Jérôme Kerviel sieht sich als Opfer. Als Rädchen in einem Bankensystem, das ihn angetrieben hat, maßlose Risiken einzugehen. "Ich habe immer zu meinen Taten gestanden", sagt der Mann, der die Société Générale mit unerlaubten Derivatedeals um sagenhafte 4,9 Mrd. Euro gebracht hat. "Aber es ist nicht hinnehmbar, dass ich für die Taten der Bank und des Systems geradestehe und für sie bezahle", entrüstet er sich.
Im ersten Prozess gegen ihn hatte Kerviel 2010 ähnlich argumentiert. Im Berufungsverfahren, das diesen Montag vor einem Pariser Gericht startet, will der größte Milliardenzocker aller Zeiten aber weiter gehen: nicht mehr nur Opfer sein, sondern den Ex-Arbeitgeber frontal angreifen. Der 35-jährige Ex-Trader wirft der Großbank vor, in der ersten Verhandlung Tatsachen verschwiegen und Beweise gefälscht zu haben, um ihre Mitwisserschaft zu verschleiern. Das soll die Richter vor die Frage stellen, wer eigentlich der größere Betrüger ist: Kerviel oder Société Générale ?
Kerviel will Rache. Doch weil sein bisheriger Verteidiger Olivier Metzner die aggressive Strategie für falsch hält, musste er sich vor wenigen Wochen einen neuen Advokaten suchen: Der junge Staranwalt David Koubbi ist in Paris bekannt als Spezialist für spektakuläre Attacken auf angeblich übermächtige Gegner. Zuletzt vertrat er die Schriftstellerin Tristane Banon in ihrer Vergewaltigungsklage gegen Dominique Strauss-Kahn - und trug so dazu bei, dass der Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds in einem Sumpf von Sexaffären versank.
Schon greift Koubbi an. Zwei Klagen hat er gegen die Société Générale eingereicht. Die Bank, die nach dem Kerviel-Desaster 2008 am Rand der Pleite stand, habe der Justiz verschwiegen, dass sie 1,7 Mrd. Euro von Kerviels 4,9-Mrd.-Euro-Verlust von der Steuer abgeschrieben hat. Der Steuerbonus wurde erst kurz nach dem ersten Urteil öffentlich bekannt.
Koubbi erhebt noch einen schweren Vorwurf: Die Abschrift eines zwölfstündigen internen Verhörs, das Kerviels Chefs kurz vor Bekanntgabe des Debakels veranstaltet hätten, gebe nur sechs Stunden davon wieder. Das dazugehörige Tonband weise an vielen Stellen hörbare Schnitte auf. Kerviels Antworten an seine Vorgesetzten wie "Du wusstest doch genau, was ich tue" seien auf diese Weise vom Band verschwunden, so Koubbi. Ein erster Erfolg für ihn: Die Vorsitzende Richterin des Berufungsverfahrens hat - anders als die erste Instanz - die Verwendung des Tonbands zugelassen. Und nicht nur die von der Société Générale angefertigte Abschrift.
Zudem behauptet der Verteidiger, die Bank habe bei der eiligen Auflösung von Kerviels offenen Positionen in Höhe von 50 Mrd. Euro im Januar 2008 selber "fiktive" Geschäfte gemacht. "Man wird uns erklären müssen, warum eine Tat strafbar ist, wenn sie Kerviel zuzuschreiben ist, aber erlaubt, wenn Société Générale sie begeht", sagt Koubbi. Er fordert Freispruch.
Die Bank setzt sich nun mit Verleumdungsklagen zur Wehr. Das alles sei nur eine "Medienoffensive", sagt Bankchef Frédéric Oudéa. Tatsächlich gehört es zu Koubbis Plan, die Medien noch stärker für Kerviel zu nutzen als schon im ersten Prozess. Doch die Richter könnten die Selbstdarstellung Kerviels als Opfer eines von Gier zerfressenen Finanzsystems angesichts der neuen Angreiferrolle noch weniger glaubwürdig finden als bisher.
Gelingt es Kerviel allerdings, Zweifel an der Ehrlichkeit der Bank zu schüren, hat er schon viel erreicht: Ein Geldhaus, das gegenüber der Justiz trickst, ist auch zu Betrug im Wertpapierhandel fähig, so die Botschaft. Ohnehin hat er nichts mehr zu verlieren, nur die Bank: Die Verurteilung in erster Instanz, die verzockten 4,9 Mrd. Euro zu erstatten, bedeutete seinen "zivilen Tod", sagt Kerviel. Noch hat er die Chance, ihm zu entkommen.