Die Geschäftsordnung der Deutschen Börse ist eine zähe Lektüre: 84 Seiten voller Zahlen und Fachbegriffe. Chinesische Firmen, die ihr Heil an der Frankfurter Börse suchen, finden aber genau das gut und suchen immer häufiger den Weg an den Main. Und es gibt viele Argumente, warum das attraktiv sein kann, auch wenn New York oder London noch größere Anziehungskraft haben: die Nähe zu hiesigen Kunden etwa oder die im internationalen Vergleich niedrigen Gebühren für eine Neuemission.
Der häufigste Grund, den die Chinesen nennen, sind jedoch die hohen Transparenzstandards, die sie in Frankfurt erfüllen müssen. Aktuell etwa schwärmt gerade der Fischverarbeiter Haikui, der am 15. Mai auf dem hiesigen Parkett debütieren will, von den harten Spielregeln der Deutschen Börse - und ihrer Geschäftsordnung.
Etwas anders sieht es freilich aus, wenn es darum geht, die Standards auch umzusetzen. So wurde vergangene Woche bekannt, dass ZhongDe Waste, ein Hersteller von Müllverbrennungsanlagen, seine 2011er-Bilanz nicht rechtzeitig zum 30. April bei der Börse eingereicht hat. Dass eines der chinesischen Unternehmen in Frankfurt Fristen verstreichen lässt, ist nicht unüblich, sagen Beobachter. Das wiederum liefert Kritikern der chinesischen Firmenkultur Futter. Schließlich waren in den vergangenen Monaten viele Unternehmen aus der Volksrepublik, deren Aktie an Börsen im Ausland notiert sind, in Betrugs- und Bilanzskandale verwickelt.
Für Schlagzeilen sorgte vor allem der an der Börse Toronto notierte Holzkonzern Sino-Forest. Er hatte seine Warenbestände zu hoch ausgegeben und steht nach einer fast beispiellosen Talfahrt seines Aktienkurses inzwischen unter Gläubigerschutz. Überdies bleibt allein in den USA ein gutes Dutzend chinesischer Unternehmen bislang seine 2011er-Bilanz schuldig. Darunter ist auch LDK Solar, einer der weltgrößten Hersteller von Wafern für Solarzellen, der ein Drittel am Konstanzer Solarmodulbauer Sunways hält. Warum die Chinesen nicht liefern, ist unklar. "Bestenfalls" handelt es sich um Schlampigkeit oder Überforderung, schlimmstenfalls um Betrugsfälle.
In Frankfurt ist die Freude über den Zulauf aus China gleichwohl ungetrübt. 31 Neulinge haben sich in den vergangenen fünf Jahren für eines der Segmente der Deutschen Börse entschieden. Und das Lob der Chinesen für die Vorschriften zu Transparenz und Unternehmensführung geht dem Börsenbetreiber runter wie Öl. "Chinesische Firmen wollen in den Prime Standard und nicht den General Standard, um wegen der strengen Vorschriften das Vertrauen der Anleger zu stärken. Man muss also davon ausgehen, dass sie die dafür erforderlichen Kriterien dann auch einhalten", sagt ein Sprecher.
Je nach Segment sind die Kriterien, also auch die Berichtspflicht, unterschiedlich. Allerdings haben bisher alle chinesischen Firmen vor ihrem Börsengang versichert, unabhängig von Segment und Veröffentlichungspflicht regelmäßig Berichte abzuliefern. Wie der Maschinenbauer Gongyou: Seine Aktien werden im First Quotation Board ohne Veröffentlichungspflichten gehandelt, den Anlegern versprach er einst dennoch Quartalsberichte. Der letzte aber stammt vom Juni 2011, seither wurden keine Ad-hoc-Meldungen mehr verschickt.
In der Geschäftsordnung der Deutschen Börse steht, dass der Jahresfinanzbericht "spätestens vier Monate nach Ablauf eines jeden Geschäftsjahres" vorliegen muss, also in der Regel bis Ende April. Und laut Börsengesetz müssen Unternehmen, die sich nicht daran halten, bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld zahlen. Die Ultima Ratio ist der Börsenrauswurf auf Beschluss eines Sanktionsausschusses.
Doch wenn es stimmt, dass es chinesische Unternehmen weniger genau nehmen mit dem Erfüllen ihrer Pflichten, stellt sich die Frage nach noch strengeren Bedingungen für sie. Doch die Börse wiegelt ab: "Wir machen es nicht an der Nationalität der Unternehmen fest, wie sicher wir uns fühlen", sagt ein Sprecher. Wichtig sei nur, dass die Firmen die Kriterien erfüllen. Dafür gebe es Mechanismen, etwa Erinnerungsschreiben vor Fristablauf. Zudem stehe man mit Firmen, die den Termin verpassen, in regem Kontakt. Wie weit das Verfahren um ZhongDe Waste ist, will das Unternehmen aber nicht sagen.
Kay Baden vom Beratungsunternehmen Kirchhoff Consult lässt allein von Berufs wegen Milde mit chinesischen Unternehmen walten. Er hat bereits viele von ihnen an die Frankfurter Börse begleitet und berät sie anschließend weiter. Das Problem sei oft, dass die Firmen im ersten Jahr Probleme damit hätten, sich an die in der Europäischen Union und damit auch in Deutschland geltenden Bilanzierungsregeln für kapitalmarktorientierte Unternehmen International Financial Reporting Standards (IFRS) zu gewöhnen. Das, so Baden, passiere allerdings auch deutschen Mittelständlern, die vor ihrem Börsengang nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) bilanziert hätten und anschließend auf IFRS umsteigen müssten.
Bei ZhongDe Waste sei die Verspätung im Übrigen einfach zu erklären, sagt Kirchhoff-Berater Baden. Das Unternehmen habe im Januar Besuch von der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung bekommen. Die "Bilanzpolizei" habe sich die Zahlen und Belege angesehen und keinerlei Unregelmäßigkeiten festgestellt. Der zeitliche Aufwand durch den Besuch sei jedoch derart groß gewesen, dass ZhongDe Waste seinen Jahresbericht nicht rechtzeitig fertigstellen konnte.
Dass das Unternehmen wie versprochen im Juni seinen Jahresbericht vorlegen könne, sei aber gesichert. "Eine Kollegin von mir fliegt nach China und hilft dem Management dabei", sagt Baden.