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Merken   Drucken   09.10.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Marktversagen: Thomas Straubhaar - Der große Irrtum

Die Ökonomen haben zu lange den Effizienzmythos der Finanzwelt beschworen - auch aus eigenen Karrieregründen. Doch das Meinungskartell bröckelt. Funktionierende Märkte benötigen Gesetze, Regeln und Sanktionen.
© Bild: 2011 dapd/Philipp Guelland
Kommentar Die Ökonomen haben zu lange den Effizienzmythos der Finanzwelt beschworen - auch aus eigenen Karrieregründen. Doch das Meinungskartell bröckelt. Funktionierende Märkte benötigen Gesetze, Regeln und Sanktionen. von Thomas Straubhaar
Über Jahrzehnte dominierte in der Ökonomie die Überzeugung, dass auf Finanzmärkten Effizienz die Regel und Marktversagen die Ausnahme sei. Heerscharen von Studierenden wurden auf den Glauben getrimmt, Börsenkurse würden stets alle verfügbaren Informationen rational und richtig widerspiegeln.
Thomas Straubhaar   Thomas Straubhaar
Zehn Jahre nach dem Entstehen einer Kreditblase als Folge einer New Economy, die ewiges Wachstum versprach und erst eine Immobilien-, dann eine Finanzmarkt- und nun eine Staatsschuldenkrise brachte, und drei Jahre nach Lehman Brothers und den darauf folgenden staatlichen Hilfsmaßnahmen zum Verhindern einer Kernschmelze der Weltwirtschaft ist es an der Zeit, den Effizienzmythos vom Sockel zu holen. Dabei geht es weniger darum, die gut bekannten Gründe aufzulisten, warum Finanzmärkte bei Weitem nicht so effiziente Informationsverarbeiter sind, wie üblicherweise angenommen wird.
Herdenverhalten
Es ist sattsam bekannt und gut analysiert, dass auf Finanzmärkten Marktmacht und Marktversagen weit häufiger vorkommen als gemeinhin vermutet. Dass Banken viel zu groß werden, nicht weil sich das betriebswirtschaftlich rechnet, sondern um systemrelevant und damit "too big to fail" zu werden.
Kommt ein zweites Lehman auf uns zu?

 

Kommt ein zweites Lehman auf uns zu?

Zum Ergebnis Alle Umfragen

So werden sie im Krisenfall mit staatlicher Hilfe gerettet, während kleine Banken sich selbst überlassen bleiben. Dass Informationen gerade auf Finanzmärkten in der Regel asymmetrisch auftreten und eben nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Dass Anpassungsgeschwindigkeiten auf Finanzmärkten und Gütermärkten mittlerweile derart divergieren, dass daraus Dissonanzen entstehen, die in der Realwirtschaft zu höherer und damit makroökonomisch kostspieliger Volatilität werden.
Herdenverhalten, emotionale Panik, Eigendynamik und automatische Verhaltensregeln tun ein Übriges, um auf Finanzmärkten Blasen entstehen zu lassen. Und schließlich argumentieren Neuroökonomen, dass Menschen nicht immer rational handeln. Vielmehr werde individuelles Handeln von Zufälligkeiten, Stimmungen, Gewohnheiten und von einem Unterbewusstsein gesteuert, das neuronalen, nicht jedoch ökonomischen Gesetzen gehorche.
Die eigentlich viel spannendere Frage lautet: Wie konnte und kann es sein, dass sich die These effizienter Finanzmärkte so lange so prominent hat halten können, obschon all die Gründe ihres Versagens bestens untersucht sind, sie empirisch längst widerlegt war und sie nun durch die verschiedenen Krisen der letzten Dekade erst recht diskreditiert ist? Warum haben so wenige - auch ich nicht - kritisch hinterfragt, wer, erstens, ein ganz profanes persönliches Interesse am Effizienzmythos der Finanzmärkte hat und wer, zweitens, in welcher Form auch immer in der Praxis vom Glauben an die Effizienz von Finanzmärkten profitiert. Der Denkansatz der politischen Ökonomie bietet für mögliche Antworten die notwendigen analytischen Werkzeuge.

Teil 2: Paradigmenwechsel

  • FTD.de, 09.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 10.10.2011 11:49:03 Uhr   John Doe: Die "unsichtbare Hand",

    die da segensreich wirkt! Mit diesem Hinweis hat er doch den Offenbarungseid für das gesamte Lehrgebäude geleistet. Ganz praktisch: Wo war diese "unsichtbare Hand" als sich der Financial Armageddon aufbaute? Seine ganzen Prophezeiungen, und die der anderen Propheten, über die letzten 30 Jahre hinweg, haben sich als wirkungslos erwiesen.

    Es hat auch nichts geholfen, als das falsifallatische Element der "unsichtbaren Hand" eingeführt wurde. Wenn etwas unsichtbar ist, wie ist es dann als Hand zu identifizieren. Wenn er sich darauf bezieht, dann gibt er Unsinn von sich und auch jeder, der diese Floskel benutzt. Irgendwann gleitet das ganze Gedankengebäude ins religiöse, esoterische ab.

    Hat er aber die Floskel in dem Sinne gebraucht, dass er, und jeder, der die Redewendung gebraucht, zugibt, dass er Nichts weiß, weil das, was da so vor sich geht nicht beschreibbar ist, dann ist er zumindest ehrlich. Wie kann er aber dann die Attitude an den Tag legen, dass mit seiner Lehre des "neolib" das Ende der menschlichen Entwicklung erreicht sei. Es wird immer prophetischer! Wenn man an den Heiligen Geist glaubt, dann kann man den Unsinn nicht erkennen und das ganze Gedankengebäude bleibt in sich geschlossen logisch. Nur durch die Annahme, dass es die "unsichtbare Hand" des Marktes nicht gibt, kann man den Unsinn erkennen! Es handeln Menschen.
    Wie verhält sich ein gläubiger WiWi, so fragt auch er? Ein Physiker ist jemand, der in einem schwarzen Raum eine schwarze Katze sucht, über die er gestolpert ist, ein Metaphysiker ist jemand, der eine schwarze Katze, die nicht da ist, in einem schwarzen Raum sucht. Der mit neolib infizierte WiWi (Ayn Rand, Hayek, Friedman uvam.) wäre demnach ein Metaphysiker, der schließlich ausruft: "Ich hab' sie! Ich hab' sie!


  • 09.10.2011 20:51:57 Uhr   Achilles: Keine wirkliche Überraschung
  • 09.10.2011 16:14:18 Uhr   Peter Lyssy: Bereits Mitte des 18.Jahrhunderts
  • 09.10.2011 16:03:09 Uhr   Franz Josef Paus: Artikel von Straubhaar
  • 09.10.2011 14:59:19 Uhr   tacheles tut not: thomas straubhaar - der große Irrtum
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