Die FTD fragt, fünf Experten antworten
Johannes Müller, Chefvolkswirt des Fondsanbieters DWS
Die Liquiditätsspritzen waren Aspirin für die Märkte, sie haben die Migräne für eine Zeit verschwinden lassen. Allmählich lässt die Wirkung aber nach, die Migräne kehrt zurück. Und die Griechen sorgen für eine Extraportion Kopfschmerzen.
Peter Reichel, Leiter der privaten Vermögensverwaltung bei der Privatbank Berenberg
Die Schuldenkrise war nie weg. Die EZB hat mit ihrem Eingriff nur ein Zeitfenster geschaffen, um Strukturanpassungen zu ermöglichen. Die Wahlen haben eine Signalwirkung: Weite Teile der Bevölkerung wollen den anstrengenden Teil der Konsolidierung nicht mitgehen.
Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa)
Die Schuldenkrise war nie weg und wird uns voraussichtlich auch noch Jahre begleiten. Sie war durch die extreme Ausweitung der Liquidität allerdings vorübergehend in den Hintergrund geraten.
Thomas Meißner, Makro-Rentenresearch der genossenschaftlichen DZ Bank
Die Schuldenkrise ist in den letzten zwei Jahren nie wirklich weg gewesen. In Europa greift zunehmend eine Sparmüdigkeit um sich. Sowohl die "Problemländer" als auch die "Geberländer" fühlen sich teilweise überfordert.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
Da die notwendigen Anpassungen noch Jahre andauern werden, wird es immer wieder ruhigere Perioden geben, in denen an diesen Anpassungen gearbeitet wird. Und es wird Phasen geben, wo sich Hindernisse aufbauen, also die Krise zurückkehrt.
Johannes Müller, Chefvolkswirt des Fondsanbieters DWS
Nein. Niemand weiß, wie so ein Prozess ablaufen würde und wie die wirtschaftlichen Akteure anderer Länder reagieren würden, wenn sie Bilder von chaotischen Zuständen aus Athen in den Nachrichten sehen. Letztlich ist die Frage des Verbleibs in der Euro-Zone eine politische Entscheidung.
Peter Reichel, Leiter der privaten Vermögensverwaltung bei der Privatbank Berenberg
Die Folgekosten sind derzeit nur schwer abzuschätzen. Wichtig bleibt, dass ein erneutes Übergreifen der Krise auf Spanien und insbesondere auf Italien vermieden werden muss. Wenn Griechenland den schweren Weg der Konsolidierung nicht zu gehen bereit ist, dann bleibt letztlich keine andere Wahl als ein Austritt aus dem Euro.
Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa)
Für Griechenland wäre ein Austritt aus der Euro-Zone eine der schlechtesten Lösungen überhaupt. Auch die übrige Euro-Zone hätte wenig davon, da Spekulationen über mögliche weitere Austrittskandidaten neue Wellen der Verunsicherung auslösen dürften.
Thomas Meißner, Makro-Rentenresearch der genossenschaftlichen DZ Bank
Wenn Griechenland die mit dem Staatenbund ausgehandelten Vereinbarungen aufkündigt, wird es das Beste für das Land sein, den Euro aufzugeben. Ohne Unterstützung werden die Hellenen unter dem Euro ihre Finanzverpflichtungen auf Jahre hinaus nicht erfüllen können. Welche Folgen das für die Märkte hätte, ist schwer zu sagen.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
Der Austritt Griechenlands in der jetzigen Lage würde an den Märkten als Fanal für das Ende des Euro gelten. Massive Kapitalflucht wäre die Folge, was das Finanzsystem noch mehr unter Druck bringen würde. Die Märkte erwarten von der Politik Antworten, wie der Euro als Ganzes funktionsfähig gemacht werden kann.
Johannes Müller, Chefvolkswirt des Fondsanbieters DWS
Das Wahlergebnis war natürlich nicht hilfreich für die übrige Peripherie. Die Reaktion des Marktes zeigt aber, dass sehr wohl zwischen dem griechischen Chaos und den anderen Ländern differenziert wird.
Peter Reichel, Leiter der privaten Vermögensverwaltung bei der Privatbank Berenberg
Die Investoren werden jeden Schritt der strukturellen Veränderungen und das Erreichen der gesteckten Ziele genauestens verfolgen. Da auf der politischen Bühne immer wieder mit Rückschlägen zu rechnen ist, dürfte die Volatilität in den nächsten Monaten zwischenzeitlich steigen.
Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa)
Man kann Griechenland nicht mit Italien und Spanien vergleichen. Auch Portugal dürfte wirtschaftlich besser aufgestellt sein. Die Wahl in Griechenland hat jedoch die Staatsschuldenkrise wieder in den Vordergrund gerückt und damit die Diskussion über die Schuldentragfähigkeit der drei Länder aufleben lassen.
