Seit Beginn der Finanzkrise 2007 sind Vertrieb und Beratung von Finanzprodukten ein heißes Thema. Viele Privatanleger, die in der Krise Geld verloren haben, fühlten sich von ihrer Bank falsch beraten, unzählige gerichtliche Auseinandersetzungen folgten. Im Zentrum der Kritik: Die provisionsbasierte Gebührenpolitik der Vertriebe, die auch in der Diskussion über die Finanzmarktrichtlinien Mifid II eine große Rolle spielt. Am 26. September stimmte das EU-Parlament jedoch gegen ein Verbot oder das Weiterreichen von Provisionen an die Kunden.
"Das ist eine Katastrophe", sagt Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Die Verbraucher werden in diesem System einfach schlecht bedient. Sie erhalten keine Finanzempfehlungen, die wirklich zielführend und effizient für sie wären."
Die Ursache dafür liegt für Mohn auf der Hand: Die Provisionszahlungen, die Vertriebe von Anbietern erhalten. Laut einer brancheninternen Liste, die der FTD vorliegt, beträgt die Bestandsprovision, also jene Zahlung, die ein Vermittler auf das gesamte von ihm vermittelte oder verwaltete Anlagevolumen erhält, bei beliebten Fonds bis zu 0,75 Prozent. Eine offizielle und öffentliche Liste über die durchschnittliche Höhe der Provisionszahlungen gibt es nach Angaben des Bankenverbands und des Fondsverbands BVI nicht. Das hänge vom Produkt ab. Auch eine durchschnittliche Berechnung je Produktart gebe es nicht.
Laut Brancheninsidern gehen von den Verwaltungsgebühren, die Anleger jährlich entrichten müssen, mindestens die Hälfte als Kickback an die Vertriebsstelle. "In einigen Fällen auch zwei Drittel davon", sagt ein Analyst. Der Ausgabeaufschlag gehe komplett an den Vertrieb. Und damit größtenteils an Banken, denn sie sind der stärkste Marktteilnehmer in der Finanzberatung von Privatanlegern.
"Die großen Banken haben höhere Kickbacks als die Kleineren", sagt Dieter Rauch, Geschäftsführer des Verbunds Deutscher Honorarberater. Rauch hat Einblick in den Provisionsdschungel, denn er und seine Kollegen arbeiten auf Honorarbasis. Sie geben die Provisionen entweder an die Kunden weiter oder schließen spezielle Verträge mit den Produktanbietern ab, die die Provisionen aus den Angeboten herausrechnen. Noch gibt es nicht viele dieser provisionsfreien Produkte - so stark ist das System auf die Provisionsberatung ausgerichtet.
Verbraucherschützer wie Dorothea Mohn kritisieren die Provisionen seit Jahren. Sie fordert ein Verbot und die Stärkung der Honorarberatung: "Wenn der Kunde die Beratung selbst bezahlt, muss sie bedarfsgerechter werden. Nur dann steht der Vermittler klar im Lager der Kunden und nicht im Lager der Anbieter", sagt Mohn. Ein Finanzvermittler, der nicht an seine Provision denke, arbeite wirtschaftlich nicht plausibel und sinnvoll. "Provisionsinteressen und Verbraucherinteressen sind zwei Pole, die gegeneinander wirken", sagt Mohn.
Das Gegenargument der Kreditwirtschaft: Weniger vermögende Bevölkerungsschichten zeigten kein Interesse an Honorarberatung. "Die Deutsche Kreditwirtschaft begrüßt, dass das EU-Parlament sich für die Beibehaltung der Wahlfreiheit der Kunden zwischen Honorarberatung und provisionsbasierter Anlageberatung ausgesprochen hat", heißt es in einer Stellungnahme des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).
Seit 2007 müssen Provisionen in Produktinformationsblättern ausgewiesen werden. Laut Wertpapierhandelsgesetz ist es für die Banken jedoch möglich, die Zahlen bloß zusammenzufassen. Kunden müssen den Berater dann selbst auf die Details ansprechen. Verbraucherschützer kritisieren, dass deswegen die Provisionen nur unvollständig angezeigt würden. Auf Anfrage der FTD verweist die Commerzbank darauf, dass die Provisionen in ihren Fonds "klar ausgewiesen" seien. "Weitere Werte nennen wir aus Wettbewerbsgründen nicht." Die Privatkundenberater würden nicht finanziell an den Provisionen beteiligt. Zielvorgaben bezüglich bestimmter Produkte oder Anbieter gebe es nicht.
Laut Mohn trudeln dennoch regelmäßig Beschwerden bei den Verbraucherzentralen ein. "Wir beobachten, dass Kunden immer wieder angehalten werden, ihre bestehenden Anlageprodukte abzustoßen, um neue zu kaufen", sagt sie. "Eine bessere Rendite wird so nicht erzielt." Das Gegenteil sei der Fall. Umschichtungen brächten eine renditezehrende Kurzfristigkeit in die Anlagestrategie.