FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Martin Wolf - Der Kapitalismus wird überleben, wenn ...

Merken   Drucken   19.02.2012, 08:00 Schriftgröße: AAA

Kapitalismus in der Krise: Martin Wolf - Der Kapitalismus wird überleben, wenn ...

Kommentar ... er sich jetzt verändert. Denn er hat sich als Grundlage unseres Wohlstands bewährt. Die aktuelle Krise zeigt jedoch, woran das System krankt. Nichts, was man nicht in den Griff bekommen kann. Ein Essay von Martin Wolf.
Martin Wolf ist FT-Kolumnist.

2009 stand die Welt unter Schock. Jetzt sind die Menschen der Verzweiflung näher, erfolgreichen Bemühungen, die Volkswirtschaften zu stabilisieren, zum Trotz. Mit dem System scheint etwas nicht zu stimmen. Aber was stimmt nicht, und welche Lösungen gibt es? Der Kapitalismus wandelt sich ständig, das ist das Geniale an ihm. Die heutigen Erschütterungen machen Reformen umso dringlicher. Beleuchten wir sieben Herausforderungen. Einige haben mit dem Kapitalismus an sich zu tun, andere mit dem Zusammenhang, in dem er steht.
Der Kapitalismus ...

 

Der Kapitalismus ...

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Eine der größten Debatten in der Ökonomie dreht sich darum, ob eine moderne kapitalistische Volkswirtschaft von Natur aus stabil ist. Vor der Krise lautete die Lehrmeinung: Sie ist stabil, wenn sie wettbewerbsfähig ist und eine Zentralbank als strenge Inflationshüterin hat. Das hat die jüngste Geschichte widerlegt. Der Ökonom Hyman Minsky lieferte die beste Erklärung, warum dies falsch ist: In Zeiten des Wohlstands wird bereits die Anlage für den Niedergang gelegt. Das Hebeln von Renditen, vornehmlich durch Kreditaufnahme, gilt als sicherer Weg zum Reichtum. Die Akteure im Finanzsystem schaffen solche Hebel und profitieren enorm davon. Werden die Risiken unterschätzt, wie das in guten Zeiten der Fall ist, bricht das Konstrukt in sich zusammen.
Minsky beschreibt drei Stufen: von der "Absicherung", bei der Schulden und Zinsen aus dem erwarteten Cashflow zurückgezahlt werden, zur "Spekulation", bei der die Zinsen aus dem Cashflow gezahlt werden, aber die Schulden verlängert werden, bis hin zum "Schneeballsystem", bei dem sowohl die Zinsen als auch die Schulden aus Kapitalgewinnen gezahlt werden. Das klingt doch bekannt, oder?
Wir müssen erstens anerkennen, dass Krisen dem Kapitalismus des freien Markts innewohnen. Ein Grund ist die dem Kapitalismus eigene Verhaltensweise, dass alle Teilnehmer, auch Aufsichtsgremien und Volkswirte, prozyklisch handeln und denken.
Das Finanzsystem ist ein wesentlicher Bestandteil der Marktwirtschaft. Aber es fußt auf einem komplizierten und zerbrechlichen Netzwerk des Vertrauens. Die Krise hat gezeigt, dass solche Netzwerke zu Missbrauch verleiten und dann zusammenbrechen.
Deshalb muss der Finanzsektor vor der Wirtschaft geschützt werden und umgekehrt. Dafür sind größere Stoßfänger erforderlich. Das zentrale Element ist erheblich mehr Kapital. Bei den wichtigsten Finanzinstituten sollte der Anteil von Fremdkapital nicht mehr als das Zehnfache des Eigenkapitals betragen. Darüber hinaus ist ein aufsichtsrechtlicher Rahmen nötig, der den Behörden ein schnelles Eingreifen ermöglicht, wenn Banken in Finanzierungsschwierigkeiten geraten. Außerdem sollten Zahlungsverkehr und Kreditgeschäft (für Privatkunden und Mittelständler) vom Investmentbanking getrennt werden, um indirekte Quersubventionen zu verhindern.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt in einem aktuellen Bericht, dass in einkommensstarken Ländern die Ungleichheit in den vergangenen 30 Jahren deutlich zugenommen hat. Das Motto der Occupy-Bewegung fängt genau dieses Phänomen ein: "Wir sind die 99 Prozent." Die Ursachen dieser Entwicklung sind komplexe Kräfte: Globalisierung, technologischer Wandel, "Winner takes all"-Märkte, die Entstehung neuer, dynamischer Branchen, der Aufstieg der Finanzbranche und Verschiebungen bei der Besteuerung.
Weitere Artikel der Top-Ökonomen auf FTD.de   Weitere Artikel der Top-Ökonomen auf FTD.de
Viele dieser Veränderungen sind nicht mehr rückgängig zu machen. In Großbritannien und in den USA zum Beispiel aber ist das Realeinkommen der Privathaushalte seit den 80er-Jahren bei den obersten zehn Prozent deutlich stärker gestiegen als bei den untersten - in Frankreich verlief die Entwicklung genau andersherum.
Ein Lösungskonzept sollte die folgenden Elemente beinhalten: eine explizite fiskalische Umverteilung zulasten der Gewinner und zugunsten der Verlierer; eine Subventionierung oder das direkte Bereitstellen von Arbeitsplätzen; groß angelegte Projekte zur Verbesserung der Bildungsqualität und Kinderbetreuung für alle, einschließlich einer staatlich finanzierten Hochschulbildung; und die Entschlossenheit, die Nachfrage in ernsten Rezessionen wirksamer zu stützen.
Kommt ein zweites Lehman auf uns zu?

 

Kommt ein zweites Lehman auf uns zu?

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Wichtigste Institution des modernen Kapitalismus sind Kapitalgesellschaften mit Haftungsbeschränkungen. Sie sind eine brillante gesellschaftliche Erfindung, haben aber auch gravierende Schwächen. Die wichtigste besteht darin, dass die wenig effektive Eigentümerstruktur dieser Unternehmen zu Plünderungen verleitet. Anreize, die eigentlich die Interessen des Managements mit denen der Aktionäre in Einklang bringen sollen, zum Beispiel Aktienoptionen, bringen Manager mitunter dazu, den kurzfristigen Gewinn zulasten der langfristigen Gesundheit des Unternehmens zu manipulieren. Dass die Aktionäre wirklich eine Kontrollfunktion erfüllen, ist allzu häufig eine Illusion, und die Maximierung des Shareholder-Value ist im besten Fall ein Lockmittel.
Leider gibt es hier keine einfache Lösung. Die moderne Kapitalgesellschaft ist die beste uns bekannte Möglichkeit, große, vielschichtige und dynamische Unternehmen zu führen. Wichtig ist sicher, dafür zu sorgen, dass Steuern und Aufsichtsregeln nicht andere Eigentümerstrukturen wie Partnerschaften oder Genossenschaften benachteiligen. Der Staat sollte darüber hinaus für wirklich unabhängige, gut informierte Verwaltungs- und Aufsichtsräte sorgen, in denen Vertreter der unterschiedlichsten Interessengruppen sitzen. Transparente Vergütungsmodelle sind eine gute Idee, ebenso wie Anreize, destruktive Vergütungsformen zu beseitigen. Direkte staatliche Eingriffe sollten sich aber auf die Banken beschränken, dort sind sie im öffentlichen Interesse.
Steuern spielen eine entscheidende Rolle für die Funktionsweise der Marktwirtschaft, im Positiven wie im Negativen. Sie bestimmen, wie viele Ressourcen der Staat zur Verfügung hat, um wesentliche öffentliche Güter und Dienstleistungen bereitzustellen. Und sie können eine wichtige Stellschraube im Kampf gegen Ungleichheit darstellen. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört es daher, der Besteuerung von Privatpersonen und Firmen die Anreize für den Einsatz von Hebeln zu nehmen. Eine Gleichbehandlung von Kapital und Schulden könnte für Firmen die Anfälligkeit beträchtlich reduzieren. Ebenfalls vernünftig ist der Vorschlag, die Steuerlast weg von Einkommen hin zu Verbrauch und Wohlstand umzuschichten. Weiter sollte sichergestellt werden, dass Reiche Steuern zahlen. Momentan werden sie durch eine Vielzahl Schlupflöcher geschützt, wie die Möglichkeit, Einkommen in Kapitalgewinne umzuwandeln.
Der heutige Kapitalismus ist global. Das bringt eine Vielzahl an Herausforderungen mit sich. Wie etwa reguliert man Unternehmen, die im großen Rahmen global agieren? Besonders im Finanzwesen hat sich dies als sehr schwierig erwiesen. Aber es gibt die Wahl: Man kann in Krisenzeiten die Regulierung auf nationaler Ebene harmonisieren und so das integrierte weltweite Finanzsystem zerschlagen, oder man kann die Regulierung auf höherer Ebene zusammenführen und einen Schritt in Richtung stärkerer europäischer oder globaler Politik wagen.
Generell gesprochen gibt die Schieflage zwischen der Ebene, auf der die Politik agiert, und der Ebene, auf der Unternehmen und die Wirtschaft agieren, Grund zur Besorgnis. So stellt sich die Frage, wie sich eine Gruppe sehr unterschiedlicher Nationen auf gemeinsame globale öffentliche Güter wie öffentliche Märkte, monetäre und finanzielle Stabilität, Sicherheit und vor allem Umweltschutz verständigen kann. Wie lautet die Antwort darauf? Langfristig besteht sie voraussichtlich in mehr globaler Kontrolle. Wird das machbar sein? Kurzfristig in vielen Bereichen sicher nicht.
Man sollte eine Krise nicht ungenutzt verstreichen lassen, heißt es. Will der Kapitalismus überleben, muss er sich jetzt verändern. Aber Kapitalismus muss auch weiterhin Kapitalismus bleiben. Er ist alles andere als perfekt, aber das trifft auch auf uns zu. Wir sollten versuchen, den Kapitalismus zu verbessern.
Quelle: The Financial Times
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
  • 25.02.2012 22:54:13 Uhr   Dr.NorbertLeineweber: Dr.NorbertLeineweber zum Staatsversagen

