Jahrelang ging es mit der Nachfrage und dem Preis von Gold stetig nach oben. Doch schwächeres Wachstum in vielen Regionen der Welt, hohe Importzölle in Indien und Gewinnmitnahmen haben im zweiten Quartal die weltweite Nachfrage nach dem Edelmetall auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren schrumpfen lassen. Sie fiel gegenüber dem Vorjahreszeitraum um sieben Prozent und zum Vorquartal um zehn Prozent auf 990 Tonnen, wie aus den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen der Produzentenvereinigung World Gold Council (WGC) hervorgeht.
Die wichtigsten Abnehmer, die Schmuckindustrie und Geldanleger rund um die Welt, fuhren ihre Goldkäufe im Berichtszeitraum um 15 sowie 23 Prozent auf 418 beziehungsweise 302 Tonnen zurück. Aber auch der Bedarf der Industrie sank um fünf Prozent auf 112 Tonnen. Dagegen sind die Käufe der Zentralbanken geradezu explodiert: Sie haben sich auf 158 Tonnen mehr als verdoppelt. Viele Notenbanken diversifizieren schon seit etwa zwei Jahren ihre Währungsreserven, wollen sie krisensicherer machen und stocken zu diesem Zweck ihre Vorräte des Edelmetalls auf.
Allein im bislang weltgrößten Abnehmerland Indien brach die Nachfrage im zweiten Quartal um 30 Prozent ein. Dort ist Gold für Schmuck und als Wertanlage sehr beliebt, doch die Regierung verdoppelte im Frühjahr die Einfuhrzölle auf Barren und Münzen und löste damit im Frühjahr einen Streik der Juweliere aus. Zudem mussten die Inder wegen der schwachen Landeswährung Rupie Rekordpreise für das gelbe Metall hinblättern, und das obwohl der Goldpreis im zweiten Quartal um 4,3 Prozent auf durchschnittlich 1609 Dollar je Feinunze fiel. Auch in China sanken die Goldkäufe um sieben Prozent auf 144,9 Tonnen. Die Goldnachfrage für Anlagezwecke in Form von Barren, Münzen und börsennotierten Goldfonds (ETF) ging auf 302 Tonnen zurück. Dabei blieben die Investitionen in Goldfonds in etwa konstant.
Der traditionell optimistische Produzentenverband WGC lässt sich angesichts der Entwicklung jedoch nicht beirren und hofft auf die zweite Jahreshälfte. Geschäftsführer Marcus Grubb hält es trotz allem für möglich, im Gesamtjahr noch ein Nachfragewachstum zu erzielen. "In Indien erwarten wir eine gewisse Stabilisierung", sagte er in einer Telefonkonferenz. Dabei setzt er zum einen darauf, dass die Inder anlässlich der Hochzeitssaison im vierten Quartal und wegen des Diwali-Festes im November wieder stärker bei Gold zugreifen. Außerdem könnte die indische Notenbank intervenieren, um die Rupie zu stärken, hofft Grubb. China wird nach Einschätzung des WGC im Gesamtjahr seine Käufe um zehn Prozent auf 850 Tonnen steigern und "erstmals überhaupt der weltweit größte Markt für Gold werden".
"Der Joker ist aber die Investmentnachfrage", sagte Grubb. Und die hänge stark davon ab, ob die Notenbanken ihre Geldpolitik noch weiter lockern und damit Goldkäufe zum Werterhalt noch attraktiver machen. Auch die Entwicklung der europäischen Schuldenkrise werde das Edelmetall weiter stark beeinflussen.
Grubb setzt nicht zuletzt auf die Nachfrage der Notenbanken selbst. Er erwartet im Gesamtjahr erneut Rekordkäufe wie schon im Vorjahr. Wiederhole sich das Niveau aus dem ersten Halbjahr in der zweiten Jahreshälfte, dann kaufen die Zentralbanken so viel Gold wie seit 1964 nicht mehr.