewegt, also weiterhin klare Trends vermissen lässt. "In solchen Phasen erhalten wir auch keine klaren Signale."
An Strategie festgehalten
Die Fondsmanager der 19 Behavioral-Finance-Fonds von JP Morgan Asset Management hingegen sind ihrer Anlagestrategie weitgehend treu geblieben. Sonderlich innovativ ist diese Strategie allerdings nicht. Die Manager suchen nach unterbewerteten Wertpapieren sowie Titeln mit überdurchschnittlich großem Wachstumspotenzial. Denn Verhaltensökonomen zufolge sind Anleger solchen Aktien gegenüber zu pessimistisch eingestellt, deren Kurs fällt - auch wenn das Unternehmen eine vielversprechende Basis hat.
Außerdem verkauften Anleger gewinnträchtige Papiere oft zu früh, um ihre Gewinne zu sichern. "Langfristig lässt sich mit diesen Erkenntnissen aus der Behavioral Finance eine überdurchschnittliche Wertentwicklung erzielen", sagt Karsten Stroh, Leiter des Produktmanagements für JP Morgans europäische Aktienfonds. "Binsenweisheiten", meint dagegen Behavioral-Finance-Experte Wahren. "An den Anlegern orientiert sich doch jeder irgendwie."
Dass es offenbar rege Nachfrage nach Behavioral-Finance-Fonds gibt, kann kaum daran liegen, dass sie generell erfolgreicher wären als andere Fonds. Wahrens Beobachtung nach schlagen sie sich ebenso gut oder schlecht. Sie befriedigen jedoch, schätzt er, den Wunsch vieler Anleger, Phänomene an den Finanzmärkten psychologisch - und damit allgemein verständlicher - erklärt zu bekommen.
  • FTD.de, 08.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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