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Merken   Drucken   13.01.2012, 11:19 Schriftgröße: AAA

Europäische Ratingagentur: Anti-S&P - nur politisch gewollt

Leitartikel Monatelang haben die Europäer über die US-Ratingagenturen gemurrt - und wollten prompt eine eigene gründen. Die wäre aus Gründen des Wettbewerbs zwar begrüßenswert. Ob das zu besseren Bewertungen führt, ist aber unbewiesen.
Zum Glück gibt es die US-Ratingagenturen - sonst hätten viele nicht gewusst, bei wem sie die Schuld für die Finanzkrise abladen können. So hört man gerade in Europa häufig: Brecht das US-Oligopol! Macht uns unabhängig, gründet eine europäische Ratingagentur!
Doch was auf politischen Bühnen gut klingt, muss in der Realität noch nicht funktionieren. Diese Erfahrung macht derzeit die Unternehmensberatung Roland Berger. Die mag das vielversprechendste Konzept und die stärkste öffentliche Unterstützung für eine alternative Agentur haben - mit Stiftungsmodell, unabhängiger Finanzierung und transparenter Bewertung. Doch mehr als Sonntagsreden wollen Banken und Versicherungen bislang nicht beisteuern. Das Interesse der Politik an einem Angriff auf das Oligopol ist stärker als derzeit das Interesse des Marktes.
Aus Gründen des Wettbewerbs wäre es in der Tat begrüßenswert, wenn die Macht der großen drei - Standard & Poor's, Fitch und Moody's - geschmälert würde und auch andere Agenturen zum Zuge kämen. Zudem sind die großen drei zu Recht in der Kritik. Ihre euphorischen, ungerechtfertigten Bewertungen von Risikopapieren verschärften die Finanzkrise 2007/08 und die Folgen der Lehman-Pleite. Hinzu kommt der Interessenkonflikt, dass sie oft von jenen Unternehmen bezahlt wurden, deren Produkte sie bewerteten.
Allerdings haben die Ratingagenturen auch aus ihren Fehlern gelernt. Ihre teils hektischen Herabstufungen von Euro-Staaten geschahen nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nicht mehr vorwerfen lassen wollten, Risiken zu spät erkannt und zu spät vor ihnen gewarnt zu haben.
Die Finanzmärkte haben sich daher längst wieder mit der Marktmacht der großen drei abgefunden. Banken, Versicherungen und anderen Investoren ist dagegen noch nicht klar, was sie von der Förderung einer neuen Agentur hätten. Die Startinvestitionen würden sich erst nach vielen Jahren auszahlen. Und dass mehr Ratingagenturen zu einem insgesamt besseren Bewertungssystem führen, ist unbewiesen.
So mag sich zwar gerade die Politik über die Ramschbewertungen für Griechenland, Portugal oder Irland aufregen. Doch auch wenn die Abwertungen der Schuldenstaaten deren Lage zeitweise verschärfte - an der Einschätzung selbst, dass diesen Ländern die Pleite droht, kann kaum jemand etwas aussetzen.
Wenn die Politik das Oligopol brechen will, so liegt es bei ihr, die Rahmenbedingungen für neue Ratingagenturen zu erleichtern - wie etwa durch das von der EU-Kommission vorgeschlagene Rotationssystem. Vor allem aber darf sie sich nicht einerseits über die Macht der Ratingagenturen beschweren - und andererseits immer gleich hektisch mit EU-Gipfeln reagieren, wenn einer der großen drei mal hustet.
  • Aus der FTD vom 13.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 14.01.2012 19:05:44 Uhr   khaproperty: Die Enttäuschung wird groß sein,

    wenn sogar die europäische Agentur bei der Wahrheit bliebe. Tut sie es nicht, wird sie nicht ernst genommen.
    Politiker neigen dazu, ihre eigene Wahrheit zu bevorzugen und Realitäten auszublenden. Das ist aktuell wieder einmal bei Merkel zu betrachten. Diese weigert sich, die gut gegründeten Urteile anzuerkennen, weil sie nämlich den Grundfehler der Währungsunion bloßlegen: 17 souveräne Staaten können niemals unter einer gemeinsamen Währung agieren. 17 plus 10 Nationen müßten ihre Verfassungen grundsätzlich ändern, um eine gemeinsame Finanz- und Währungspolitik überhaupt erst einleiten zu können. Das jedoch ist in absehbarer Zeit (einem Dutzend Jahren etwa) nicht zu schaffen, wenn überhaupt.
    Der Euro ist tot von Beginn an. Nur die Apparaturen zur künstlichen Beatmung sollten bald abgeschaltet werden. Sie kosten vor allem die Deutschen zuviel Geld. Rückabwickeln ist angesagt!

  • 13.01.2012 09:10:56 Uhr   Oicon: Nur politisch gewollt
  • 13.01.2012 09:04:16 Uhr   Gast1: nicht einfach eine neue Agentur
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