    Dr.NorbertLeineweber: Prof. Buch, die in den Sachverständigenrat berufen ist, gibt Ihnen alle Antworten auf Ihre Fragen. Auch Sie hat die mangelnde Regulierung der Banken angeprangert und deren Eigenkapitalmangel thematisiert. Auf Privatvorlesungen haben Sie kein Recht. Allerdings erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass ich Larry Summers in einer meiner Veröffentlichungen scharf kritisiert habe, voll zu Recht. Quelle: Dr. Norbert Leineweber in: Norbert Walter (HG.) 1993. Walter war der Präsident des Institut für Weltwirtschaft / Kiel. Ich habe u.a. die Einleitung für das Buch geschrieben.
    Gehen Sie erst studieren, promovieren mit summa und verbringen 25 Jahre in Forschung und Lehre, dann können Sie sich wieder melden. Ich sage Ihnen das wegen Ihres mangelnden Anstandes und der Weigerung VWL-Inhalte von mir aufzugreifen..

  • 25.02.2012 10:09:54 Uhr   Philosoph: Der Kapitalismus hat keine Chance!
  • 23.02.2012 18:04:59 Uhr   John Doe: @Basta Leineweber
  • 23.02.2012 14:20:44 Uhr   Dr.NorbertLeineweber (IIPF): D.NorbertLeineweber zum Staatsversagen
  • 23.02.2012 13:02:10 Uhr   John Doe: @Bernd Wegener
Kommentar schreiben Pflichtfelder*




Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6315,89  [30.14 +0,48%
  Euro Stoxx 50 2156,52  [22.47 +1,05%
  Dow Jones 12529,75  [33.6 +0,27%
  Nasdaq Composite 2839,38  [-10.74 -0,38%
  Euro 1,2529 USD  [-0.00059 -0,05%
  Brent-Öl 106,56 USD  [0.25 +0,24%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
  • Kursverluste, Ärger mit Behörden und der Nasdaq: Das Börsenparkett ist zu glatt für Facebook. Die Internetstars aus Kalifornien sehen am Aktienmarkt aus wie Anfänger. Damit es Ihnen nicht so geht: Testen Sie Ihr Börsenwissen.

    Bei einem Verlust von 30 Prozent - wie stark müsste der Aktienkurs steigen, damit Sie wieder beim Anfangsniveau angelangt sind?

    Börsen-Quiz: Machen Sie es besser als Facebook

    Alle Tests

  14.03. Quiz Kennen Sie sich aus im DAX?

Wer seit Jahresbeginn auf Aktien setzt, kann sich bislang über einen satten Gewinn freuen. Mischen Sie mit bei der Rally - im Quiz von FTD.de. Testen Sie ihr DAX-Wissen.

Seit wann gibt es den DAX?

Quiz: Kennen Sie sich aus im DAX?

Alle Tests

 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

FTD-SPEZIAL: FINANZKOMMUNIKATION

mehr FTD-Spezial: Finanzkommunikation

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote