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Merken   Drucken   25.01.2012, 14:39 Schriftgröße: AAA

Kapitalismus in der Krise: Otmar Issing - Die unendliche Geschichte

Vor 20 Jahren wurde das Ende eines historischen Wettstreits verkündet. Doch die Idee einer sozialistischen Gesellschaft lebt weiter. Und wird durch den Umgang mit der Finanzkrise befeuert.
© Bild: 2012 Bloomberg/Alex Kraus
Kommentar Vor 20 Jahren wurde das Ende eines historischen Wettstreits verkündet. Doch die Idee einer sozialistischen Gesellschaft lebt weiter. Und wird durch den Umgang mit der Finanzkrise befeuert. von Otmar Issing
Otmar Issing ist Präsident des Forschungsinstituts Center for Financial Studies und war früher Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank.

Ist es nicht erstaunlich? Als die Berliner Mauer fiel und der Eiserne Vorhang sich hob, schien ein historischer Wettstreit zu Ende zu gehen. Beobachter sahen den Kapitalismus über den Kommunismus, die freien Märkte über die Planwirtschaft, die Demokratie über die Diktatur, Hayek über Marx triumphieren. Francis Fukuyama verkündete gar das Ende der Geschichte - die Menschheit hatte angeblich den optimalen Zustand erreicht, zu dem keine realistische Alternative besteht.
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Dies war von Anbeginn eine falsche Doktrin. Zwar scheiterte der"real existierende Sozialismus" katastrophal, wo immer er versucht wurde. Aber gleichzeitig lehrt uns die Geschichte, dass die Idee von einer sozialistischen Gesellschaft, die Gleichheit verspricht, niemals vergehen wird - egal, was empirische Beweise zeigen. Überdies gab es kaum ein Land auf der Welt, wo sich der Kapitalismus in einer Art und Weise etabliert hatte, die in jeder Hinsicht zufriedenstellend war. Der historische Determinismus stellte den absurdesten Aspekt in Fukuyamas Gedankenwelt dar. Kein liberal denkender Philosoph hätte sich die Idee zu eigen gemacht, Geschichte sei vorherbestimmt.
Seit Ende des Kalten Krieges geht der Wettstreit zwischen unterschiedlichen Wegen, die Gesellschaft zu organisieren, weiter. Der Sozialismus leidet immer noch unter dem verheerenden Schlag seines Zusammenbruchs in der Vergangenheit. Die Folge ist, dass er vornehmlich in Graswurzelbewegungen wie der Occupy-Bewegung sichtbar wird. Wie er erreicht werden könnte, bleibt vollkommen unklar - die Bewegung umfasst eine ganze Reihe von Thematiken mit einem beherrschenden Element: Kampf der Finanzindustrie.
Schaut man sich an, wie sich die Finanzmarktkrise entwickelt hat, ist die einzige Überraschung, dass es so lange gedauert hat, bis sich eine ernst zu nehmende Bewegung formiert hat. Die Krise hat den Gegnern des Finanzsystems starke Argumente geliefert. Eingriffe zur Abwendung eines Zusammenbruchs haben nicht nur das Vertrauen in die Finanzmärkte, sondern auch in die Marktwirtschaft als Ganzes ernsthaft unterminiert. Ist ein Finanzinstitut einmal so groß oder so stark vernetzt geworden, dass seine Insolvenz die Stabilität des Systems bedrohen würde, muss die Politik intervenieren. Durch das Problem des "too big to fail" wurde die Gesellschaft - genauer gesagt, der Steuerzahler - für das Überleben einzelner Finanzinstitute in Geiselhaft genommen.
Daraus folgt, dass das Fundament der freien Märkte erschüttert wurde. Eine Marktwirtschaft fußt auf dem Grundsatz, dass der Einzelne innerhalb der durch ein Rechtssystem festgelegten Grenzen Handlungsfreiheit hat. Der Einzelne wird ermutigt, Chancen auszunutzen und Risiken einzuschätzen. Kein anderes System kann die gleiche Menge Potenzial freisetzen, die dem Einzelnen innewohnen. Wie Hayek schon darlegte, der Markt ist der beste Entdeckungsprozess.

Teil 2: Verstoß gegen die Spielregeln

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Kommentare
  • 25.01.2012 18:11:08 Uhr   Alfons Wöhrl: Otmar Issing - Die unendliche Geschichte

    Wenn technische Systeme geregelt würden wie wirtschaftliche oder politische Systeme dann wäre die Entwicklung der Menscheit noch auf dem vorindustriellen Stand.
    Im Umkehrschluß gilt: Würden wirtschaftliche oder politische Systeme mit in der Technik erfolgreich im Einsatz befindlichen Verfahren geregelt dann wäre die Entwicklung und der Betrieb dieser Systeme gleichermaßen erfolgreich.

  • 25.01.2012 17:19:50 Uhr   Jogi: unendliche Geschichten und endliches Wachstu...
  • 25.01.2012 16:47:51 Uhr   Finis: Warum keine Renaissance des Ordoliberalismus?...
  • 25.01.2012 15:55:19 Uhr   John Doe: Fukuyama?
  • 25.01.2012 15:33:52 Uhr   Shimada: Warum nur Banken?
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