Am Anfang war der Skandal: In der Hochphase der wilden Dotcom-Zeit rund um die Jahrtausendwende spuckten die Research-Abteilungen der Wall-Street-Banken Jubel-Analysen über Start-up-Firmen im Dutzend billiger heraus. Dass dabei nicht immer sauber recherchiert wurde, verstand sich fast von selbst. Schlimmer freilich war, dass die Banken vielfach zugleich das Mandat hatten, diese jungen Wachstumsfirmen an die Börse zu begleiten oder ihnen sonstwie Kapital zu beschaffen - der Interessenkonflikt, vor allem aber die Irreführung der Anleger war programmiert.
Bis heute legendär in diesem Zusammenhang ist Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget. In internen E-Mails bezeichnete er Aktien als "Stück Scheiße", die er öffentlich zum Kauf empfahl, weil die Kollegen von der Kapitalmarktabteilung um das Mandat für den Börsengang des entsprechenden Unternehmens kämpften. Da waren wohlmeinende, aber falsche Analystenurteile nur zu willkommen.
Die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) nannte Blodgets Studien folgerichtig "betrügerisch", erteilte ihm Berufsverbot und verdonnerte ihn zu 4 Mio. Dollar Strafe. Mehr noch: New Yorks damaliger Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer - der fünf Jahre später über seine Vorliebe für Prostituierte stolpern sollte - nahm sich der Interessenkonflikte an, verdonnerte die größten Banken der Wall Street im Frühjahr 2003 zu 1,4 Mrd. Dollar Strafe und verbot der gesamten Branche fortan, zeitgleich Firmen an die Börse zu begleiten und Analysen über sie zu erstellen. Am Pranger stand damals alles, was Rang und Namen hatte: Goldman Sachs, JP Morgan Chase, Barclays , Bank of America , Merrill Lynch, Morgan Stanley , Citigroup , UBS , Credit Suisse - und die Deutsche Bank .
Doch dieses Verbot, von dem seither kleine, unabhängige Researchhäuser profitiert haben, könnte nun fallen. Der Grund ist ein Gesetz, das US-Präsident Barack Obama kürzlich unterzeichnet hat und den Arbeitsmarkt ankurbeln soll: der "Jump-start Our Business Start-ups Act", kurz: Jobs Act. Er soll es Firmen erleichtern, bei Investoren Geld einzuwerben, zudem werden die Auflagen für Börsengänge laxer. So hofft Obama im Wahljahr auf eine Gründerwelle und Millionen neuer Arbeitsplätze.
Kritiker freilich fürchten, dass Kleinsparer erneut über den Tisch gezogen werden, weil ihnen nach Ramschhypotheken nun Ramschaktien angedreht werden könnten. Stellvertretend für die Mahner steht SEC-Chefin Mary Schapiro. Sie warnte kürzlich mit Blick auf den Jobs Act: "Investoren könnten das Vertrauen in unsere Märkte verlieren."
Teil des Jobs Act ist, dass Banken künftig sehr wohl wieder Research erstellen dürfen für Unternehmen, die sie an die Börse begleiten oder bei einer normalen Kapitalerhöhung beraten, sofern diese Firmen weniger als 1 Mrd. Dollar im Jahr umsetzen und in Wachstumsbranchen unterwegs sind.
Für die großen Investmentbanken freilich gilt weiterhin das Spitzer-Verbot des Jahres 2003. Daran ändert auch der Jobs Act nichts - es sei denn, die SEC hebt das Verbot auf. Angesichts der Bedenken von Behördenchefin Schapiro ist damit allerdings kaum zu rechnen.
Kein Wunder also, dass die Dickschiffe der Wall Street Sturm laufen gegen Obamas Gesetz. Laut Financial Times machen sie vor allem über die Securities Industry and Financial Markets Association (Sifma) Druck. Der enorm einflussreiche Branchenverband wettert bereits vehement gegen das Eigenhandelsverbot, das Herzstück der US-Finanzmarktreform. Sifma müsse dafür sorgen, dass große und kleine Investmentbanken gleichbehandelt werden, heißt es in New York.
Klar, zu wessen Vorteil das wäre: Die Wall-Street-Champions würden das Researchgeschäft im Nu zurückerobern. Zu groß ist ihre finanzielle Macht, Börsenkandidaten zu Dumpingpreisen Studien zu erstellen und kleinere Rivalen aus dem Markt zu drängen.