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Merken   Drucken   18.01.2012, 13:58 Schriftgröße: AAA

Kapitalismus in der Krise: Mit Schnäppchen in den Abgrund

Kommentar Wir erleben gerade den Sieg von Anlegern und Verbrauchern über Arbeitnehmer und Bürger. Unseren Sieg. Und wir leiden alle darunter. von Robert Reich
Robert Reich lehrt Politikwissenschaft an der Universität Berkeley und war Arbeitsminister unter Präsident Clinton.

Es wäre viel zu einfach, die Schuld an der Kapitalismuskrise der globalen Finanzindustrie und den astronomischen Managergehältern anzulasten. Auf einer grundsätzlicheren Ebene ist die Krise der Triumph von Verbrauchern und Anlegern über Arbeitnehmer und Bürger. Die meisten von uns nehmen alle vier Rollen ein.
Robert Reich lehrt Politikwissenschaft an der Universität Berkeley ...   Robert Reich lehrt Politikwissenschaft an der Universität Berkeley und war Arbeitsminister unter Präsident Clinton
In der Krise geht es deshalb um die wachsende Effizienz, mit der wir Verbraucher und Anleger Geschäfte machen können, während andererseits die Möglichkeiten schrumpfen, dass wir uns als Arbeitnehmer und Bürger Gehör verschaffen können.
Die moderne Technik macht es möglich, weltweit in Echtzeit den günstigsten Preisen, der besten Qualität und den höchsten Renditen nachzujagen. Über das Internet bekommen wir wichtige Informationen sofort, können Angebote vergleichen und unser Geld in Sekundenschnelle verschieben. Verbraucher und Anleger hatten nie zuvor so viel Macht.
Mit Kinderarbeit billiger
Doch diese großartigen Geschäfte gehen zulasten unserer Arbeitsplätze und Gehälter, außerdem verstärken sie Ungerechtigkeiten. Waren, die wir wollen, können oftmals andernorts günstiger von Firmen hergestellt werden, die schlechtere Löhne zahlen und weniger Sozialleistungen anbieten. Das geht zulasten der Einkaufsstraßen, des Herzstücks unserer Gemeinden.
Der Kapitalismus ...

 

Der Kapitalismus ...

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Ein gutes Geschäft kann auch verheerende Folgen für die Umwelt haben. Technik erlaubt es uns, billige Waren aus armen Ländern ohne ausreichende Umweltstandards zu kaufen, hergestellt manchmal in Fabriken, wo giftige Chemikalien ins Trinkwasser oder Giftstoffe ungefiltert in die Luft geraten.
Andere Schnäppchen verstoßen gegen die guten Sitten. Ein guter Preis oder eine hohe Rendite kommt vielleicht nur deshalb zustande, weil der Produzent die Kosten gering hält, indem er in Südasien oder in Afrika Kinder zwölf Stunden täglich und sieben Tage die Woche arbeiten lässt. Oder indem er seine Arbeiter lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen aussetzt. Als Arbeitnehmer oder Bürger würden die meisten von uns diese Folgen nicht akzeptieren, aber so sind wir für sie verantwortlich.
Selbst wenn wir uns der Konsequenzen vollständig bewusst sind, entscheiden wir uns dennoch für das beste Geschäft - in dem Wissen, dass es andere Verbraucher und Anleger genauso halten. Für den Einzelnen ist es wenig sinnvoll, sich ein gutes Geschäft im Namen einer wirkungslos verpuffenden "sozialen Verantwortung" entgehen zu lassen. Einige Firmen rühmen sich, Waren und Dienstleistungen zu vertreiben, die verantwortungsbewusst zustande gekommen sind, aber die meisten von uns wollen nicht mehr dafür bezahlen. Nicht einmal Verbraucherboykotte und sozial verantwortliche Investmentfonds können den Reiz eines Schnäppchens ausstechen.

Teil 2: Arbeitsplätze immer unsicherer

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Kommentare
  • 19.01.2012 14:05:46 Uhr   Strichnid: Beinahe richtig

    Der Autor hat Recht, wenn er feststellt, dass - wie ich es ausdrücke - die Klassen aufgehoben sind, und wir alle ein bisschen zu jeder Klasse gehören. Die Klassen an sich sind fraktalisiert und delegiert bis zur Unkennbarkeit. Eine Handlung von uns als Verbraucher kann uns indirekt schaden als Arbeitnehmer. Das stimmt schon alles. Nur fehlt mir die Lösung. Darüber hätte er schon ein bisschen mehr nachdenken können.
    Daneben fehlt die Erkenntniss, dass "wir" nicht wir alle gleichmäßig sind. Manche von uns sind ein bisschen mehr Anleger, manche sind ein bisschen mehr Arbeitnehmer, andere hauptsächlich Verbraucher. Und je nachdem, welche Rolle wir mehr verkörpern, leiden oder profitieren wir mehr oder weniger von Regulierung bzw. Deregulierung.
    Mein Lösungsvorschlag wäre ein demokratischer: Entscheiden wir gemeinsam darüber, was wir reguliert haben wollen, und zwar direkt. Nicht mehr über die Umwege lobbygesteuerter Politiker oder gar per Daumen-Entscheid der Finanzmärkte. Wir können gemeinsam entscheiden, dass Rauchen in Gaststätten verboten sein soll. Und ich kenne Menschen, die sich dafür entschieden, obwohl sie Raucher sind, aber die Regel dennoch für sinnvoll halten, solange sich alle dran halten müssen.
    Genauso wäre es mit Produkten aus Kinderarbeit im Supermarkt. Es hilft nicht zu jammern, dass zu viele Menschen Schnäppchenjäger sein wollen. Fragt man sie, sagen sie: "Ach, wenn ich es nicht kaufe, kauft es doch ein anderer." Wenn sie aber einem Gesetz zustimmen könnten, dass den Verkauf solcher Produkte generell verbietet, würden sie es wohl tun, auch wenn sie dann künftig Kleidung teurer kaufen müssen.
    Es hilft nicht auf Lösungen zu hoffen, die im Wesentlichen eine plötzliche Verhaltensänderung vieler Individuen voraussetzt.

  • 18.01.2012 21:16:47 Uhr   TamTam: sehr kurzsichtige US-fixierte Argumentation
  • 18.01.2012 21:02:30 Uhr   Outlaw: Schnäppchen und Abgrund
  • 18.01.2012 19:29:56 Uhr   focus: @Bösmensch
  • 18.01.2012 18:59:35 Uhr   Reason warrior: @ Freedomfighter
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