FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Warum Banken weltweit unter Manipulationsverdacht stehen

Merken   Drucken   19.10.2011, 17:53 Schriftgröße: AAA

Libor und Euribor: Warum Banken weltweit unter Manipulationsverdacht stehen

Die Razzia der EU-Kommission ist der jüngste Schachzug internationaler Ermittler gegen die Finanzbranche. Die Aufsichtsbehörden wittern Missbrauch bei der Festlegung wichtiger Geldmarktsätze. Ein Überblick über die Hintergründe. von Doris Grass  und André Kühnlenz  Frankfurt
EU-Wettbewerbshüter haben mehrere große Banken wegen Verdachts auf Zinsmanipulationen durchsucht. Sie vermuten nach nach Angaben der EU-Kommission ein Marktkartell im Zusammenhang mit dem Euribor-Zins, der einer der wichtigsten Zinssätze auf dem Interbankenmarkt der Euro-Zone ist und damit auch die Kosten für Kredite an Verbraucher und Unternehmen beeinflusst.
Gegen welche Kreditinstiute ermittelt wird, teilte die EU-Kommission nicht mit. Nach Angaben von Reuters wurden unter anderem Räumlichkeiten der Deutschen Bank  in London durchsucht. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern. Die Nachrichtenagentur berief sich auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person.
Im März waren ähnliche Untersuchungen in den USA, Japan und Großbritannien bekanntgeworden. Dabei ging es um den Libor-Zinssatz, der für die Banken weltweit von zentraler Bedeutung ist. Im Fokus der Aufsichtsbehörden standen die Zinsen für Dollardarlehen am Londoner Interbankmarkt für die Zeit von 2006 bis 2008. Ein Überblick über die Hintergründe der Ermittlungen:
Beide Zinssätze bilden ab, zu welchen Konditionen die Banken einander gegenseitig Geld leihen. An ihre Höhe sind unter anderem Anleihen mit variablen Zinszahlungen und Hypothekendarlehen gekoppelt, aber auch Terminkontrakte, Optionen und andere Derivatezahlungen. Allein an den Libor dürften Finanzprodukte mit einer Bruttosumme von umgerechnet 250.000 Mrd. Euro gekoppelt sein.
Das Kürzel Libor steht für London Interbank Offered Rate. Sie bezieht sich auf den Londoner Interbankenmarkt. Der Euribor gilt für die Banken der Euro-Zone. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) nutzt ihn als Referenzzins.
Beide Zinssätze werden täglich für Kredite mit 15 verschiedenen Laufzeiten festgelegt. Beim Euribor reichen sie von einer Woche bis zu zwölf Monaten, beim Libor liegen die Laufzeiten zwischen einem Tag und zwölf Monaten.
Libor-Zinssätze gibt es obendrein für zehn verschiedene Währungen: Für Euro und Dollar , das Britische Pfund , den japanischen Yen  , den Schweizer Franken  , die Schwedische Krone  , die Dänische Krone den Kanadischen Dollar  , den Australischen Dollar  und den Neuseeländischen Dollar .
Wesentlicher Unterschied ist, dass der Euribor auf Schätzungen der Marktteilnehmer beruht und der Libor auf tatsächlichen Prozentsätzen.
Der Euribor wird täglich einmal von der europäischen Bankenvereinigung EBF fixiert. Unter Beteiligung von 44 Geldinstituten wird der Durchschnitt der Zinssätze ermittelt, zu dem die Banken sich gegenseitig Geld leihen. Sie geben eine Einschätzung darüber ab, welchen Zins eine sogenannte Primebank einem anderen als erstklassig eingestuften Institut anbietet. Die höchsten und niedrigsten der gemeldeten Sätze - jeweils 15 Prozent - sortiert die EBF aus, um eine Verzerrung des Durchschnitts durch Ausreißer zu vermeiden.
