Im Frühjahr 2009 schien das Ende des Abendlands nahe. Der DAX hatte sich seit Jahresbeginn 2008 bereits mehr als halbiert - und der Slogan des japanischen Autobauers Toyota spukte durch viele Anlegerhirne. "Nichts ist unmöglich" - auch nicht, dass sich die Panik verschärft und die Märkte komplett kollabieren. In solch einem Umfeld steigt kein Investor gern in den Aktienmarkt ein.
Auch Michael Reuss nicht. Der Vorstand der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen griff dennoch zu - entgegen seinem Bauchgefühl. Technische Indikatoren hatten einen günstigen Einstieg angezeigt, was ihm im Jahresverlauf satte Renditen einbringen sollte. "Ohne klare Investmentregeln hätten wir vor lauter Weltuntergangsstimmung gar nicht wahrgenommen, dass China längst Fahrt aufgenommen hatte und damit die Trendwende eingeläutet war", sagt Reuss.
Keine Frage, der Mensch ist verführbar, die Psyche nur schwer zu kontrollieren. Bei der Geldanlage kann das Investoren teuer zu stehen kommen. Denn Lust auf Aktien bekommen viele Anleger meist immer erst dann, wenn die Erholung fast schon vorbei ist. Und verkauft wird häufig, wenn die Kurse völlig am Boden sind.
Vorher regierte das Prinzip Hoffnung. Andere sind in der Hausse erst gar nicht dabei, weil sie auf Rücksetzer warten - und verpassen so Renditechancen. "Psychofallen sind der größte Renditekiller", sagt Reuss und wappnet sich mit klaren Investmentregeln. Denn er weiß: "Ohne Strategie ist der Anleger dem Markt ausgeliefert."
Geldprofis wie er arbeiten mit ausgeklügelten Analysemodellen und investieren mit System. "Eine Strategie ist ein Regelwerk, das klare Kriterien und daraus folgende Handlungsanweisungen definiert", sagt Dimitri Speck, Handelssystementwickler bei Staedel Hanseatic. Wer einem klaren Investmentplan folgt, baut daher Immunität gegen die tägliche News-Schwemme auf, die abwechselnd Gier und Panik erzeugt.
Ob eine Strategie saisonal, technisch oder fundamental begründet ist, spielt dabei kaum eine Rolle - viele Ansätze versprechen Erfolg. Dennoch ist nicht jede Strategie zu empfehlen und für Privatanleger umsetzbar. "Sie sollte sich langfristig bewährt haben, und es muss nachvollziehbare Gründe für die statistisch gemessene Überlegenheit geben", so Speck.
Der Aufwand für Profistrategien werde von Privatanlegern aber häufig unterschätzt, weiß der Investmentprofi und rät, eine Strategie passend zum vorhandenen Zeitbudget zu wählen. Wer wenig Zeit oder Lust hat, sich um seine Investments zu kümmern, kann seine Renditeaussichten schon mit einfachen Regelwerken deutlich verbessern. Das Schwestermagazin der FTD, BÖRSE ONLINE, hat fünf DAX-Strategien über einen Zeitraum von 23 Jahren überprüft. Ergebnis: Mit jeder der Strategien waren Anleger à la longue deutlich besser aufgestellt als mit dem DAX. Die Outperformance seit 1989 lag zwischen 1,9 und 7,3 Prozent - pro Jahr.
Das bringt Bares. Aus einem DAX-Depot, in das über eine einfache Long-only-Anlage in den Index 10.000 Euro investiert wurden, sprangen am Ende gut 44.000 Euro heraus. Ein gutes Investment? Mag sein. Doch es geht noch viel besser: Die strategischen Investments erreichten in den Jahren von 1989 bis Ende 2011 zwischen knapp 66.000 und fast 204.000 Euro (siehe Tabellen). Anfallende Gebühren und die steuerliche Situation wurden bei diesem Vergleich nicht berücksichtigt.
