Kaufen, wenn die Kanonen donnern - sollte dieser alte Börsenspruch stimmen, dann würde Chesapeake über gewaltiges Potenzial verfügen. Denn die Börse entwickelt sich für den zweitgrößten Erdgasproduzenten der USA zum Schlachtfeld, der Aktienkurs fiel im zweiten Quartal auf den tiefsten Stand seit 2008. Das birgt zwar Chancen, aber die Risiken sind derzeit schwer kalkulierbar.
Die Vereinigten Staaten von Amerika streben die Energieunabhängigkeit an. Laut den Analysten der Investmentbank Goldman Sachs könnten sich die USA bereits in etwa 20 Jahren fast selbstständig versorgen. Dabei soll Erdgas eine immer wichtigere Rolle im Energiemix spielen. Mit neuen technischen Verfahren wird überall im Land nach Öl und vor allem auch nach Erdgas gebohrt. Chesapeake sitzt auf scheinbar unbegrenzten Quellen zwischen Texas und Pennsylvania. In vielen Fällen hat das Unternehmen langfristige Pachtverträge für das Land abgeschlossen. Doch genau diese kostspieligen Abkommen erweisen sich mittlerweile als bedrohliche Hypothek. Während die Kosten steigen, sind die Erdgaspreise in Amerika auf den tiefsten Stand seit etwa zehn Jahren gefallen.
Als Chesapeake Anfang Mai die Daten für das erste Quartal meldete, stand ein Verlust von 28 Mio. Dollar in den Büchern. Nach Abzug von Sonderfaktoren wurde zwar ein Gewinn in Höhe von 18 Cent pro Aktie erzielt. Aber das lag deutlich unter den 75 Cent pro Aktie aus dem Vorjahresquartal und auch deutlich unter den von Analysten erwarteten 29 Cent pro Aktie. Allein zwischen April und Mai dieses Jahres brach die Aktie um 38 Prozent ein. Die Kapitalausgaben und Nettoübernahmen waren im ersten Quartal auf 3,4 Mrd. Dollar angeschwollen. Das entsprach fast dem vierfachen Cashflow des Konzerns. Die Nettoschulden von Chesapeake stiegen um 23 Prozent auf 12,4 Mrd. Dollar.
Um den Schuldenberg abzubauen, hat die Firma Vermögenswerte verkauft. Noch im Februar hatte das Management von Chesapeake damit gerechnet, rund 55 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl in diesem Jahr zu fördern. Diese Prognose hat die Führungsriege mittlerweile auf 42 Millionen Barrel gestutzt. Gleichzeitig steigt zwar die Produktion von Erdgas. Doch genau dieses Geschäftsfeld ist nicht so profitabel wie das mit Öl. Entsprechend fällt es Chesapeake leichter, Teile der Ölförderung zu Geld zu machen, während das Unternehmen auf den derzeit weniger attraktiven Erdgasquellen sitzen bleibt.
Kürzlich hat Chesapeake immerhin einen neuen Aufsichtsratschef gefunden. Diesen Doppelposten musste der amtierende Vorstandschef Aubrey McClendon Anfang Mai nach der Vorstellung des Geschäftsberichts abgeben. Zudem ist Investorlegende Carl Icahn vor wenigen Wochen Großaktionär bei dem Unternehmen geworden. Icahn versucht, vor allem den Aufsichtsrat neu zu bestücken, was auch dem Aktienkurs geholfen hat. Es sei mittelfristig jedoch unumgänglich, McClendon vor die Tür zu setzen, fordern teils lautstark die Analysten an der Wall Street. Zuletzt hatte es heftige Kritik gegeben. McClendon, der die Firma 1989 mit damals 30 Jahren mitbegründet hatte, lieh sich mehrere Hundert Millionen Dollar und reichte als Absicherung Anteile an Chesapeakes Bohrvorhaben ein. Die US-Börsenaufsicht leitete Untersuchungen ein. Das "Forbes"-Magazin kürte den strittigen Firmenchef im vergangenen Jahr zu "America's Most Reckless Billionaire" - zu Amerikas rücksichtslosestem Milliardär.
Die Erdgasindustrie steht ohnehin politisch und gesellschaftlich unter Druck. Verfahren wie die Fracking-Methode, mit der das Gas aus Gestein herausgelöst wird, gelten bei Umweltverbänden als hoch umstritten. Mit seinen Aussagen scheint McClendon nicht immer den richtigen Ton zu treffen.
Ein milder Winter in den USA hat zudem den Energiebedarf im ersten Quartal niedrig gehalten. Das beklagte McClendon nach dem Quartalsbericht Anfang Mai. Die Analysten an der Wall Street raten, vorerst die weitere Entwicklung im Konzern abzuwarten. Denn momentan sind viele Fragen offen: Was passiert mit dem Energiegeschäft bei schwächelnder Konjunktur? Kann das Management von Chesapeake neu aufgestellt werden? Werden die USA die Infrastruktur ausbauen, um den Güterverkehr stärker auf Erdgas umzustellen?
Sollte der Erdgasboom nicht nur bei der Förderung, sondern auch auf der Verbrauchsseite einsetzen, dann verfügt Chesapeake tatsächlich über gewaltige Quellen. Auch über einen Verkauf des Unternehmens wird seit Wochen an der Wall Street spekuliert.
Die Kanonen knallen in der Tat laut - und Chesapeake scheint derzeit eines der riskantesten Investments im Energiesektor zu sein.