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FTD-Serie: 11 Wall Street

An dieser Stelle berichtet Jens Korte, einer der bekanntesten deutschen Wall-Street-Reporter, jede Woche exklusiv für die FTD von der wichtigsten Börse der Welt.
Merken   Drucken   23.02.2012, 19:26 Schriftgröße: AAA

Der Wall Streeter: Graue Häupter an der Wall Street

Früher bevölkerten junge, erfolgshungrige Männer das Börsenparkett. Heute sind es ergraute, gelangweilte Händler. Denn es ist schwerer geworden, mit klassischem Handel Geld zu verdienen.
von Jens Korte

Jens Korte schreibt als Wall-Street-Korrespondent für die FTD. Alan sieht gut erholt aus, und abgenommen hat er auch. Auf dem Parkett taucht er nur noch sporadisch auf. "Ich spiele fast jeden Tag Tennis", erzählt der Mitfünfziger. Morgens checkt er mit seinen Mathematikern kurz die Algorithmen für den Handel, dann schnappt er sich seine Sporttasche.

Alan trifft sich auch öfter zum Frühstück oder Lunch. Vor ein paar Tagen saß er mit Dave zusammen beim Steak in einem der typischen, langweiligen Bars & Grills. Dabei gibt es auch richtig witzige Kneipen im Finanzdistrikt. Aber gut, Daves Firma wurde zum Jahreswechsel dichtgemacht, und seitdem hat er noch mehr Zeit zum Lesen als auf dem Parkett.

Dafür war Dave nämlich bekannt. Sein Kindle-E-Book immer griffbereit, verschlang er zwei Bücher pro Woche. Überwiegend Biografien und historische Werke. Fast hätte Alan das Schicksal von Dave geteilt. Auf dem Floor wird gemunkelt, dass ihn nur ein 100 Mio. Dollar schwerer Auftrag aus Osteuropa vor dem Aus bewahrt hat.

Die Wall Street hat sich verändert. In den guten alten Tagen wurde die "Street" vor allem von jungen, aufstrebenden und hungrigen Männern bevölkert. Heute sehen die Häupter der Trader auf dem Parkett deutlich grauer aus. Es ist schwerer geworden, mit klassischem Handel Geld zu verdienen. Teddy, der seit den 70er-Jahren auf dem Floor steht, ist gerade nach Neuseeland geflogen. Er habe da einen Kunden.

Zehn Tage ist er unterwegs. Für so einen Abstecher wäre früher niemals Zeit gewesen. Doch so richtig viel verpasst hat Teddy nicht. Zwar hat der Dow-Jones-Index in dieser Woche zum ersten Mal seit Mai 2008 die 13.000-Punkte-Marke erreicht. Aber das passierte ohne Nachdruck, ohne große Volumen, ohne Champagnerkorken.

Laut einer Studie von JP Morgan wird das globale Investmentbanking in diesem Jahr um vier Prozent einknicken, 13 Prozent allein im ersten Quartal. Aktien verkaufen, Übernahmen betreuen, Firmen an die Börse bringen ist out. Vermögensberatung ist in. Deshalb gilt Larry Fink von dem Vermögensverwalter Blackrock als König der Wall Street.

Während sich hartnäckig Gerüchte halten, dass Lloyd Blankfein bei Goldman Sachs im Sommer den Chefsessel räumen wird. Doch etwas bleibt: Es geht an der Wall Street immer noch um jede Menge Geld. Nur die Protagonisten, die versuchen, das Geld in ihre Kanäle zu leiten, haben sich verändert.

  • Aus der FTD vom 24.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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