Thomas Meißner, Makro-Rentenresearch der genossenschaftlichen DZ Bank
Die Anleihen Spaniens, Italiens und Portugals können sich dem Sog ihrer griechischen Pendants durchaus entziehen, sofern die jeweils eingeschlagene Politik stimmt. Mittlerweile beobachten wir im Segment der Euro-Staatsanleihen alle möglichen Entwicklungspfade abhängig vom Grad der Überzeugung, mit der eine Konsolidierung verfolgt und nach außen vermittelt wird.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
Die ersten Beschlüsse im Kampf gegen die Euro-Krise betrafen die Haushaltskonsolidierung sowie Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Die zu erwartenden Reaktionen der Wähler – und das wahrscheinlich nicht nur in Frankreich und Griechenland – werden dafür sorgen, dass nun auch in einem zweiten Schritt Wachstumsprogramme in den Vordergrund rücken.
Johannes Müller, Chefvolkswirt des Fondsanbieters DWS
Die Politik. Die Gemeinschaftswährung hätte funktionieren können, wenn sich alle Akteure an die Regeln gehalten hätten. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und man sollte offen diskutieren, wie sich die Währungsunion in eine Fiskal- und politische Union weiterentwickeln kann.
Peter Reichel, Leiter der privaten Vermögensverwaltung bei der Privatbank Berenberg
Sowohl die Politik als auch die Notenbank sind gefordert. Die Notenbank ist bereits zwei große Schritte gegangen. Die Politik muss den Fiskalpakt nun sukzessive umsetzen, um glaubwürdig zu bleiben – auch wenn neue Elemente wie Wachstumsimpulse berücksichtigt werden sollen.
Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa)
Die Politik sollte den Fiskalpakt um Wachstumsprogramme für die Länder Südeuropas ergänzen. Die EZB sollte den Anpassungsprozess absichern und bei Bedarf weitere „monetäre Schützenhilfe“ leisten. Dies kann die Bereitstellung eines neuen mehrjährigen Tenders oder der Erwerb von Staatsanleihen sein.
Thomas Meißner, Makro-Rentenresearch der genossenschaftlichen DZ Bank
Auf die längere Frist kann sich nur jedes einzelne Land am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Für eine Übergangszeit kann die Staatengemeinschaft helfen – aber nur wohlwollenden Ländern. Wenn alle Stricke reißen, kann die Geldpolitik einspringen.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
Die EZB ist auf Dauer mit den Aufgaben, das Finanzsystem zu stabilisieren, die Zahlungsbilanzen zu finanzieren, die Konjunktur aufrechtzuerhalten und die Inflation zu kontrollieren, überfordert. Daher muss die Politik die Weichen für eine Weiterentwicklung der finanzpolitischen Integration in Euroland stellen.
Johannes Müller, Chefvolkswirt des Fondsanbieters DWS
Es bleibt volatil, politische Schlagzeilen werden weiter das Geschehen bestimmen. Daneben sind wieder Konjunktursorgen aufgekommen, es mehren sich die Anzeichen für eine Abkühlung. Das alles spricht für schwierige Wochen.
Peter Reichel, Leiter der privaten Vermögensverwaltung bei der Privatbank Berenberg
Wir bleiben zuversichtlich, dass die neuen politischen Realitäten nur von vorübergehender Dauer sind. Kurzfristig sind einzelne schwache Tage an den Börsen im Zuge negativer Schlagzeilen jedoch wahrscheinlich. Fundamental betrachtet bleiben Aktien absolut und relativ zu anderen Anlageklassen günstig bis moderat bewertet.
Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa)
Solange Griechenland keine funktionsfähige Regierung hat und die Positionierung des neuen französischen Präsidenten nicht klar ist, wird die Nervosität hoch bleiben. Der deutsche Aktienmarkt dürfte sich unter hohen Schwankungen tendenziell seitwärts bewegen, die deutschen Renditen sollten bis auf weiteres extrem niedrig bleiben.
Thomas Meißner, Makro-Rentenresearch der genossenschaftlichen DZ Bank
Die EZB dürfte leitzinspolitisch geradeaus fahren und Impulse weiter über die Liquiditätsschiene geben. Eine weitere Absenkung des Leitzinses kann aber nicht vollständig ausgeschlossen werden. Bei Bundesanleihen dürfte die gegenwärtige massive Abweichung der tatsächlichen Renditen von ihrem jeweiligen fairen Wert bis auf Weiteres Bestand haben.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
Die Märkte warten ab, welche Richtung der neue französische Präsident einschlägt. Seine Ankündigungen waren zwar aufsehenerregend, aber hinreichend vage, um einer Portion Pragmatismus Platz zu lassen. Wenn die Finanzmärkte den Eindruck haben, dass Frankreich seine wirtschaftlichen Herausforderungen nicht annimmt, werden sie verstimmt reagieren.