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FTD-Serie: Wer Geld will, muss tief blicken lassen

Kredit ist eine Frage von Risiko und Glaubwürdigkeit. Über beides müssen Unternehmer und Geldgeber reden. Hier steht, wie man das professionell anpackt.
Merken   Drucken   21.05.2012, 09:00 Schriftgröße: AAA

Kreditversicherer: Wie Exporteure an verlässliche Informationen kommen

Südeuropa kämpft mit der Rezession. Geschäftspartner von dort sind deshalb nicht automatisch unsichere Abnehmer. Was Sache ist, muss aufwändig recherchiert werden.
von Anja Krüger

Die politische und wirtschaftliche Krise in Griechenland spitzt sich zu, auch aus anderen südeuropäischen Staaten kommen unerfreuliche Nachrichten. Für Griechenland rechnet der Kreditversicherer Coface 2012 mit einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt von sechs Prozent. Italiens Wirtschaft soll um 1,5 Prozent schrumpfen und Spaniens um 1,2 Prozent. Konkurrent Atradius geht davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen in Griechenland um 15 Prozent steigen wird, in Italien um 10 Prozent. Wer nach Südeuropa liefert, fragt sich daher bestimmt, wie lange welche Kunden dort wohl noch zahlen können. Wer seine Firma angesichts dessen in neue Märkte steuern will, steht vor demselben Problem: der Ungewissheit, wie solvent der Abnehmer wohl ist.

Container-Verladung in Hamburg   Container-Verladung in Hamburg

Ob deutsche Exporteure in ein krisengeschütteltes südeuropäisches oder ein wachstumsstarkes Schwellenland liefern - ihre Rechnungen könnten offen bleiben. Je nach Auftragswert folgt daraus ein großes, womöglich Existenz gefährdendes Liquiditätsproblem. Lieferanten müssen die wirtschaftliche Entwicklung des Ziellandes ihrer Ausfuhren, die Abnehmerbranche und am besten den einzelnen Kunden also genau beobachten. Das ist aufwändig.

Sicherheit ist nur begrenzt käuflich

Hier bieten Kreditversicherer ihre Unterstützung an. Das ist Teil ihres Geschäftsmodells. Mit einer Kreditversicherung kaufen sich Unternehmen einen Teilschutz für den Fall, dass ihr Abnehmer in der Zeit zwischen Warenerhalt und Zahlungsfälligkeit Pleite geht. Der Rechnungswert ist nie komplett abgedeckt, der Lieferant trägt immer eine Eigenbeteiligung von 20 Prozent oder je nach Risiko mehr. Muss der Empfänger die Ware nicht sofort zahlen, gewährt der Lieferant ihm einen Kredit - deshalb heißt dieses Angebot der Assekuranz Warenkreditversicherung.

Informationen über den Kunden und dessen Umfeld sind für den Kreditversicherer natürlich genauso wichtig wie für den Lieferanten. Auch der Versicherer will schließlich genau wissen, welche Risiken er sich ins Haus holt. Unternehmen wie Atradius, der Allianz-Tochter Euler Hermes, Coface oder Zurich pflegen riesige Datenbanken, die sie regelmäßig mit Informationen aus Bilanzen, Zahlungserfahrungen von Kunden und eigenen Recherchen anreichern. Mit Hilfe dieser Datenbanken prüfen sie vor der Annahme jedes Vertrags das Risiko eines Zahlungsausfalls. Ist es hoch, steigt die Eigenbeteiligung des Kunden bei einer Pleite seines Abnehmers, oder der Kreditversicherer lehnt das Risiko sogar ganz ab.

Griechenland bekommt ein Importproblem

Gerade in wirtschaftlich unsicheren Ländern verfolgen die Versicherer die Entwicklung genau. Beim Weltmarktführer Euler Hermes ist die Deckung für Risiken in Griechenland zwischen April 2011 und März 2012 um fast ein Drittel gesunken. Noch fangen Konkurrenten wie der kleine belgische Kreditversicherer Delcredere den nachlassenden Risikoappetit der Großen auf. In Krisenzeiten steigt die Nachfrage der Exporteure eher. Die zur Verfügung gestellte Deckung für Ausfuhren nach Spanien ist bei Euler Hermes innerhalb eines Jahres um sechs Prozent gestiegen. Ob ein Unternehmen Schutz bekommt, hängt immer vom Einzelfall ab. "Euler Hermes bewertet alle Risiken auf einer individuellen Basis", sagt Bettina Sattler aus der Euler Hermes-Zentrale in Paris.

Der Kreditversicherer analysiert zurzeit die Folgen der anstehenden Neuwahlen in Griechenland. "Für den Fall, dass Griechenland die Euro-Zone verlässt oder die Schäden sehr stark ansteigen, könnten wir unsere vorbereiteten Pläne ohne Verzögerung umsetzen", sagt sie. Wettbewerber Coface hat sich bereits komplett aus Griechenland zurückgezogen, mit einer Vorwarnzeit von einigen Wochen für Exporteure, die dorthin liefern. "Die Lage ist nicht mehr überschaubar", sagt Sprecher Erich Hieronimus.

Dramatisch schlechte Zahlungsmoral

Auch in anderen Ländern der Euro-Zone steigt das Risiko nach Auffassung von Coface. In Italien und Spanien hat der Kreditversicherer einen Anstieg der Zahlungsausfälle um 50 Prozent beobachtet. "Die Zahlungserfahrungen zeigen auch im Frühjahr keine Verbesserung", teilt Coface mit. In der Euro-Zone insgesamt nahmen Zahlungsausfälle und -verzögerungen um 28 Prozent zu, weltweit stiegen sie um 19 Prozent. Aber das heißt natürlich nicht, dass alle Unternehmen in der Krise sind. "Viele Unternehmen in den verschiedenen Ländern haben sich an die höhere ökonomische Volatilität angepasst und zeigen sich jetzt - mit starker Eigenkapitalbasis und optimierten Kosten - krisensicherer als jemals zuvor", sagt Sandra Eimanns vom Versicherer Zurich.

Allgemeine Einschätzungen geben den Unternehmen nur eine grobe Orientierung. Sie mag auf Land und Branche zutreffen, nicht aber auf den ins Auge gefassten neuen Kunden des Lieferanten. Wer allzu rasch von der Gesamtlage auf einzelne Unternehmen schließt, lässt womöglich Geld liegen. Um eine Einschätzung ihrer Kunden in anderen Ländern zu bekommen, können Exporteure die Systeme der Kreditversicherer gegen Gebühr nutzen. Lieferanten können damit ihre Abnehmer einer Bonitätsprüfung unterziehen, teilweise mit wenig Aufwand im Internet.

Auf Wunsch erhalten Firmen auch persönliche Unterstützung. "Zurich stellt den Unternehmen einen persönlichen Kundenbetreuer zur Seite, der sich gut mit den Zielmärkten und -branchen des Versicherungsnehmers auskennt", sagt Eimanns. "In der engen persönlichen Zusammenarbeit unterstützt der Kundenbetreuer den Versicherungsnehmer permanent." Der Kundenbetreuer weist Unternehmen auch darauf hin, wie der Lieferant die Zusammenarbeit zwischen Kreditversicherer und Abnehmer unterstützen kann, etwa bei der Informationsbeschaffung. Denn die Versicherer wollen gerne so viele Daten aus erster Hand wie möglich - das allerdings finden Abnehmer nicht immer gut.

  • FTD.de, 21.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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