Was also tun? Regulieren und zum Beispiel Leerverkäufe verbieten? Das ist für Händler eher eine Lachnummer. Denn Wertpapierhändler haben einen großen Instrumentenkasten: Keine Leerverkäufe mehr? Dann setze ich eben Put-Optionen oder verkaufe meine Futures. So läuft die Regulierung ins Leere. Außerdem, so die Kritiker solcher Verbote, solle man doch lieber diejenigen bestrafen, die falsche Gerüchte in Umlauf bringen.
Ja, richtig, auch gegen die Gerüchte müsste man vorgehen. Nur wer und wie und wann? Überall, wo die Regulierenden auch hinsehen, finden sie viel zu viele Lücken, die gnadenlos ausgenutzt werden. Etwa in der Bonusdiskussion: Da berichten Aufseher, dass Banken plötzlich weniger sogenannte "Risikoträger" ausweisen, also Mitarbeiter, die bestimmte Geschäftsrisiken verantworten - nur weil bei deren Entlohnung inzwischen in der Öffentlichkeit genauer hingeschaut wird. So hat Regulierung in Wirklichkeit die Vergütung weniger transparent gemacht.
Neue paneuropäische Aufseher wie die ESMA können die Masse an neuen Regulierungsvorhaben personell kaum stemmen. Und dauernd kommen neue Bereiche hinzu, die reguliert werden müssen: Während man sich zunächst auf Themen wie Boni und Bankinsolvenzen stürzte, wendet man sich als Nächstes Schattenbanken, dem Hochfrequenzhandel und börsengehandelten Fonds (ETFs) zu. Letztere sind rasant gewachsen und systemisch relevant vor allem durch das Gegenparteirisiko - das Zahlungsproblem eines Marktteilnehmers kann hier zum Liquiditätsproblem für den ganzen Markt werden.
Die Liste des Regulierungsbedarfs könnte fortgesetzt werden. Klar ist: Wir brauchen mehr Regulierung. Aber sie dauert zu lange, sie kommt zu zögerlich, und sie wird auf dem Weg zu sehr verwässert. Kommen dann, wie derzeit, noch Rezessionsängste hinzu, schreien die Lobbyisten wieder lauter als je zuvor. Der globale Lobbyverband der Banken IIF rechnet uns die Misere gern vor: Die neuen Basel-III-Kapitalvorschriften würden dafür sorgen, dass es bis 2015 etwa 7,5 Millionen weniger Stellen und 3,2 Prozent geringeres Wirtschaftswachstum gibt. Aus Rücksicht auf die Banken verschob der englische Premierminister David Cameron bis mindestens 2015 die Umsetzung des Vorschlags der Bankenkommission, das Privatbankengeschäft vom Investmentbanking abzuzäunen und von Ersterem mehr Eigenkapital zu verlangen. Wo die Regulierung nicht zerredet wird, macht man sie eben zum Buhmann.