Der Siemens-Konzern will sich mittelfristig auf seine Kernarbeitsgebiete Information und Kommunikation (I&K) sowie Industrie konzentrieren. Das sagte Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger in einem Interview mit der Financial Times Deutschland. In einem "Zehn-Punkte-Programm" hatte Siemens die Palette seiner Arbeitsgebiete auf Rendite getrimmt. Jetzt steht die Entscheidung an, welche Bereiche verbleiben, verkauft, an die Börse gebracht oder in strategische Kooperationen eingebracht werden: "Siemens befindet sich im Übergang zur Phase zwei", so Neubürger. Seine Äußerungen werden auf dem Aktienmarkt als ein klares Signal für den möglichen Rückzug aus den Geschäftsfeldern Energie, Verkehr, Medizintechnik oder die Trennung vom Lampenhersteller Osram gewertet. Die bevorstehenden Änderungen signalisieren eine Zäsur in der Geschichte des Traditionskonzerns. Der ehemalige Familienkonzern entspricht damit den Forderungen der Kapitalmärkte. "Siemens hat vieles im Portfolio, was für die Börse interessant ist", sagt Neubürger. Nach Ansicht von Beobachtern könnten dazu die I&K-Dienstleistungssparte Siemens Business Services (SBS) sowie die Konzerntochter Osram gehören. Der Börsengang für die Internet-Tochter Unisphere steht bevor.
(Noch-)Regelmäßige Zeitungsleser haben es natürlich sofort gemerkt: Der Text ist alt, sehr alt. Genauer gesagt schmückte er die Seite eins der FTD-Erstausgabe vom 21. Februar 2000. Dass der DAX nur zwei Wochen später sein Hoch erreichte, das er erst mehr als sieben Jahre später übertraf, bekam auch Siemens zu spüren. Ebenso wie die FTD, deren Start zudem dadurch erschwert wurde, dass die Siemens-Geschichte vom Redakteur zwar richtig recherchiert war, dann aber so gedreht und zugespitzt wurde, dass sie Teile ihres Wahrheitskerns einbüßte. Eine Kinderkrankheit, deren Charme sich die FTD bis zuletzt nicht gänzlich entziehen konnte.
Dennoch ist die Geschichte nicht nur aufgrund mittlerweile überholter Themen - SBS, Unisphere, I&K - amüsant, sondern insbesondere aufgrund der Konstanten sehr erhellend: Umbau, Kernarbeitsgebiete, auf Rendite trimmen, Börsengänge, Forderungen des Kapitalmarktes. Es ist die ewige Begleitmusik nicht nur der Siemens-Saga, sondern die eines jeden - insbesondere technologielastigem - Konglomerats. Bei diesen ist Wandel Programm. Ob in Form von unregelmäßigen Überprüfungen des Leistungsportfolios oder bei der regelmäßigen Suche nach Optimierungspotenzial, da wo sich Konzernschlendrian und Trägheit einnistet. Die damit verbundenen Kosten stets als "außerordentliche Belastungen" zu verbuchen, ist daher beschönigend bis verfälschend. Konsequenterweise hat daher die Deutsche Bank in ihrer letzten Siemens-Studie den Schnitt der außerordentlichen Belastungen der vergangenen sechs Jahre in Höhe von 600 Mio. Euro in ihre Prognose der künftigen Jahresgewinne einfließen lassen.
Die Komplexität eines Konglomerats und der permanente Anpassungsbedarf erfordern eine entsprechend starke Führung. Eine, die sich nicht erst von den Marktentwicklungen oder gar den kurzfristiger orientierten Wünschen des Kapitalmarktes lenken lässt, sondern die langfristig plant, antizipiert und aktiv gestaltet. Eine Führung, die versteht, dass Modethemen wie Spezialisierung und Diversifikation, Outsourcing und Insourcing, Spin-Offs und jede Art von neuer Segmentsteuerung nur kurzfristige Probleme anpacken, aber keine langfristigen Lösungmodelle darstellen. Da es letztlich immer auf die Qualität der Umsetzung ankommt, die den nachhaltigen Erfolg garantiert.
Ob das gegenwärtige Führungsduo bestehend aus dem Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher und dem vielbeschäftigten Aufsichtsratschef Gerhard Cromme die Herzen von Anlegern und Analysten höher schlagen lassen kann, ist nach der jüngsten Volte fraglich.
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Noch 2010 wurde versprochen, Siemens würde "normal" - also keine Umbauten mehr benötigen, womit auch die Sonderbelastungen entfielen. Dafür wolle man auf 100 Mrd. Euro Umsatz wachsen. Nun tritt man wieder auf die Bremse. 6 Mrd. Euro sollen über die nächsten zwei Jahre eingespart werden, so der Vorstand anlässlich der Vorstellung der Ganzjahreszahlen Anfang November. Den Markt überzeugte das kaum, strategisch blieben die Aussagen vage. Dazu kamen ambitionierte Margenziele für 2014, während das 100-Mrd.-Euro-Ziel nicht gestrichen wurde. Letzteres macht angesichts von Siemens Akquisitionshistorie eher Angst: 11 Mrd. Euro zahlte man für Zukäufe in der Diagnostik, die heute operativ gerade mal 0,6 Mrd. Euro Gewinn beisteuern.
Angesichts der Bewertung, Dynamik und Führung muss man Siemens derzeit nicht haben. Das übrigens war im Februar 2000 nicht anders.