FTD Der Ölpreis zieht wieder an. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?
BERGMANN Der genannte fundamentale Grund ist die Story zur Spekulation. Die eigentliche Ursache ist die durch staatliche Einspritzmaßnahmen freigesetzte Liquidität, die nach der als überwunden angesehenen Finanzkrise wieder zur Verfügung steht. Sie sucht nach Anlagen. Diese findet sie unter anderem im Ölmarkt.
FTD Wie wirkt sich das aus?
BERGMANN Zwei Szenarien stehen zur Auswahl. Wenn sich die Konjunktur wider Erwarten schnell aufhellt, wird der Preis durch die Decke gehen und alte Höchststände aus dem letzten Jahr erreichen. Ich kann mir das in einem Zeithorizont von weniger als zwei Jahren vorstellen. Allerdings würde das wohl zu einem erneuten Crash der Weltwirtschaft führen. Wenn Nordamerika und Europa aber ihre Hausaufgaben machen und endlich die schon oft angemahnte Effizienzrevolution starten, ließe sich eine halsbrecherische Preissteigerung stoppen.
FTD Warum hat Energieeffizienz einen Einfluss auf den Preis?
BERGMANN Weil es das Angebots-Nachfrage-Verhältnis zugunsten des Preises beeinflusst. Eine Verdoppelung des Angebots oder eine Halbierung der Nachfrage führen zum gleichen Verhältnisvorteil. Das Veränderungspotenzial ist allerdings bei der Nachfrage deutlich größer. Eine Verdopplung des Ölangebots für Nordamerika und Europa hieße, dem Markt täglich 130 Millionen Barrel Öl zur Verfügung zu stellen. Diese Menge wird wahrscheinlich niemals zur Verfügung stehen. Heute brauchen wir etwa 84 Millionen Barrel pro Tag. Die Halbierung bedeutet, Autos in Deutschland mit 3,5 statt mit sieben Litern Sprit pro 100 Kilometer fahren zu lassen, und Häuser mit zehn Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr zu erwärmen statt mit 20 Litern, wie es bisher im Durchschnitt üblich ist.
FTD Welches Potenzial sehen Sie beim Thema Energieeinsparung?
BERGMANN Die Schwellenländer sehe ich erst in einem späteren Schritt im Boot der Einsparung. In der Asien-Pazifik-Region verbraucht ein Mensch 1,1 Liter Öl pro Tag. In Nordamerika sind es 10,5 und in Europa 4,4 Liter pro Person und Tag. Eine Halbierung des nordamerikanischen Verbrauchs erlaubte eine Verdoppelung der asiatischen Nachfrage. Wenn Europa ebenfalls halbierte, würden wir den aktuellen Verbrauch um zwölf Prozent reduzieren. Im Laufe der Zeit wird durch die höhere Effizienz ein Wettbewerbsvorteil entstehen, dem Asien dann folgen müsste.