Die deutsche Fondsindustrie staunte am 13. Februar nicht schlecht. "Die Branche muss zu besserer Qualität und höherer Klarheit finden", sagte Ralf Lochmüller, Vorstand der Fondsboutique Lupus Alpha, in einem Zeitungsinterview. "Wer schlechte Qualität nur kraft seines Vertriebs in den Markt drückt, wird auf die Dauer keinen Erfolg haben." Erstmals äußerte sich ein Branchenmitglied so deutlich zu den Problemen der Fondsindustrie.
Jahrzehntelang lebte die Branche wie die Made im Speck: Investmentfonds boten Steuervorteile, Privatanleger trugen ihr Erspartes in Scharen zu Banken und Fondsgesellschaften. Heute aber stecken die nach den Versicherern größten Geldanleger Deutschlands in der Krise.
Die Kosten steigen, etwa durch Regulierung, während die Erträge sinken. Der Markt für Fonds und Anlageprodukte mit einstigen Zuwachsraten von sieben Prozent hat sich zu einem Krisensegment entwickelt, in dem ein Kampf um Kunden, um effiziente Strukturen und um die Zukunft der Branche tobt.
Die Mitglieder des Branchenverbands BVI verwalteten per Ende Juni 1874 Mrd. Euro . Aber Zuflüsse kommen fast nur aus dem margenschwächeren Geschäft mit institutionellen Investoren. Abzüglich Spezialfonds für Versicherungen oder Pensionskassen und dem Vermögen aus Beratungsmandaten stecken 678 Mrd. Euro in Publikumsfonds, in die jedoch auch Profianleger investieren. Und börsengehandelte Indexfonds fallen auch in diese Kategorie, obwohl sie überwiegend an Profis gehen. "Unterm Strich sind vielleicht 300 Mrd. Euro auf Privatanleger zurückzuführen", sagt einer aus der Branche.
"Die Probleme sind unbestritten, man kann sie nicht ignorieren", sagt Fondsanalyst Björn Drescher. Und hinter vorgehaltener Hand fordern selbst Entscheider aus der Branche selbstkritisch einen Paradigmenwechsel. Der Kunde komme zu kurz, ihm würden die neuesten statt der besten Fonds verkauft, die 7000 in Deutschland zugelassenen Publikumsfonds seien zu viel, zu kompliziert. Kritisiert werden auch Vertriebsstrukturen. "Die Verkaufsindustrie funktioniert nicht, weil gute Fonds beworben werden, sondern weil viel Geld dafür gezahlt wird, damit man auf die Toplisten der Vertriebe kommt", sagt ein Insider. Kurz: Der Branche fehle Ehrlichkeit. Anleger hätten das Vertrauen verloren. Die Industrie brauche einen Umbruch.
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Der Aktienbesitz der Deutschen ist laut dem Deutschen Aktieninstitut so hoch wie seit 2007 nicht mehr, aus Fonds fliehen die Anleger jedoch, weil diese nicht halten, was sie versprechen. Laut dem Datendienstleister Lipper hatten Ende 2011 26,7 Prozent der aktiven Fonds auf Jahressicht ihren Vergleichsindex geschlagen. BVI-Daten zufolge lag die jährliche Durchschnittsrendite Ende 2011 bei weltweit investierten Aktienfonds über einen Zeitraum von fünf Jahren 3,5 Prozent im Minus. Anleger sehen es nicht mehr ein, dafür Gebühren von 1,6 Prozent des Fondsvolumens zu zahlen.
Privatbanken haben ähnliche Probleme, hier sind die Kunden ebenfalls anspruchsvoller geworden. Profianleger feilschen auch bei ihnen um niedrige Gebühren, sodass die Banken an ihnen kaum verdienen. Vermögende Kunden vertrauen dem Bankier ihr Geld nicht mehr vorbehaltlos über Jahrzehnte hinweg an. Laut dem Beratungshaus Capgemini verließen 2010 mehr als die Hälfte aller Erben weltweit die Bank ihrer Eltern binnen Jahresfrist - so viele wie noch nie.
Sind die Entscheider angesichts dieser Probleme bereit zu handeln? "Oft müssen Änderungen in London oder New York abgesegnet werden. Und die Leute dort wollen keine Änderung", so ein Analyst. Das gilt etwa für die Deutsche-Bank-Tochter DWS und Allianz Global Investors sowie für die Vermögensverwaltungen großer internationaler Häuser. Aber auch den Anbietern der Genossenschaftsbanken, wie Union, oder der Sparkassen, wie der Deka, stellen sich heikle Fragen. "Die Branche muss zurückfinden zu Produktklarheit und -wahrheit, die Unternehmen müssen hinterfragen, ob ihre jetzige Struktur sinnvoll oder nur über Jahre so gewachsen ist", sagt Detlef Glow, Analyst bei Lipper.