FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Das Irren der Optimisten

Merken   Drucken   22.04.2008, 10:08 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Das Irren der Optimisten

Die Aktienanalysten haben sich noch nie so stark verschätzt wie mit ihren Prognosen zum vierten Quartal. Und sie bleiben optimistisch - obwohl die Finanzkrise die Realwirtschaft gerade erst erreicht hat. von Bernd Mikosch
Die Investmentbank JP Morgan schickt Kunden jeden Montag einen Strategiereport mit einem "Chart der Woche". Am Montag war dort eine Linie zu sehen, die rasant abstürzt und dann - gestrichelt gezeichnet - nach oben schnellt: die Entwicklung der Unternehmensgewinne im S&P 500. Im letzten Quartal 2007 brachen die Gewinne so stark ein wie seit 2001 nicht mehr. Die gestrichelte Linie, das erwartete Gewinnwachstum, zeigt für das vierte Quartal 2008 dagegen ein Plus von mehr als 50 Prozent an. Eine solche Steigerung hat es seit mindestens 1990 nicht gegeben - so lange reicht der Chart zurück.
Behalten die Analysten recht, wären viele Aktien günstig bewertet, was für steigende Kurse spricht. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Beobachter häufig zu optimistisch sind. "Die Analysten blicken durch den Tunnel und erwarten im zweiten Halbjahr schon wieder steigende Gewinne. Für viele US-Sektoren werden sogar Rekordergebnisse hervorgesagt", sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt der Privatbank M.M. Warburg. "Ich bin viel skeptischer, schließlich ist die Krise gerade erst in der Realwirtschaft angekommen. Die zum Teil sehr hohen Gewinnerwartungen für das dritte und vierte Quartal müssen noch kräftig gesenkt werden."
Ziel verfehlt: Die wenigsten Prognoseversuche der professionellen ...   Ziel verfehlt: Die wenigsten Prognoseversuche der professionellen Unternehmensbeobachter sind ein Treffer
Für das vierte Quartal 2007 hatten die 1800 Aktienanalysten der Wall Street im Schnitt mit einer Gewinnsteigerung von 7,9 Prozent gerechnet. Tatsächlich sanken sie um 22,6 Prozent - die Marktbeobachter hatten sich also um mehr als 30 Prozentpunkte verschätzt.
Wenig schmeichelhaft fällt auch eine Analyse von Aktienempfehlungen aus, die das Anlegerportal Sharewise.com veröffentlicht hat. "Im Durchschnitt aller Analysten stimmt nicht einmal jede zweite Prognose mit der späteren, realen Entwicklung der bewerteten Aktien überein", sagt Sharewise-Gründer Stefan Nothegger. "Da können Sie auch ins Kasino gehen."
Mittelmäßige Profis: Anteil korrekter Aktienprognosen   Mittelmäßige Profis: Anteil korrekter Aktienprognosen
Auf Sharewise lässt sich überprüfen, ob ein Anleger mit seinen auf der Plattform veröffentlichten Aktientipps ein glückliches Händchen hatte. Auf der Website stehen aber auch Empfehlungen von Analysten, die der Nachrichtendienst dpa-AFX verbreitet. Anfang April haben die Sharewise-Macher überprüft, wie sich die Profis in den vergangenen 18 Monaten geschlagen haben. Als "wahr" wurden Kaufempfehlungen gewertet, die in sechs Monaten mindestens fünf Prozent Gewinn brachten. Bei Verkaufsempfehlungen musste das Minus bei mindestens fünf Prozent liegen.
Die BHF-Bank lag mit 68,4 Prozent der Einschätzungen richtig, Needham nur mit 20,4 Prozent. Allerdings ist das Fünf-Prozent-Kriterium willkürlich gewählt. Außerdem verschlüsselt dpa-AFX auch Noten wie "Outperform" mit "Buy", obwohl diese Stufe nur bedeutet, dass sich die Aktie besser als der Markt entwickeln dürfte - was Kursverluste nicht ausschließt.
Institutionelle Investoren haben eigene Systeme für die Prognosequalität der Analysten entwickelt. "Wenn sich ein Analyst dadurch auszeichnet, dass er seit Jahren an Fakten vorbeiprognostiziert, ignorieren wir seine Studien", sagt ein Sprecher der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS. Nicholas Cowley, US-Fondsmanager bei Henderson in London, analysiert kleinere Titel selbst. Bei Standardwerten vertraut er auf das Urteil der Analysten, die bislang die besten Prognosen geliefert haben.
"Von einer rein quantitativen Analyse halte ich bei Nebenwerten wenig, denn dabei gehen die Zwischentöne verloren", sagt Karl Fickel, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Lupus Alpha. Er hat intensiv mit rund einem Dutzend Analysten zu tun, die er für besonders glaubwürdig hält. "Im besten Fall ist ein Analyst ein hoch spezialisierter Diskussionspartner, der ein Unternehmen seit vielen Jahren extrem gut kennt und alles über Branche und Wettbewerber weiß."
Ein solcher Gesprächspartner könne auch Stimmungsbilder vermitteln und habe das Firmenumfeld, etwa politische Rahmenbedingungen, im Blick. "Allein das Kursziel sagt wenig, wenn man nicht weiß, welche Parameter dieser Zahl zugrunde liegen", sagt Fickel. "Außerdem muss man oft zwischen den Zeilen lesen. Manchmal fällt ein Analyst das Urteil ,Buy‘, aber er verweist darauf, dass er die Zahlen, die ihm das Unternehmen zur Verfügung gestellt hat, für sehr optimistisch hält." Bei einem Fehlgriff gibt er nicht den Analysten die Schuld. "Wenn eine Aktie schlecht läuft, muss sich bei uns immer der Portfoliomanager der kritischen Nachfrage stellen, nicht der Analyst."
  • Aus der FTD vom 22.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6788,8  [40.04 +0,59%
  Euro Stoxx 50 2522,34  [9.42 +0,37%
  Dow Jones 12890,46  [6.51 +0,05%
  Nasdaq Composite 2927,23  [11.37 +0,39%
  Euro 1,3258 USD  [-0.0017 -0,13%
  Brent-Öl 117,52 USD  [0.84 +0,72%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote