Wie es um den Welthandel steht, lässt sich auf dem Vorfeld des Frachtterminals am Kölner Flughafen nachvollziehen: "In den vergangenen Monaten war deutlich zu beobachten, dass die Dynamik beim Frachtverkehr, der ja eine Art Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung ist, nachgelassen hat", sagt Walter Römer, Sprecher des Flughafens Köln/ Bonn. 726.259 Tonnen Fracht wurden dort im vergangenen Jahr umgesetzt; eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahr zuvor. Doch nun ist das Geschäft ins Stocken geraten. Deutschlandweit verzeichnete die Luftfracht im ersten Halbjahr ein Minus von 4,2 Prozent. Köln/Bonn kam dabei mit einem leichten Plus von einem Prozent sogar noch gut weg. Im Gesamtjahr 2011 hatte das Plus der Kölner allerdings noch 12,8 Prozent erreicht.
Es ist die Euro-Krise, die Sand ins Getriebe des Welthandels streut. Die Stimmung bei den Unternehmen ist von Unsicherheit durch die ungelösten Probleme geprägt - wie die globalen Firmenumfragen deutlich zeigen (siehe Grafiken). In der Folge werden Investitionen aufgeschoben, was dafür sorgt, dass die Nachfrage zusätzlich zur harten Konsolidierung in vielen Teilen Europas sinkt. Das trifft die exportabhängige deutsche Wirtschaft, die ihre Waren zu 40 Prozent in Länder der Währungszone verkauft. Das gleiche Problem haben Chinas Exporteure, für die Europa ebenfalls ein wichtiger Markt ist. Mit sinkenden Absatzaussichten werden die chinesischen Firmen vorsichtiger bei Investitionen in neue Maschinen. Das prallt zurück zu den deutschen Exporteuren, deren China-Geschäft lange die große Stütze inmitten der Krise war. So gerät die deutsche Industrie gleich von zwei Seiten unter Druck. Daten zeigen deutlich, dass der Welthandel in der ersten Jahreshälfte an Schwung verloren hat. So hat sich der Baltic Dry Index, ein Barometer für die weltweite Frachtverschiffung, in den ersten Wochen des Jahres 2012 mehr als halbiert. Danach blieb die Entwicklung insgesamt flach. Ähnliches signalisiert das Welthandelsbarometer des niederländischen CPB-Instituts. In den ersten drei Monaten des Jahres gab es drei Rückgänge in Folge.
Auch der Containerumschlag-Index des Essener RWI-Instituts deutet auf weniger Warenverkehr. Das RWI-Barometer geht seit März in der Tendenz zurück. "Dabei stellt es die Situation derzeit wohl sogar noch etwas zu günstig dar", sagt Roland Döhrn, Konjunkturchef des RWI-Instituts. Denn der innereuropäische Warenverkehr ist in dem Containerindex unterrepräsentiert, da er seltener per Seeschiff abgewickelt wird. "Und der dürfte besonders schwach laufen", so Döhrn. "Insgesamt dürfte der Welthandel derzeit mehr oder weniger stagnieren, wenn nicht leicht rückläufig sein."
Hat der Welthandel 2011 noch um knapp sieben Prozent zugenommen, so dürfte das Plus in diesem Jahr mager ausfallen. "Das Wachstum könnte 2012 nur bei etwa drei Prozent liegen", sagt Carsten Klude, Chefökonom bei der Privatbank M.M. Warburg. Die Sorgen bei den Firmen steigen im Gleichschritt mit schlechteren Exportaussichten und wachsender Unsicherheit durch die Euro-Krise - wie die Einkaufsmanagerumfragen (PMI) vom Juli zeigen. In der deutschen Industrie sank der vom Marktforscher Markit erhobene PMI von 45 auf 43 Punkte. Damit ist die Stimmung sogar mieser als bei französischen oder italienischen Firmen und schlechter als in der Euro-Zone insgesamt. "Besonders der Exportsektor in Deutschland spürt die Folgen der Euro-Krise durch die wegbrechende Nachfrage", sagte Christian Schulz, Volkswirt bei Berenberg Bank. "Und auch die Exporte nach Übersee leiden durch die Abschwächung in Asien."
In der Folge wurde die Verschlechterung der europäischen Firmenstimmung im Juli ausgerechnet von Deutschland angeführt. In praktisch allen Euro-Zonen-Staaten ging es im Juli weiter bergab mit der Laune der Einkäufer. Der PMI der Euro-Zone insgesamt sank von 45,1 auf 44 Punkte. Tief im Keller bleibt die Stimmung bei den Krisenländern - mit Ausnahme von Irland, wo den stark auf die USA ausgerichteten Exportfirmen der schwache Euro besonders hilft. "Die Konsolidierung in Südeuropa hält an, die Nachfrage von dort kann man auf absehbare Zeit abschreiben", sagt Schulz. Damit richtet sich der Blick auf die Schwellenländer und die USA.
Die US-Konjunktur hält sich im Vergleich zu anderen Teilen der Welt immerhin halbwegs robust. Der ISM-Index, die wichtigste Umfrage unter US-Firmen, hat seinen Abwärtstrend im Juli gestoppt, nach zwei Rückgängen in Folge. Das Barometer stieg minimal von 49,7 auf 49,8 Punkte, wie das ISM-Institut am Mittwoch mitteilte. Doch trotz allem bleibt der ISM-Index knapp unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten. Dynamik sieht anders aus. Große Impulse aus der US-Wirtschaft für den Rest der Welt seien bis zu den Präsidentschaftswahlen im November unwahrscheinlich, sagt Schulz.
So ruht die Hoffnung einmal mehr auf den Schwellenländern. Vergangenes Jahr noch der große Treiber des Welthandels, hatten sie in der ersten Jahreshälfte an Dynamik verloren. "In fast allen Schwellenländern hat sich das Wachstum abgeschwächt", sagt Warburg-Ökonom Klude. Auch eine Folge der Euro-Krise.
Gut erkennbar an der größten asiatischen Volkswirtschaft: War die EU 2011 noch Chinas größter Absatzmarkt, so wurde sie in den ersten sechs Monaten 2012 von den USA abgelöst - so drastisch war der Rückgang der chinesischen Ausfuhren in die kriselnden Euro-Länder.
Doch jüngst gibt es wieder Hoffnungszeichen aus China. Der von der Großbank HSBC erhobene PMI zeigte als eine der ganz wenigen Stimmungsumfragen im Juli einen Besserung. Eine parallel von der Regierung erhobene Umfrage verschlechterte sich nur noch minimal, von 50,2 auf 50,1 Punkte, wie die chinesische Logistikbehörde CFLP am Mittwoch mitteilte. Tatsächlich erwarten zahlreiche Ökonomen wieder eine steigende Dynamik in den kommenden Monaten.
Die Situation insgesamt in Asien bessere sich, so Klude. "Da der Inflationshöhepunkt erreicht zu sein scheint, haben viele Notenbanken begonnen, ihre Geldpolitik wieder zu lockern." Ein Hoffnungsschimmer für die zweite Jahreshälfte - der auch am Kölner Flughafen wieder für mehr Frachtkisten auf dem Vorfeld sorgen könnte.