Die fünf Auswahlstrategien schlagen den DAX zwar nicht in jedem Jahr, aber eben meistens. Sie sind einfach, transparent und können mit sehr geringem bis mittlerem Aufwand auch von Privatanlegern nachgebildet werden: Bei drei Strategien - Sell-in-Summer, MACD und Stop Loss - können sich Anleger sogar auf ein einziges Investment beschränken: einen DAX-ETF. Die Outperformance entsteht hier durch Timing und einen zeitweisen Ausstieg aus dem Markt in schwachen Zeiten. Bei den Strategien Flop Top und Value-Growth wird zweimal beziehungsweise einmal im Jahr in fünf oder sechs ausgewählte Einzelwerte aus dem DAX-30-Universum investiert. Wer diesen Ansätzen folgt, ist permanent zu 100 Prozent investiert.
Einfach und äußerst rentabel ist die Sell-in-Summer-Strategie. Auf Sicht von 23 Jahren konnten Anleger mit gerade einmal zwei Trades im Jahr den DAX um 7,3 Prozent pro anno schlagen. Aus einem 10.000-Euro-Depot im Jahr 1989 wurden nahezu 204.000 Euro - und damit mehr als mit jeder anderen Strategie im Test.
Keine der Strategien ist perfekt, jedes Regelwerk ließe sich verfeinern, und keines führt in jedem Jahr auf das Siegertreppchen. Aber jede Strategie hilft Anlegern, die Nerven unter Kontrolle zu halten, wenn es an den Börsen hektisch wird.
Das könnte auch zukünftig über Gewinn oder Verlust an den Börsen entscheiden. "Nach dem letzten verlorenen Jahrzehnt sind die Aussichten für die Aktienmärkte auf Sicht von mehreren Jahren gut", sagt Marco Herrmann, Chief Investment Officer der Fiduka-Vermögensverwaltung: "Die Bewertungen sind günstig, eine anziehende Inflation spricht für Realwerte wie Aktien. Und Anleihen bringen als Alternative keine Rendite." Gleichwohl erwartet Herrmann wie Reuss zwischenzeitliche Einschläge: "Eine Abschwächung des chinesischen Wachstums löst heute keine Panik mehr aus", so Reuss: "Aber die Schuldenkrise in Europa ist noch längst nicht vom Tisch, die Achillesferse bleibt Spanien."
Mit Argusaugen werden Investoren die Entwicklungen verfolgen und die Kurse nach oben und unten treiben. "Hohe Volatilitäten werden in den kommenden Jahren zum Alltag gehören", glaubt Reuss. Ein schneller Wechsel Risk-on/Risk-off ist für systemlose Privatanleger gefährlich. Es zerrt nicht nur an den Nerven, sondern kommt sie in der Regel auch teuer zu stehen. Das zeigt ein Blick über den Atlantik. Zwischen 1990 und 2010 hat der S&P-Index jährlich um neun Prozent zugelegt, Privatanleger dagegen waren nach einer Studie des US-amerikanischen Research-Unternehmens Dalbar nur um 3,8 Prozent im Plus. "Prozyklisches Handeln verhagelt die Rendite", weiß Kapitalmarktforscher Rüdiger von Nitzsch.
Wer mit Strategie investiert, der tappt nicht in diese Falle und hat auf lange Sicht nicht nur gegenüber systemlosen Investoren, sondern auch gegenüber dem Ansatz Buy-and-Hold die Nase vorn - vorausgesetzt, das Regelwerk wird konsequent umgesetzt.
So geht's Der MACD-Indikator (Moving Average Convergence/Divergence) wird aus exponentiellen gleitenden Durchschnitten, in der Regel für zwölf, 26 und neun Tage auf Basis des Wochenschlusskurses berechnet. Die MACD-Linie entsteht durch Subtraktion der 26er- von der Zwölferkurve. Basierend auf diesem Differenzial wird ein gleitender Durchschnitt über eine Periode von neun Tagen berechnet. Dieser Schnitt bildet die Signallinie, die parallel abgetragen wird. Gekauft wird, wenn die Signallinie die MACD-Kurve von oben nach unten schneidet. Kreuzt die Linie die Kurve von unten nach oben, wird verkauft.
Handling Die komplexeste der fünf Strategien. Selbst wenn der Indikator bei den meisten Brokern voreingestellt ist: Anleger müssen sich einarbeiten - und den Indikator ständig verfolgen.
Bewertung Verlässlicher Verlustbegrenzer, aber in Wackelmärkten gibt es oft Fehlsignale.
So geht's Zu Jahresbeginn investieren Anleger gleich gewichtet in sechs DAX-Werte. Ins Depot kommen die drei Aktien mit der höchsten Dividendenrendite unter den fünf DAX-Werten mit dem niedrigsten Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das ist der Anteil nach vereinfachten Value-Kriterien. Hinzu kommen die drei Aktien mit dem stärksten Gewinnplus, die sich aus den fünf Firmen mit dem größten Umsatzwachstum rekrutieren. Sie erfüllen die vereinfachten Growth-Kriterien.
Handling Analysetools, wie sie auch BÖRSE ONLINE auf seiner Website anbietet, erleichtern die Arbeit. Es gibt nur eine einmalige Auswahl zu Beginn des Jahres.
Bewertung Relativ volatile Strategie, weil Anleger immer zu 100 Prozent investiert sind. Insgesamt ist die Anlagemethode mit dem Besten aus zwei Börsenwelten schwankungsärmer und zudem erfolgreicher als der DAX selbst.
So geht's Anleger kaufen immer zu Jahresbeginn die fünf DAX-Flops des Vorjahrs. Am 30. Juni werden die Titel wieder verkauft - und das Kapital in die seit Jahresanfang am besten gelaufenen fünf DAX-Werte angelegt. Investiert wird jeweils mit gleicher Gewichtung.
Handling Die Auswahl der Aktien anhand der Performancelisten erfordert wenig Aufwand. Eine Anpassung ist nur zweimal im Jahr zu den festgelegten Terminen erforderlich.
Bewertung Investoren brauchen starke Nerven und Disziplin, um sich die "Vorjahresnieten" ins Depot zu legen. Und da Anleger mit dieser Strategie immer zu 100 Prozent investiert sind und Verluste nicht begrenzt werden, können hohe Schwankungen auftreten. Aber: Insgesamt ermöglicht der Ansatz eine sehr gute Performance im Langzeittest. 13,2 Prozent pro Jahr machen aus 10.000 Euro ein Depot von 167.000 Euro.
So geht's Zu Jahresbeginn investieren Anleger ihr Kapital in einen ETF (Exchange-Traded Fund) auf den DAX. Verkauft wird, wenn der Kurs zehn Prozent unter das Einstiegsniveau fällt. Nach einem Verkauf ruht das Kapital bis zum Jahresende.
Handling Die Vorgehensweise ist auch hier einfach. Gekauft wird nur einmal im Jahr, der Ausstieg lässt sich per Stop Limit automatisieren.
Bewertung Verluste werden auf maximal zehn Prozent begrenzt. In Wackelmärkten können Anleger zu früh ausgestoppt werden und so eine Erholung im weiteren Jahresverlauf verpassen. Die Methode liefert insgesamt die schwächste Outperformance zum DAX mit im Schnitt 8,6 Prozent Plus pro Jahr und einem Ablaufwert von 66.000 Euro. Tipp: Wer auf Stop Loss setzt, sollte die Strategie mit Saisonalitätsaspekten kombinieren und statt Januar den Oktober als Einstiegsmonat wählen.
So geht's Gekauft wird am 1. Oktober, verkauft am 31. Juli. Damit sind Anleger in den statistisch stärksten Börsenmonaten zu 100 Prozent investiert - und in den im Schnitt schwachen Sommermonaten August und September nicht dabei.
Handling Die Strategie ist sehr einfach per DAX-ETF umzusetzen, Anleger kommen mit zwei Trades im Jahr aus. Das Timing erfolgt mechanisch an zwei Tagen im Jahr, sodass das Depot nicht laufend überwacht werden muss. Sahnehäubchen: Das Sommerloch lässt sich mit Tagesgeld rentierlich überbrücken.
Bewertung Der saisonale Ansatz ist auf Sicht von 23 Jahren mit 14,0 Prozent pro anno die erfolgreichste Strategie im Test - aus 10.000 Euro wurden satte 204.000 Euro. Es gibt allerdings keine Risikobegrenzung in den Monaten zwischen Oktober und Juli - korrigieren die Börsen dann, sind Anleger nach unten voll dabei.