FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Warum Banken weltweit unter Manipulationsverdacht stehen

Merken   Drucken   03.02.2012, 13:41 Schriftgröße: AAA

Libor und Euribor: Warum Banken weltweit unter Manipulationsverdacht stehen

Das Schweizer Kartellamt ermittelt gegen zwölf Institute - darunter die Deutsche Bank. Der Anlass: Eine Selbstanzeige, der Verdacht: Zinsmanipulation. Die Wettbewerbshüter steigen in eine internationale Untersuchung ein. von Doris Grass  , André Kühnlenz  Frankfurt und Barbara Schäder  Frankfurt
Die Schweizer Wettbewerbskommission untersucht zwölf Großbanken wegen Verdachts auf Zinsmanipulationen. Laut einer Selbstanzeige hätten Banken die Referenzzinssätze Libor und Tibor manipuliert, teilten die Kartellwächter am Freitag mit. Wegen ähnlicher Vorwürfe ermitteln seit Monaten auch die EU-Kommission sowie die Finanzaufsichtsbehörden in Großbritannien, Japan und den USA. Es geht um eine mögliche Verfälschung wichtiger Zinsen für den Interbankenmarkt, deren Höhe auch die Kosten für Kredite an Unternehmen und Verbraucher beeinflusst.
Die Ermittlungen betreffen die ersten Adressen der Finanzbranche. Die Schweizer Wettbewerbskommission nannte neben den heimischen Geldhäusern UBS  und Credit Suisse  unter anderem die Deutsche Bank . Deren Londoner Büro war im Herbst auch von EU-Wettbewerbshütern durchsucht worden, genau wie die Räumlichkeiten zahlreicher anderer Banken. Ein Überblick.
Die Untersuchung der Schweizer Wettbewerbskommission betrifft neben Credit Suisse, UBS und Deutscher Bank neun weitere Geldhäuser: Die britischen Institute HSBC  und Royal Bank of Scotland , die US-Banken Citigroup  und JP Morgan Chase , die französische Société Générale , die niederländische Rabobank sowie die drei japanischen Institute Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ, , Mizuho Financial Group  und Sumitomo Mitsui Banking Corporation. Hinzu kommen laut Wettbewerbskommission "weitere Finanzintermediäre".
In anderen Ländern werden noch weitere Banken überprüft
Bei den Ermittlungen der Aufsichtsbehörden in den USA, Japan und der EU sind noch weitere Namen durchgesickert. Laut Financial Times wurden zum Libor auch die britische Barclays -Bank und die nordrhein-westfälische Landesbank WestLB befragt.
Die UBS hat verschiedenen Aufsichtsbehörden Hinweise gegeben   Die UBS hat verschiedenen Aufsichtsbehörden Hinweise gegeben
Aus welchem Haus die Selbstanzeige stammte, gab die Schweizer Wettbewerbskommission nicht bekannt. Die UBS hatte allerdings im Juli mitgeteilt, sie habe die US-Behörden und Aufseher in weiteren Ländern über eine mögliche Verfälschung von Tibor und der Libor informiert. Im Gegenzug hätten das US-Justizministerium und weitere Aufsichtsbehörden dem UBS-Management Straffreiheit zugesichert unter der Bedingung, dass die Bank weiter mit den Ermittlern kooperiere. "Wir nehmen diese Untersuchung sehr ernst und arbeiten mit den Behörden zusammen", sagte eine UBS-Sprecherin am Freitag der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Libor, Euribor und Tibor bilden ab, zu welchen Konditionen sich die Banken gegenseitig Geld leihen. An ihre Höhe sind unter anderem Anleihen mit variablen Zinszahlungen und Hypothekendarlehen gekoppelt, aber auch Terminkontrakte, Optionen und andere Derivatezahlungen. Allein an den Libor dürften Finanzprodukte mit einer Bruttosumme von umgerechnet 250.000 Mrd. Euro gekoppelt sein.
Auch für die EZB ist der Euribor relevant   Auch für die EZB ist der Euribor relevant
Das Kürzel Libor steht für London Interbank Offered Rate. Sie bezieht sich auf den Londoner Interbankenmarkt. Entsprechend gilt der Tibor für den Tokioter Interbankenmarkt. Der Euribor ist für die Banken der Euro-Zone relevant. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) nutzt ihn als Referenzzins.
Alle drei Zinssätze werden täglich für Kredite mit verschiedenen Laufzeiten festgelegt. Bei Euribor und Tibor reichen sie von einer Woche bis zu zwölf Monaten, beim Libor liegen die Laufzeiten zwischen einem Tag und zwölf Monaten.
Den Libor gibt es für Kredite in verschiedenen Währungen
Libor-Zinssätze gibt es obendrein für zehn verschiedene Währungen: Für Euro und Dollar , das Britische Pfund , den japanischen Yen  , den Schweizer Franken  , die Schwedische Krone  , die Dänische Krone den Kanadischen Dollar  , den Australischen Dollar  und den Neuseeländischen Dollar .
