Europa droht die Rezession, die Schuldenkrise eskaliert - doch der Euro hält sich wacker. Warum bloß?
von Christian Kirchner ,
Frank Bremser ,
Stefan Schaaf, Frankfurt und Kim Bode, New York
Es ist ein auf den ersten Blick irritierendes Phänomen: Im Gegensatz zur Entwicklung in den USA deuten in Europa alle wichtigen Frühindikatoren auf eine Rezession hin, die Rufe nach einem unbegrenzten Eingreifen der Europäischen Zentralbank werden angesichts der sich verschärfenden Schuldenkrise lauter, und die Euro-Zone ist wegen ihrer politischen Kakofonie unter Anlegern stigmatisiert - dennoch schlägt sich der Euro wacker: Die Gemeinschaftswährung notiert deutlich über den Anfang Oktober erreichten Tiefkursen von 1,32 Dollar und hat seit Jahresbeginn zum Dollar sogar knapp zwei Prozent zugelegt. Die FTD beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Entwicklung.
Wenn tatsächlich Schulden und ihr Abbau das große Kapitalmarktthema der kommenden Jahre werden, schneidet die Euro-Zone im direkten Vergleich mit den USA besser ab. Das Defizit der USA ist so hoch wie die gesamte Wirtschaftsleistung - in der Euro-Zone hingegen ein Fünftel niedriger. Zugleich steuert die Währungsunion kräftig gegen in Sachen Schulden, während in den USA allein im vergangenen Etatjahr rund 1300 Mrd. Dollar neue Schulden hinzukamen. In den schwer zu schätzenden indirekten Staatsschulden - also etwa künftige Sozialleistungen - ist die USA ebenfalls schlechter aufgestellt als der Euro-Raum.
Die großen Devisenmarktspekulanten haben derzeit laut den Veröffentlichungen der US-Terminbörsenaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) wieder annähernd rekordhohe Wetten auf einen zum US-Dollar fallenden Euro abgeschlossen. Sie liegen nur noch knapp unter dem Niveau von Mai 2010, als das bisherige Rekordhoch erreicht wurde. Allerdings heißt das auch: Die Spekulanten sind bereits positioniert und haben so eine Aufwertung des Euro beziehungsweise einen Dollar-Rutsch verhindert. Lösen sie ihre Positionen wieder auf, hilft das dem Euro und belastet den Dollar. "Die relative Stärke des Euro durchkreuzt gerade die Pläne vieler Spekulanten", sagt ein Händler.
Kurzfristig überhaupt keine - weder gerieten US-Staatsanleihen unter Druck, noch reagierte der Devisenmarkt. Der Hauptgrund: Für viele Anleger ist der Dollar ein "sicherer Hafen", der in der letzten globalen Krise im Herbst 2008 zudem binnen weniger Wochen dramatisch aufgewertet hatte.
Da aber die Euro-Zone für Investoren seitdem nicht wesentlich an Attraktivität gewonnen hat, gleichen sich die negativen Effekte ausufernder US-Schulden auf der einen und die Flucht der Anleger in den Dollar-Raum in Krisenfällen auf der anderen Seite derzeit aus. Hinzu kommt, dass die Ratingagenturen bereits signalisiert haben, dass das Scheitern ihre Bonitätsbewertung der USA kaum bewegen wird.
Als einzige der drei großen Ratingagenturen hatte Fitch im August mitgeteilt, dass ein Scheitern eine "negative Rating-Aktion", wahrscheinlich eine Korrektur des Ausblicks auf "negativ", zur Folge haben könnte. Das Ergebnis der Prüfung wird nun für Ende des Monats erwartet.
Dazu gibt es vor allem zwei Theorien: Die eine besagt, dass zwar Investoren aus den USA und Asien zunehmend das Vertrauen in die Euro-Zone verlieren, zugleich aber viele Anleger aus Europa aufgrund der gestiegenen Risikoaversion globale Anlagen repatriieren und so den Euro stützen.
Die andere fußt auf einem vergleichsweise einfachen Erklärungsmuster: Im gleichen Maße, wie Euro-Peripherieanleihen zuletzt unter Druck gerieten, stieg die Nachfrage nach den als sicher geltenden und vor allem hochliquiden Bundesanleihen, deren Kurse seit Wochen steigen und Renditen folglich sinken.
Eine Investition in Bundesanleihen bringt zwar derzeit nur sehr niedrige Zinsen - etwa 1,9 Prozent pro Jahr bei zehnjährigen Papieren - aber auch die Sicherheit, jederzeit zügig verkaufen zu können, und zynischerweise auch die Chance auf Währungsgewinne.
Die fielen etwa dann an, wenn im Falle eines Auseinanderbrechens des Euro-Raums ein Kern-Euro mit Deutschland als wichtigstem Mitgliedsland ohne die Peripheriestaaten übrig bliebe. "Solange mit Bundesanleihen ein extrem sicherer Hafen für Anleger zur Verfügung steht, gibt es bei jeder neuen Runde der Euro-Raum-Krise zwar genügend Motive, riskante Anlagen zu verkaufen, aber es steht weiterhin eine in Euro denominierte Alternative zur Verfügung. Es besteht also in solchen Situationen wenig Anlass, den Euro zu verkaufen", argumentieren die Strategen der Commerzbank.
Am populärsten unter Querdenkern ist die These, dass der Euro allein schon deshalb nicht zum US-Dollar kräftig abwerten kann, weil die USA ihrerseits eine politische Agenda haben, den Greenback zur Stützung ihres Exports zu schwächen. Ungelegen käme eine Dollar-Schwäche den USA jedenfalls nicht: "Der starke Dollar ist eines unserer Probleme, besonders für den Export", sagt Robert Brusca vom Analysehaus FAO Economics. Es sei auch nicht zu übersehen, dass auch die Bundesstaaten schwerwiegende Probleme haben.
Allerdings wäre der Versuch der absichtlichen Schwächung gefährlich, schließlich darf der Dollar aus Sicht der USA keinesfalls den Ruf der Weltleitwährung verlieren. Kritiker monieren, dabei arbeiteten die Ratingagenturen kräftig mit. "Das Scheitern des Superkomitees in den USA ist für Moody's lediglich "informativ" und nicht entscheidend. Diese Sichtweise nehmen wir zur Kenntnis und erkennen damit, dass Moody's kontinentaleuropäische Länder diesbezüglich vollständig anders behandelt als die USA. Darin darf man eine politische Agenda erkennen", sagt Folker Hellmeyer, Chefstratege der Bremer Landesbank. Einen Beleg für einen möglichen heimlichen Abwertungswettlauf beider großer Währungsräume liefert zudem der Goldpreis, der zu beiden Währungen seit Jahren steigt.
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