Die EBF hält deshalb Manipulationen für ausgeschlossen. "Bei so vielen Banken, die in die Festlegung des Satzes einbezogen sind, wäre es unmöglich, einen künstlichen Zins festzulegen", sagte Cédric Quemener, Sprecher von Euribor-EBF. Seine Instituion werde mit den EU-Behörden zusammenarbeiten und ihnen Daten zur Verfügung stellen.
An der Festlegung des Euribor sind auch neun deutsche Banken beteiligt   An der Festlegung des Euribor sind auch neun deutsche Banken beteiligt
Zu den 44 Instituten gehören hierzulande die Deutsche Bank, die Commerzbank , die DZ Bank, die Landesbank Berlin sowie die WestLB, NordLB, LBBW, Helaba und BayernLB. Nach Angaben der EBF waren nicht alle Mitglieder des sogenannten Euribor-Panels von der Razzia betroffen.
Der Libor wird an jedem Handelstag um 11 Uhr Londoner Zeit von der British Bankers‘ Association (BBA) veröffentlicht. Sie verwendet dafür die Meldungen von bis zu 19 Geldhäusern, bei der Ermittlung des Libor-Satzes für kleinere Währungen sind es zum Teil weniger. Die Institute geben an, zu welchem Zins sie sich in einer Währung kurzfristig Gelder von Konkurrenten leihen konnten. Dabei geht es um Darlehen, bei denen Institute bester Bonität keine Wertpapiere als Sicherheiten hinterlegen müssen.
Die BBA berechnet aus den Angaben einen Durchschnittssatz. Auch hier werden Ausreißer ausgeschlossen: Das Viertel der Banken mit den höchsten und das Viertel mit den niedrigsten Sätzen fallen aus der Berechnung heraus. Wie beim Euribor kann ein einzelnes Institut den Libor also nicht beeinflussen.
Könnten die Banken die zwei Zinssätze künstlich nach oben treiben, müssten ihre Kunden höhere Zinsen für Kredite oder andere Finanzmarktprodukte zahlen, als dies eigentlich gerechtfertigt wäre. Die Differenz landet als Gewinn bei den Geldhäusern.
Umgekehrt können die Banken mit der Angabe niedrigerer Zinsen den Eindruck erwecken, dass sie sich leicht am Geldmarkt refinanzieren können - sie von der Konkurrenz also als solide und gesund angesehen werden. Diesem Verdacht gehen die Aufsichtsbehörden mit Blick auf die Libor-Sätze in den Jahren 2006 bis 2008, also der Zeit unmittelbar vor und während der Finanzkrise, nach. Schon damals war Kritik an der Libor-Berechnung aufgekommen. Da sie auf freiwilligen Angaben beruht, war die Glaubwürdigkeit angezweifelt worden.
  • FTD.de, 19.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6315,89  [30.14 +0,48%
  Euro Stoxx 50 2156,52  [22.47 +1,05%
  Dow Jones 12529,75  [33.6 +0,27%
  Nasdaq Composite 2839,38  [-10.74 -0,38%
  Euro 1,25266 USD  [-0.00083 -0,07%
  Brent-Öl 106,56 USD  [0.25 +0,24%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
  • Kursverluste, Ärger mit Behörden und der Nasdaq: Das Börsenparkett ist zu glatt für Facebook. Die Internetstars aus Kalifornien sehen am Aktienmarkt aus wie Anfänger. Damit es Ihnen nicht so geht: Testen Sie Ihr Börsenwissen.

    Bei einem Verlust von 30 Prozent - wie stark müsste der Aktienkurs steigen, damit Sie wieder beim Anfangsniveau angelangt sind?

    Börsen-Quiz: Machen Sie es besser als Facebook

    Alle Tests

  14.03. Quiz Kennen Sie sich aus im DAX?

Wer seit Jahresbeginn auf Aktien setzt, kann sich bislang über einen satten Gewinn freuen. Mischen Sie mit bei der Rally - im Quiz von FTD.de. Testen Sie ihr DAX-Wissen.

Seit wann gibt es den DAX?

Quiz: Kennen Sie sich aus im DAX?

Alle Tests

 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

FTD-SPEZIAL: FINANZKOMMUNIKATION

mehr FTD-Spezial: Finanzkommunikation

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote