Alle haben sie die Lust verloren. Nur Dirk Becker, 47 Jahre, Bankenanalyst beim Brokerhaus Kepler - Dirk Becker hat einfach immer weitergemacht. Auch heutzutage verschickt er noch regelmäßig Studien zur IKB-Aktie. Er hat das schon getan, als das Papier gut 30 Euro wert war. Und heute, da es keine 30 Cent mehr kostet, tut er es immer noch. Sollte sich die IKB irgendwann einmal erholen, dann wäre Becker - der einzige Analyst, der die Aktie auch in schlechten Zeiten verfolgte - ein gefragter Mann.
Bloß: Auch Becker schwant, dass daraus vielleicht nichts mehr wird: "Die IKB muss bald die Wende schaffen. Sonst geht das nicht mehr lange gut." Für die Bank des deutschen Mittelstands wird nämlich die Luft dünn. Schon wieder.
Juli 2007. Ein paar Monate ist es her, dass in deutschsprachigen Zeitungen zum ersten Mal das Wort "Subprime" auftauchte. Deutschland weiß zu dieser Zeit also schon, dass sich am amerikanischen Immobilienmarkt etwas zusammenbraut. Aber was geht es Deutschland an?
Am 13. des Monats steht der DAX so hoch wie noch nie. 8152 Punkte. Am 20. verschickt die IKB eine Mitteilung zu den vorläufigen Zahlen: "Die IKB ist sehr gut in das Geschäftsjahr gestartet. (...) Wir bestätigen unsere Aussage, in diesem Geschäftsjahr ein operatives Ergebnis in Höhe von 280 Mio. Euro zu erreichen."
Zehn Tage später - am 30. Juli, der auch damals auf einen Montag fällt - hört sich das aber plötzlich ganz anders an. Wieder versendet das Düsseldorfer Traditionsinstitut eine Mitteilung. Inhalt diesmal: Die Bank sei in eine existenzielle Schieflage geraten. Das Wochenende über haben die Spitzen aus Finanzministerium, Bundesbank, Finanzaufsicht BaFin und Staatsbank KfW an einer Auffanglösung gearbeitet. Dramatische Sitzungen wurden abgehalten, hektische Telefonate geführt. BaFin-Chef Jochen Sanio, so wird kolportiert, habe von "der schlimmsten Bankenkrise seit 1931" gesprochen.
Was ist da passiert, buchstäblich über Nacht? Schon damals ist klar: Die IKB hat sich mit Subprime-Papieren verhoben - Wetten, die auf der Annahme beruhten, dass einkommensschwache Amerikaner die Hypotheken für ihre überteuerten Häuser bedienen würden. Heute weiß man: Es war überdies der Tag, an dem die Finanzkrise nach Deutschland kam. Und danach nicht mehr wegging.
Bruno Scherrer war mal Offizier einer Spezialeinheit der französischen Armee. Man kann ihn sich gut in dieser Rolle vorstellen, er sieht immer noch drahtig aus, und er spricht auch so. Der 42-Jährige ist Europa-Chef des US-Finanzinvestors Lone Star. Am vergangenen Mittwoch empfängt Scherrer im Besprechungsraum der Frankfurter Dependance, fünf mal fünf Meter, in der Mitte ein quadratischer Tisch, drumherum acht Stühle, in der Ecke eine Zimmerpalme. Seit drei Jahren amtiert Scherrer als Aufsichtsratschef der IKB. In dieser Position müsste er eigentlich die Hauptversammlungen leiten. Doch bislang ist er dort nie aufgetaucht. Scherrer scheut nämlich die Öffentlichkeit. Interviews? Ungern.
Diesmal aber macht er eine Ausnahme. Nicht um über 2007 zu diskutieren - die Zeit hat er damals selbst nur von außen mitgekriegt. Sondern darüber, was seither passiert ist: Was ist aus der Bank geworden, deren Rettung dem Steuerzahler rund 10 Mrd. Euro wert zu sein hatte? Und was lehrt die Entwicklung der IKB über den Zustand der Bankenindustrie fünf Jahre nach Ausbruch der großen Krise?
Als Lone Star im Herbst 2008 rund 90 Prozent der IKB übernimmt, hat Scherrer einen klaren Plan: Er will die IKB von den faulen Aktiva säubern, die sich in den Büchern angesammelt haben. Übrig bleiben soll "die Kernbank", wie Scherrer sie nennt, jene IKB, die den Mittelstand seit Jahrzehnten mit Krediten versorgt. Im Anschluss will Scherrer die Kernbank mit Aufschlag weiterverkaufen.
In der Theorie hört sich das gut an. In der Praxis gibt es ein Problem: Um zu arbeiten, braucht eine Bank Geld. Am Markt bekommt die IKB aber keines mehr. Zu groß ist das Misstrauen nach dem Subprime-Desaster.
So pumpt die IKB den staatlichen Stabilisierungsfonds Soffin an. Diesmal geht es nicht um Eigenkapital wie bei den Rettungsaktionen 2007. Sondern um Garantien, die nötig sind, damit Investoren der Bank wieder Geld leihen. Ende 2008 saugt die IKB auf diese Weise 5 Mrd. Euro auf. Mitte 2009 noch einmal 7 Mrd. Euro. Die Bank, im Besitz von Texanern, lebt nur dank der Gnade der deutschen Steuerzahler. Aber immerhin: Sie lebt.
Das Refinanzierungsproblem jedoch bleibt. Schließlich müssen die Anleihen bald zurückgezahlt werden. Anfang 2011 haben die IKB-Manager eine neue Idee: Wieder haben sie einen Weg gefunden, sich abseits des Finanzmarkts Liquidität zu verschaffen. Wenn die großen Investoren der Bank misstrauen - warum versucht man es nicht bei den kleinen Sparern?
Die IKB direkt wird gegründet, ein Onlineanbieter von Tages- und Festgeldkonten. Die Konditionen sind ordentlich, in den Zinsrankings im Internet liegen die Düsseldorfer auf Anhieb weit vorn. Möglich macht es die Mitgliedschaft im Einlagensicherungsfonds, für den in letzter Konsequenz ebenfalls der Steuerzahler haftet. Binnen wenigen Monaten legen Zinsjäger bei der IKB mehr als 3 Mrd. Euro an. Woher die Zinsen kommen? Nicht aus dem Gewinn. Denn auch nach der Schieflage 2007 schließt die IKB die meisten Geschäftsjahre mit einem Verlust ab.
Wie gut, dass sich die Europäische Zentralbank 2011 und Anfang 2012 generös zeigt. Natürlich bedient sich auch die IKB bei den Drei-Jahres-Tendern. Frisches Geld für ein Prozent Zins - so billig bekommt sie es nicht mal vom Sparer.
Aus der IKB ist im Laufe der Krisenjahre eine Bank neuen Typs geworden. Eine, die vom Kapitalmarkt abgeschnitten ist. Und die trotzdem überleben kann. Bezeichnend: Die Zusammenarbeit mit den Ratingagenturen hat die IKB beendet. Bonität braucht sie keine mehr. Der Finanzbuchautor Christopher Whalen hat für Institute wie die IKB den Namen "Zombiebank" erfunden.
Zombiebank? Bruno Scherrer kann nicht viel anfangen mit diesem Wort. Aber die Subventionsdebatte, die er "catchy" nennt, also eingängig - der stellt er sich: "Man muss das in den richtigen Kontext stellen. Vom Einlagenschutz profitieren schließlich alle Banken. Und die EZB-Tender hat man nicht für kleine Institute wie die IKB gemacht. Sondern für die großen."
Zusammengefasst geht Scherrers Argumentation so: "Die Bankenwelt ist eine völlig andere, als sie es vor der Krise war. Und wir machen nichts anderes, als uns daran anzupassen. In einem normalen Marktumfeld würde man die IKB nicht als Risiko betrachten. Die Risiken gehen eher von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus."
Die IKB als Gefahr für ihre Umwelt? Scherrer schüttelt den Kopf: "Wesentliche Risiken liegen vielfach noch bei den Großbanken, deren Strukturen oftmals komplex sind. Die IKB dagegen ist in den letzten Jahren sehr viel einfacher geworden."
Das ist die Story, mit der Scherrer versucht, einen Käufer für das Institut zu finden: die einfache, entschlackte Kernbank IKB, die Deutschlands Unternehmen mit Krediten versorgt. Und die ihren Kunden darüber hinaus Dienstleistungen anbieten will, etwa die Beratung bei Übernahmen. Die Story sei gar nicht so schlecht, sagt ein hochrangiger Bankmanager, der die IKB sehr gut kennt. Nur: Seit zwei Jahren will Lone Star die Bank schon loswerden. Bislang vergeblich.
Liegt es nur an der schlechten Gesamtlage? Oder auch daran, dass Außenwahrnehmung und Binnensicht in Sachen IKB oft auseinanderklaffen? Analyst Becker etwa meint, "dass sich im Mittelstandsbereich inzwischen viele Banken tummeln, da herrscht harter Wettbewerb".
Scherrer sagt: "Wir werden im Servicebereich mehr und mehr Geschäft machen." Der Frankfurter Bankenprofessor Martin Faust meint, "dass die im Grunde notwendige Schrumpfung der Bank zuletzt einseitig zulasten des Kerngeschäfts gegangen ist". Scherrer sagt: Die Kern-IKB sei "ein einmaliges Asset". Becker und Faust sehen auch die Kapitalausstattung kritisch: Von 11,2 Prozent auf 9,4 Prozent, gemessen an den Risikoaktiva, ist die Kernkapitalquote zuletzt gesunken. Scherrer hält das Kapital für auskömmlich. Ob Lone Star zur Not Kapital nachschießen würde? "Dieser Frage widmen wir uns erst, wenn sie sich gegebenenfalls stellt."
Gut 500 Mio. Euro hat die IKB im vergangenen Jahr verbrannt. Der wesentliche Grund waren Abschreibungen auf Griechenland-Papiere. "Die IKB ist auch in anderen Problemländern investiert", sagt Faust. Die Bilanz weist Forderungen an den italienischen Staat von 880 Mio. Euro aus.
Scherrer sagt: "Wir sind mit dem Abbau der Risiken weit vorangeschritten." Dirk Becker, der Analyst, der einfach weitermachte, hat seine jüngste Analyse zur IKB-Aktie im April vorgelegt. Seine letzte, meint er, sei es nicht gewesen.