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Merken   Drucken   17.10.2011, 13:13 Schriftgröße: AAA

Bonitätsurteile: Investoren emanzipieren sich von Ratingagenturen

Die Bonitätswächter gelten bei Kritikern als Krisenbeschleuniger. Doch seit Wochen machen sich Investoren immer stärker von ihren Urteilen frei. Deren kritische Analysen bewegten die Kurse zuletzt kaum noch. von Christian Kirchner  Frankfurt
Rom, 20. September: Die Ratingagentur Standard & Poor's stuft Italiens Bonität überraschend herab und begründet dies mit schwachen Wachstumsaussichten des Landes und dem mangelnden politischer Reformwillen.
Lissabon und London, 7. Oktober: Die Ratingagentur Moody's  stuft auf einen Schlag zwölf britische Großbanken, sieben kleinere Sparkassen auf der Insel sowie die neun wichtigsten Banken Portugals herab.
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Europa am vergangenen Freitag, den 14. Oktober: Die Ratingagentur Fitch droht den sieben größten Investmentbanken der Welt, darunter auch der Deutschen Bank, mit einer Herabstufung: Die Kapitaldecken seien zu dünn, die Schwierigkeiten, an Kapital zu kommen, hingegen groß. Am Abend zuvor hatte Fitch zudem bereits Spanien sowie Italien wegen ungewisser Wachstumsaussichten herabgestuft.
Drei Ratingagenturen, drei Nachrichten aus den vergangenen gut drei Wochen, die für sich genommen für einen veritablen Crash hätten sorgen können und schon gesorgt haben. Doch an den Märkten scheren sich Anleger nur noch kurz über derlei Nachrichten: Es läuft eine Emanzipation von den Urteilen, die ohnehin seit einer Weile harsch kritisiert werden - mal als zu weich und mal als zu hart und somit krisenverschärfend.
Obwohl es zuletzt schlechte Nachrichten der Ratingagenturen für die Eurozone regelrecht gehagelt hat, konnte der Euro seit Anfang Oktober deutlich auf zuletzt wieder 1,37 Dollar zulegen. Der Risikoaufschlag spanischer zehnjähriger Staatsanleihen über ihre deutschen Pendants hat sich nach der Fitch-Herabstufung am Freitag nicht etwa ausgedehnt, sondern verengt - zwar nur um fünf Basispunkte, aber immerhin.
Auch Italien hat die letzten turbulenten Wochen - das Land hatte binnen eines Monats von allen großen Ratingagenturen Kritik und Herabstufungen einstecken müssen - gut weggesteckt: Der Risikoaufschlag zehnjähriger italienischer Papiere auf Bundesanleihen gleicher Laufzeit beträgt heute leicht weniger als noch vor einem Monat - wenngleich natürlich die Europäische Zentralbank mit Aufkäufen diese Bewegung stützt.
Doch auch die von Markteingriffen bislang nicht erfassten Bankwerte halten sich gut: Der Schlag von Fitch gegen die größten Investmentbanken von Freitag verkam bis Handelsende ebenso zur Randnotiz wie die Herabstufungen der britischen und portugiesischen Institute in der Vorwoche.


Quelle: S&P, Moody's, Fitch, Bloomberg, Stand: 10.10.2011
 
Lehman 2008 Ratingagenturen wird eine Mitschuld an der Eskalation der Finanzkrise ab 2007 insgesamt gegeben.
 
Der Vorwurf: Sie hätten riskante Wertpapiere - etwa verbriefte Immobilienkredite und andere Forderungen - zu optimistisch bewertet, die Käufer erlitten mit vermeintlich sicheren Anlagen hohe Verluste.
 
Zudem warf man ihnen Interessenkonflikte vor, da sie von den Akteuren bezahlt werden, über die sie urteilen.
Schuldenkrise 2011 Wie schon in der Lehman-Krise stehen Ratingagenturen erneut am Pranger - diesmal allerdings dreht man die Vorwürfe um: Hielt man ihnen bislang jahrelang vor, zu unkritisch bei der Analyse zu sein, so sollen sie nun mit ihren kritischen Urteilen zur Bonität vorschnell handeln und damit - wie mit den Herabstufungen der Euro-Peripherie oder der USA - krisenverschärfend agieren.
 
Inzwischen mehren sich allerdings die Zeichen, dass sich die Märkte zunehmend von den Ratingurteilen emanzipieren: Selbst Herabstufungen Italiens oder britische und portugiesischer sowie italienischer Banken in der vergangenen Woche hatten keinen Einfluss mehr auf tagesaktuelle Kursveränderungen.
 
Auch der Verlust des Topratings "AAA" der USA hat der Nachfrage nach US-Staatsanleihen keinen Abbruch getan, stattdessen fielen die Renditen weiter. Auch griechische Staatsanleihen werden bereits seit Monaten gehandelt, als sei eine Insolvenz und/oder Umschuldung unvermeidlich, obwohl die Ratingagenturen sie noch nicht im "Pleitestatus" führen.
 
 
  • FTD.de, 17.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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