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Merken   Drucken   30.11.2008, 17:56 Schriftgröße: AAA

FTD-Zinsumfrage: EZB vor drastischer Zinssenkung

Die meisten Volkswirte glauben, dass die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der drohenden tiefen Rezession der Euro-Zone die Leitzinsen am Donnerstag erneut stark senken wird. Der Inflationsdruck geht rasch zurück. von Mareike Schulz (Frankfurt)
Etwas mehr als 50 Prozent der Ökonomen internationaler Banken gehen in der monatlichen Zinsumfrage der FTD davon aus, dass die Zinsen wie in den beiden Vormonaten um 50 Basispunkte auf dann 2,75 Prozent sinken. Der Rest rechnet sogar mit einer Reduzierung um 75 Basispunkte - ein Schritt, der einmalig wäre in der Geschichte der EZB. Eine Minderheit hält sogar eine Reduzierung um 100 Basispunkte für möglich.
"Die Wirtschaft hat sich so katastrophal entwickelt, dass wir vonseiten der EZB mit deutlichen Reaktionen rechnen müssen", sagt Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der amerikanischen Großbank Citigroup. Seiner Ansicht nach rechtfertigt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung einen Schritt von 100 Basispunkten. Die EZB werde allerdings einen Kompromiss finden müssen, da einige der Ratsmitglieder dafür plädierten, die Zinsen in geringerem Ausmaß zu senken. Michels rechnet daher mit einer Senkung um immerhin 75 Basispunkte.
Die FTD-Zinsumfrage im Dezember   Die FTD-Zinsumfrage im Dezember
Anders als die Zentralbanken in Großbritannien und der Schweiz werde die EZB die Leitzinsen der Euro-Zone relativ moderat zurücknehmen, glaubt die Mehrheit der befragten Experten. Die Schweizer Notenbank hatte ihren Leitzins kürzlich um 100 Basispunkte gesenkt, die Bank of England sogar um 150 Basispunkte. "Die meisten Marktteilnehmer preisen für die EZB-Zinsentscheidung nun 50 Prozentpunkte ein, aggressive Schritte könnten daher zu Irritationen führen. Das ist sicher nicht im Sinne der EZB", sagt Rainer Guntermann, Europa-Volkswirt von Dresdner Kleinwort. Allerdings hält auch er die Tür für einen aggressiveren Schritt durchaus für einen Spaltbreit offen.
Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen   Die zehn Banken mit den bislang genauesten Prognosen
Anders als im Vormonat erwarten nun nahezu alle Befragten, dass Europas Wirtschaft im kommenden Jahr schrumpft. So hatten die Experten der Dekabank noch in der Novemberumfrage für 2009 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent vorhergesagt. Nun gehen sie dagegen davon aus, dass das Wachstum sogar um 0,8 Prozent zurückgehen wird. Mit dieser drastischen Prognoseänderung stehen sie nicht allein da. Auch HypoVereinsbank, Credit Suisse und Bank of America senkten den Wirtschaftsausblick um mindestens einen Prozentpunkt. "Die Wirtschaft legt global eine absolute Vollbremsung hin. Das Ausmaß und das Tempo sind einmalig, so etwas haben wir noch nie gesehen", sagt Karsten Junius, Volkswirt der Dekabank.
Anzeichen dafür fanden sich vergangene Woche im schwachen Geschäftsklimaindex der Euro-Zone, der im November auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren fiel. In diesem rezessiven Umfeld wird es zunehmend wahrscheinlicher, dass sich die EZB auch im kommenden Jahr mit deutlichen Zinssenkungen gegen die Konjunkturflaute stemmen wird.

Teil 2: Prognosen zur Inflationsrate

  • Aus der FTD vom 01.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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