Als Lichtblick, sicheren Hafen in Europa oder Land des Wirtschaftswunders hat die internationale Presse in den vergangenen Jahren Polen beschrieben. Tatsächlich zeigte das ehemals kommunistische Land seit dem EU-Beitritt eine solide Wachstumsentwicklung. Zum einen konnte es bisher während der Finanz- und Schuldenkrise eine Rezession vermeiden. Zum anderen sehen Ökonomen Polen auch 2012 mit einem Wachstum zwischen 2,5 bis drei Prozent in der Spitzengruppe der EU.
Zwar hat die Ausrichtung der Fußball-EM im Juni bei Weitem nicht so starke Wachstumsimpulse gebracht wie erhofft. Viele Baufirmen mussten sogar Insolvenz anmelden. Denn sie hatten sich im Preiskrieg um die angeblich so lukrativen Aufträge für den Stadienbau übernommen. Doch stimmt die Gesamtentwicklung: Der Markt genießt das Vertrauen der internationalen Ratingagenturen, die Polen eine ordentliche Bonität und einen stabilen Ausblick geben. Ein Grund dafür ist die vergleichsweise geringe Schuldenquote von 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Zu einem schnell wachsenden Finanzzentrum in Ostmitteleuropa, das Investoren mit einer hohen Anzahl von Börsengängen in Erstaunen versetzt, hat sich die Warschauer Börse gemausert. Dabei gilt Polen als klassisches Industrieland und nicht als kapitalmarktorientiert. Vor diesem Hintergrund haben deutsche Anleger das Land bislang weitgehend ignoriert. Das sollte sich aber ändern. Denn auf Antrag der Baader Bank wurden zum EM-Start die 20 Titel des Leitindex WIG 20 an deutschen Börsen in den Freiverkehr einbezogen.
Aussichtsreich ist das Papier des Versicherungsriesen PZU, der zu den größten Finanzkonzernen in Ostmitteleuropa zählt. Der Staat ist wichtiger Aktionär und garantiert die Ausschüttung von Dividenden zwischen 50 und 100 Prozent des jährlichen Gewinns. PZU hat 2011 einen Nettoertrag von 2,3 Mrd. Zloty (550 Mio. Euro) erwirtschaftet. Viele Polen verfügen bisher über gar keine Versicherung, sodass die Unternehmen überwiegend Pionierarbeit leisten müssen. Auch deutsche Versicherer wie Talanx , Allianz oder Gothaer sind hier aufgrund des Potenzials aktiv.
Im Industriesektor lohnt ein Blick auf den Kautschuk- und Polyesterproduzenten Synthos. Er gehörte in den vergangenen Jahren zu den Werten in Polen, die den größten Zuwachs verzeichnet haben. Darüber hinaus entwickelt sich der Branchenindex WIG-Chemie überdurchschnittlich gut. Der Hersteller hängt zwar stark von der internationalen Autoindustrie ab, die derzeit in Europa schwächelt. Deshalb ist das dritte Quartal wohl mau ausgefallen. Doch dürfte dies im Kurs bereits berücksichtigt sein. Analysten gehen davon aus, dass das kommende Jahr geschäftlich jedenfalls wieder stärker wird.
Darüber hinaus zählt das Papier von KGHM Polska Miedz zu den Blue Chips des östlichen EU-Staats. Der Konzern aus Niederschlesien ist eines der rentabelsten Unternehmen in Polen überhaupt. Er gehört zu den zehn größten Kupferherstellern weltweit. Mit jährlichen Umsätzen von mehr als 20 Mrd. Zloty (4,9 Mrd. Euro) und 31.000 Beschäftigten verfügt KGHM über eine strategisch wichtige Position. Der Kurs hat sich in den vergangenen sechs Monaten besser als der Gesamtmarkt entwickelt. Und das, obwohl die Regierung im März ein neues Abgabegesetz für Kupfer und Silber durchgesetzt hat, um Haushaltslöcher zu stopfen.
Polen erhofft sich dadurch für 2012 zusätzliche Einnahmen von 1,8 Mrd. Zloty (440 Mio. Euro). Begünstigt wird die Aktie von der weltweiten Konjunktur. Der Kupferpreis dürfte weiter steigen. Denn wichtige Notenbanken haben die Druckpressen angeworfen, um ihre Märkte mit frischem Geld zu versorgen und die Nachfrage anzukurbeln.