Zu Beginn dieses Jahres waren sich Aktienanalysten zumindest in einer Sache sicher: dass ihnen und den Anlegern erneut ein enorm unsicheres Börsenjahr mit stark schwankenden Kursen bevorsteht. Diese einhellige Erkenntnis lag wegen Europas Schuldenkrise auf der Hand. Und rückblickend hatten die Profis recht. Seit Januar schwankt der DAX in einer Spanne von 1190 Punkten, was reichlich ist verglichen mit früheren Börsenjahren. Die Antwort auf eine andere Frage blieben die Analysten Ende 2011 dagegen schuldig: die nach dem Schlussstand der wichtigsten Aktienindizes Ende 2012.
Das ist jetzt anders. Täglich trudeln Prognosen der Banken für das zweite Halbjahr ein, mit konkreten Schlussständen und den entsprechenden Begründungen - allerdings in einer Spanne, die im historischen Vergleich abermals extrem groß ist. 2100 Punkte liegen die höchste und die niedrigste Jahresendprognose für den DAX auseinander.
In allen Prognosen beschreiben die Autoren, wie schwierig es sei, die derzeit herrschenden, "politischen Märkte" vorherzusehen. Soll heißen: Weil sich die europäischen Politiker in Sachen Schuldenkrise von Gipfeltreffen zu Gipfeltreffen hangeln, ist es schwierig, Aktienkurse, Anleiherenditen oder Devisenkurse aufgrund fundamentaler Daten zu berechnen. Üblicherweise dienen Konjunkturdaten und Unternehmensbilanzen als Grundlage der Analystenmodelle. Doch dank der Schuldenkrise kommt als nur schwer berechenbarer Faktor die Marktstimmung hinzu. Und die hängt eben unter anderem davon ab, ob die Anleger einen Gipfelbeschluss oder die Aussage eines einzelnen Politikers, etwa zu den Sparbemühungen seines Landes, für plausibel halten oder nicht.
| Bullen Mehr als 2000 Punkte liegen zwischen den höchsten Schätzungen vom Bankhaus Lampe und der japanischen Bank Nomura, die den DAX Ende 2012 bei 7600 Punkten sehen, und der niedrigsten Prognose. |
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| Bären Die französische Société Générale glaubt, dass der DAX bis zum Jahresende rund 22 Prozent auf 5500 Zähler verlieren wird. Damit läge der Index auch unter seinem Vorjahresschluss bei 5898 Punkten. |
Einen Konsens gibt es freilich unter den Analysten: Um die Kapitalmärkte zu überzeugen, braucht es nicht nur eine stärkere fiskalische Integration der Währungsunion, sondern Impulse, die das Wachstum in der Euro-Peripherie ankurbeln. Sobald es konkrete Schritte in diese Richtung gebe, könnten die Aktienmärkte im Dezember am oberen Ende der prognostizierten Spannen schließen. Für den DAX wären das mindestens 7000 Punkte, wie es unter anderem die Deutsche Bank, die Commerzbank oder HSBC voraussagen.
Allgemein gehen die meisten Marktbeobachter in ihren Studien davon aus, dass Europas Politiker den eingeschlagenen Weg weitergehen. Sollten sie jedoch nicht weiterkommen, müsse bis zum Jahresende mit Abschlägen an den Aktienmärkten gerechnet werden. Für den DAX gehen allerdings nur die DZ Bank, MM Warburg und die Société Générale davon aus, dass der Index am Jahresende unter seinem derzeitigen Stand schließen wird.
Attraktive Bewertungen und höhere Dividendenrenditen gegenüber festverzinslichen Anlagen machten Aktien zwar zu einer erfolgversprechenden Anlageklasse. "Dennoch ist zwischenzeitlich mit Rückschlägen zu rechnen, wenn weitere Fortschritte auf dem Weg zu einer weiteren Integration Europas ausbleiben", sagt Peter Reichel, Leiter der Vermögensverwaltung bei Berenberg, der den DAX am Jahresende bei 7300 Stellen sieht. Einige Analysten stellen Europas Politikern jedoch ein gutes Zeugnis aus und fordern dagegen die Investoren auf, ihren "Unwillen, mögliche politische Lösungen zu akzeptieren" aufzugeben.
So lobt etwa Peter Fisher, Rentenanalyst beim amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock, dass die Politik immerhin erkannt habe, dass der Bankensektor die Achillesferse des Euro-Raumes sei. Die Beschlüsse in Richtung einer gemeinsamen Bankenaufsicht beim letzten Euro-Gipfeltreffen im Juni hätten gezeigt, dass Europa gewillt sei, dieses Problem anzugehen. "Wir glauben dennoch, dass die US-Wirtschaft und der amerikanische Aktienmarkt im zweiten Halbjahr stärker sein werden als die europäischen Pendants", sagt Fisher.
| Bullen Beim Auswahlindex Euro Stoxx 50 gehen die Prognosen nicht ganz so weit auseinander wie beim DAX. Die Dekabank und die Privatbank Berenberg sind mit einem Schlussstand von 2550 Zählern optimistisch. |
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| Bären Die DZ Bank erwartet, dass der Index bis Ende Dezember noch neun Prozent von seinem jetzigen Niveau einbüßt und auf 2100 Punkte fällt. Der Hauptgrund: Unternehmensverluste wegen der Euro-Krise. |
Mit Blick auf die Unternehmenskennzahlen halten sich die meisten Studien zurück. Die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) etwa erwarten keine positive Wirkung für den Gesamtmarkt durch die Berichtssaison. "Derzeit wird für den Eurostoxx50 auf aggregierter Basis ein Gewinnrückgang von rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal erwartet", schreiben sie.
Bereits im Vorfeld der Bilanzsaison, die in vollem Gange ist, haben Großkonzerne wie der französische Lebensmittelhersteller Danone oder das finnische Mobilfunkunternehmen Nokia bekannt gegeben, dass sie ihre Gewinnziele bis Ende des Jahres wohl nicht erreichen werden. Den Eurostoxx50 sieht die LBBW am Jahresende dennoch bei 2400 Punkten und damit rund vier Prozent über seinem derzeitigen Stand.
Bereits seit Herbst 2011 rechnen die Analysten damit, dass die Gewinne jener Unternehmen, deren Aktien im Euro Stoxx 50 notieren, wegen der Schuldenkrise nicht mehr so stark wachsen wie früher. Seit Anfang Juni haben sich die Erwartungen der LBBW-Experten auch für die DAX-Konzerne verschlechtert. Ihnen scheint "der Nimbus der Unverwundbarkeit verloren gegangen zu sein". Die Deka Bank glaubt, dass sich durch die Schwäche der Weltwirtschaft die Ausweichmöglichkeiten deutscher Exporteure auf Absatzmärkte außerhalb Europas verschlechtern. Dennoch halten die meisten Analysten die DAX-Konzerne für stabiler als die Großkonzerne in anderen europäischen Ländern.
| Bullen Die Dekabank traut dem US-Leitindex S&P 500 bis zum Jahresende einen Kurssprung von elf Prozent auf 1550 Punkte zu. Der Grund: überzeugende Unternehmenszahlen. |
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| Bären Laut Morgan Stanley birgt die weltweite Wachstumsflaute Risiken für US-Aktien, die auch gute Bilanzen nicht ausgleichen können. Die Analysten sehen den S&P-500-Index Ende Dezember bei 1238 Zählern. |
Das sehen die Experten der genossenschaftlichen DZ Bank allerdings anders. Sie gehen davon aus, dass die Tatsache, dass sich nahezu alle südlichen Euro-Länder in der Rezession befinden, bereits in den Aktienkursen eingepreist ist. Spätestens für 2013 unterstellt die DZ Bank dem europäischen Auswahlindex und seinen Unternehmen daher ein "gewisses Überraschungspotenzial".
Für die US-Aktienmärkte sehen die Analysten ein Problem abseits der weltweiten Wachstumsflaute: Im Dezember droht das "fiscal cliff". Dahinter verbergen sich Steuererhöhungen sowie Haushalteinsparungen von mehr als 600 Mrd. Dollar. Diese treten dann in Kraft, wenn sich Regierung und Opposition bis dahin nicht anderweitig geeinigt haben. Aus diesem Grund, so Blackrock-Analyst Fisher, würden die Firmen bereits jetzt Investitionen auf Eis legen und keine Mitarbeiter mehr einstellen. Deshalb - und weil er heftige Marktschwankungen vor der US-Präsidentschaftswahl im November erwartet - sieht Fisher den S&P 500 per Ende Dezember bei 1350 Punkten und damit rund 25 Zähler unter seinem derzeitigen Stand.