FTD.de » Finanzen » Investmentfonds » Publikumsfonds droht Massensterben

Merken   Drucken   24.11.2008, 15:54 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Publikumsfonds droht Massensterben

Die Zahl neuer Produkte ist 2008 stark gestiegen. Viele werden die kritische Größe nicht erreichen und bald wieder schließen. Dutzende hat es bereits erwischt. von Christoph Hus
Bei der Fondsgesellschaft Pioneer Investments ist derzeit Großreinemachen angesagt. Im Dezember wollen die Münchner ein gutes Dutzend ihrer Fonds mit anderen verschmelzen. Im kommenden Jahr soll dieses Schicksal weitere Produkte ereilen. Außerdem will die Fondsgesellschaft von Unicredit in den kommenden zwei Jahren mehr als 20 Fonds liquidieren und den Kunden ihr Geld zurückgeben. Pioneer-Geschäftsführer Dominik Kremer müht sich, die Aktion nicht wie ein Scheitern aussehen zu lassen. "Die Straffung unserer Produktpalette ist im Sinne eines effizienten und kostenbewussten Fondsmanagements im unmittelbaren Interesse unserer Kunden", sagt Kremer.
An Pioneer könnten sich bald andere Kapitalanlagegesellschaften ein Beispiel nehmen, fürchten Anleger. Denn sinkt das Volumen eines Fonds, lohnt es sich für die Unternehmen immer weniger, das Produkt weiterzuführen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder verschmilzt der Anbieter zwei Fonds zu einem, oder er liquidiert ein Produkt und gibt das Geld an die Kunden zurück. Zuletzt haben Fondsgesellschaften das in großem Stil nach dem Platzen der New-Economy-Blase vor acht Jahren getan: Damals schlossen sie reihenweise Fonds - zum Beispiel solche, die in Technologieaktien investierten.
Heute haben die Gesellschaften wieder mit rasant sinkenden Fondsvolumina zu kämpfen: Vor allem Aktien- und Rentenfonds sind in den vergangenen Monaten unter die Räder gekommen. So haben Anleger zwischen Januar und September knapp 1,3 Mrd. Euro aus Aktienfonds abgezogen. Im vergangenen Jahr waren es sogar 15,2 Mrd. Euro, wie Zahlen des Branchenverbands BVI belegen. Rentenfonds haben im laufenden Jahr unterm Strich 5,9 Mrd. Euro an Anleger zurückgegeben, nach 13,5 Mrd. Euro im Jahr 2007. Zusätzlich haben fallende Wertpapierkurse das Vermögen der Fonds dezimiert.
"Viele Produkte stehen nah an einer kritischen Schwelle", sagt Christian Michel, Teamleiter bei der Fondsratingagentur Feri Eurorating Services. Er sieht bei den Standardprodukten der großen Fondsgesellschaften die kritische Masse bei etwa 70 Mio. Euro. Fällt das Fondsvolumen unter diesen Wert, sind die Verwaltungskosten schnell höher als die Einnahmen. Allerdings gilt dieser Wert nur als Faustregel. Im Einzelfall schwanken die Verwaltungskosten für einen Fonds stark. So ist zum Beispiel ein Indexfonds für eine Gesellschaft deutlich günstiger als ein aktiv verwaltetes Produkt.
Die Sorgen der Anleger
Die Kunden plagen derweil andere Sorgen: Liquidiert eine Fondsgesellschaft eines ihrer Produkte, könnte Anlegern ab dem kommenden Jahr ein Steuervorteil verloren gehen. Haben sie die Fondsanteile vor dem Jahreswechsel gekauft, unterliegen die Erträge nämlich nicht der neuen Abgeltungsteuer. Bekommen sie ihr Geld aber ab 2009 von der Fondsgesellschaft zurück und investieren es neu, fällt für die Neuanlage das Privileg weg. Der Steuervorteil bleibt nur dann dauerhaft erhalten, wenn ein Fonds mit einem anderen verschmolzen und nicht liquidiert wird.
In den vergangenen Jahren hat die Zahl der neu aufgelegten und geschlossenen Fonds kontinuierlich zugenommen. Ein regelrechter Gründungsboom setzte in den vergangenen Monaten ein, besonders bei Dach- und Mischfonds, die in mehrere Anlageklassen investieren. Die Fondsanbieter werben mit dem Argument, dass Anleger damit am besten vor der ab 2009 gültigen Abgeltungsteuer geschützt seien.
Viele dürften die kritische Masse jedoch nicht erreichen, die Zahl der Fondsschließungen werde 2009 daher über das Normalmaß hinausgehen, befürchtet Analyst Michel. Besonders groß sei die Gefahr bei Dach- und Mischfonds. "Wenn die Mittelzuflüsse geringer ausfallen, als die Anbieter das erwartet haben, werden sie sich überlegen, ob das Produkt rentabel sein kann", sagt Michel. Anleger seien deshalb gut beraten, auf Fonds mit großem Volumen und auf Klassiker mit bekannten Namen zu setzen.
Noch ist jedoch nicht zu erkennen, dass der deutsche Markt vor einer Welle von Fondsschließungen steht. Aktuell liquidieren Anbieter zwar einzelne Produkte: So wird die Sparkassengesellschaft Deka einen Fonds schließen, und auch die Deutsche-Bank-Tochter DWS liquidiert im Dezember mehrere Fonds. Die Anbieter betonen aber unisono, die Schließungen hätten nichts mit der aktuellen Krise zu tun.
Fusionieren statt liquidieren
Vor einer besonderen Situation stehen derweil Kunden der Fondsgesellschaften Cominvest und Allianz Global Investors. Nachdem die Commerzbank die Dresdner Bank übernommen hat, sollen auch die Fondsanbieter verschmelzen. "Wir schauen uns im Moment alle Fonds an und wollen in den kommenden Monaten entscheiden, welche Produkte wir weiterführen", heißt es bei Allianz Global Investors. Um Anleger vor Steuernachteilen zu schützen, sollen Fonds nach Möglichkeit fusioniert werden, statt sie zu liquidieren, verspricht der Anbieter. Und: Einigen Produkten haben die Manager der Unternehmen schon vorab Bestandsschutz garantiert - darunter dem Aktienklassiker Fondak.
  • FTD.de, 24.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6692,96  [-95.84 -1,41%
  Euro Stoxx 50 2480,76  [-41.58 -1,65%
  Dow Jones 12801,23  [-89.23 -0,69%
  Nasdaq Composite 2903,88  [-23.35 -0,80%
  Euro 1,3194 USD  [0 0,00%
  Brent-Öl 116,68 USD  [-0.84 -0,71%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote