Erstmals seit vielen Monaten erwartet mit 55 Prozent die Mehrheit, dass der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) innerhalb eines Jahres steigen wird. Noch bei der letzten Umfrage hatten die meisten Experten auf Jahressicht unveränderte Zinsen prognostiziert.
Alle Ökonomen rechnen damit, dass der Leitzins bei der EZB-Sitzung am Donnerstag sowie im Dezember konstant bei einem Prozent bleibt. Geteilter Meinung waren die Volkswirte darüber, ob sich die Lage bereits so weit entspannt hat, dass die Zentralbanker ihre extrem lockere Geldpolitik wieder straffen können.
In der Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Währungshüter den Leitzins so stark gesenkt wie nie zuvor. Zudem leiht die EZB Banken bis zu ein Jahr lang unbegrenzt Geld. Da sich die Wirtschaft derzeit aber erholt und die Finanzmärkte sich stabilisieren, spekulieren Anleger und Händler darüber, wann die Notenbank ihre Hilfen zurücknehmen wird.
Die FTD-Zinsumfrage im Oktober
Im Schnitt rechnen die Experten mit einer moderaten Zinserhöhung bis Oktober 2010 um gut einen Viertelprozentpunkt. Mittlerweile erwarten allerdings schon zwei Ökonomen, dass der Leitzins auf Jahressicht sogar auf zwei Prozent steigt. Im September gab nur Holger Schmieding von der Bank of Amerika diese Prognose ab. Nun rechnet auch Christel Aranda-Hassel von Credit Suisse mit diesem Satz. Die Experten der Credit Suisse haben den EZB-Leitzins zuletzt am besten vorhersagt. Seit Oktober vergangenen Jahres liegen sie in der FTD-Auswertung jeden Monat auf dem ersten Platz.
Eine Erklärung für die steigenden Zinserwartungen dürften die besseren Wachstumsaussichten für den Euro-Raum sein. Die Bankvolkswirte hoben ihre Prognosen nochmals an - auf im Schnitt 1,2 Prozent für das nächste Jahr. Schon im September hatten sie ihre Vorhersage von 0,5 auf 1,0 Prozent heraufgenommen. Die Inflationserwartungen blieben konstant: Weiterhin wird die Teuerungsrate nach Ansicht der Ökonomen im nächsten Jahr deutlich unter zwei Prozent liegen: Sie erwarten im Schnitt 1,2 Prozent.
Vergleich der Befragungen
Einige Experten registrieren zudem eine Entspannung am Geldmarkt, wo sich Banken untereinander Geld leihen und verleihen. Das dürfte es der EZB leichter machen, ihre sehr lockere Geldpolitik zu beenden und eine Exit-Strategie einzuleiten. Als Indiz dafür werten die Ökonomen die deutlich gesunkene Nachfrage der Finanzinstitute bei der Geldzuteilung durch die EZB in der vergangenen Woche. Nach dem Tender im Juni war es das zweite Mal, dass die Notenbank Geld für ein Jahr zum Leitzins und in unbegrenzter Menge bereitstellte. Fragten die Banken im Juni noch gewaltige 442 Mrd. Euro nach, waren es nun nur noch 75 Mrd. Euro. "Das Bankensystem normalisiert sich", sagt Julian Callow von Barclays Capital. Das sieht Carsten Klude von M.M. Warburg ähnlich: "Der Geldmarkt wird derzeit überreichlich mit Liquidität versorgt." Er geht sogar davon aus, dass die Zentralbanker schon im zweiten Quartal 2010 den Leitzins anheben werden.
Fünf Banken mit den bislang genauesten Prognosen
Bevor die Notenbank den Leitzins erhöhen wird, dürfte sie die Geldzuteilung über drei und sechs Monate begrenzen, sagt Anders Matzen von Nordea. Das dürfte jedoch nicht vor Ende des Jahres passieren. Frühestens im Dezember erwartet er ein Signal, ob die EZB die Zügel strafft. Dann steht auch das nächste Refinanzierungsgeschäft mit einer Laufzeit über ein Jahr an.
Doch einige Ökonomen blicken skeptisch auf diese Zuteilung der EZB. "Die Banken haben sich ihre Sicherheiten für den Dezember-Tender aufgehoben", sagte Karsten Junius von der Dekabank. Dazu seien sie auch in der Lage, weil viele Banken in der Zwischenzeit nicht planen würden, ihr Kreditportfolio auszuweiten. Ähnlich schätzt Jürgen Michels von der Citigroup die Lage ein: "Wir erwarten wieder eine riesige Nachfrage beim Tender im Dezember." Die Finanzierungssituation werde sich nicht so schnell erholen, sagt Michels.
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