Die drei Zinssätze werden von Bankenvereinigungen ermittelt. Sie befragen dazu einen festgelegten Kreis großer Institute zu den aktuellen Kreditkonditionen auf dem Interbankenmarkt. Sollten sich tatsächlich mehrere Mitglieder dieser sogenannten Panels untereinander absprechen, würden die Ergebnisse dieser Umfragen verfälscht.
Der Euribor wird täglich einmal von der europäischen Bankenvereinigung EBF fixiert. Unter Beteiligung von 44 Geldinstituten wird der Durchschnitt der Zinssätze ermittelt, zu dem die Banken sich gegenseitig Geld leihen. Sie geben eine Einschätzung darüber ab, welchen Zins eine sogenannte Primebank einem anderen als erstklassig eingestuften Institut anbietet. Die höchsten und niedrigsten der gemeldeten Sätze - jeweils 15 Prozent - sortiert die EBF aus, um eine Verzerrung des Durchschnitts durch Ausreißer zu vermeiden.
An der Festlegung des Euribor sind auch neun deutsche Banken beteiligt   An der Festlegung des Euribor sind auch neun deutsche Banken beteiligt
Zu den 44 Instituten gehören hierzulande die Deutsche Bank, die Commerzbank , die DZ Bank, die Landesbank Berlin sowie die WestLB, NordLB, LBBW, Helaba und BayernLB. Von der Razzia im Herbst waren nach Angaben der EBF aber nicht alle Mitglieder des sogenannten Euribor-Panels betroffen.
Anders als beim Euribor geht es beim Libor nicht um Schätzungen
Der Libor wird von der British Bankers‘ Association (BBA) veröffentlicht. Sie verwendet dafür die täglichen Meldungen von bis zu 19 Geldhäusern, bei der Ermittlung des Libor-Satzes für kleinere Währungen sind es zum Teil weniger. Die Institute geben an, zu welchem Zins sie sich in einer Währung kurzfristig Gelder von Konkurrenten leihen konnten. Dabei geht es um Darlehen, bei denen Institute bester Bonität keine Wertpapiere als Sicherheiten hinterlegen müssen.
Die BBA berechnet aus den Angaben einen Durchschnittssatz. Auch hier werden Ausreißer ausgeschlossen: Das Viertel der Banken mit den höchsten und das Viertel mit den niedrigsten Sätzen fallen aus der Berechnung heraus. Wie beim Euribor kann ein einzelnes Institut den Libor also nicht beeinflussen.
Ganz ähnlich ist das Verfahren beim Tibor: Der japanische Bankenverband JBA befragt dazu 18 Banken, die beiden höchsten und die zwei niedrigsten gemeldeten Zinssätze werden aussortiert.
Sollten die Banken einen der Zinssätze künstlich nach oben treiben, müssten ihre Kunden höhere Zinsen für Kredite oder andere Finanzmarktprodukte zahlen, als dies eigentlich gerechtfertigt wäre. Die Differenz könnten die Geldhäuser dann als Gewinn einstreichen.
Umgekehrt können Banken mit der Angabe niedrigerer Zinsen den Eindruck erwecken, dass sie sich leicht am Geldmarkt refinanzieren können - sie von der Konkurrenz also als solide und gesund angesehen werden. Diesem Verdacht gehen die Aufsichtsbehörden mit Blick auf die Libor-Sätze in den Jahren 2006 bis 2008, also der Zeit unmittelbar vor und während der Finanzkrise, nach. Schon damals war Kritik an der Libor-Berechnung aufgekommen. Da sie auf freiwilligen Angaben beruht, war die Glaubwürdigkeit angezweifelt worden.
  • FTD.de, 03.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6315,89  [30.14 +0,48%
  Euro Stoxx 50 2156,52  [22.47 +1,05%
  Dow Jones 12529,75  [33.6 +0,27%
  Nasdaq Composite 2839,38  [-10.74 -0,38%
  Euro 1,25346 USD  [-0.00224 -0,18%
  Brent-Öl 106,56 USD  [0.25 +0,24%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
  • Kursverluste, Ärger mit Behörden und der Nasdaq: Das Börsenparkett ist zu glatt für Facebook. Die Internetstars aus Kalifornien sehen am Aktienmarkt aus wie Anfänger. Damit es Ihnen nicht so geht: Testen Sie Ihr Börsenwissen.

    Bei einem Verlust von 30 Prozent - wie stark müsste der Aktienkurs steigen, damit Sie wieder beim Anfangsniveau angelangt sind?

    Börsen-Quiz: Machen Sie es besser als Facebook

    Alle Tests

  14.03. Quiz Kennen Sie sich aus im DAX?

Wer seit Jahresbeginn auf Aktien setzt, kann sich bislang über einen satten Gewinn freuen. Mischen Sie mit bei der Rally - im Quiz von FTD.de. Testen Sie ihr DAX-Wissen.

Seit wann gibt es den DAX?

Quiz: Kennen Sie sich aus im DAX?

Alle Tests

 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

FTD-SPEZIAL: FINANZKOMMUNIKATION

mehr FTD-Spezial: Finanzkommunikation

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote