FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » "Der Finanzmarkt ist ein zufälliges Konstrukt"

Merken   Drucken   03.12.2011, 13:08 Schriftgröße: AAA

Portfolio: "Der Finanzmarkt ist ein zufälliges Konstrukt"

Interview Martin Weber, Bank-Professor in Mannheim, erforscht seit den 80er-Jahren das Verhalten von Anlegern. Ein Gespräch über menschliche Schwächen, falsche Entscheidungen und die Rolle des Herdentriebs.
FTD Herr Weber, in den vergangenen Monaten war am Finanzmarkt einiges los: Tiefstände bei Aktienkursen, Rekordrenditen bei Anleihen und heftige Schwankungen bei Wechselkursen. Können Sie verhaltenspsychologisch erklären, was da passiert ist?
Martin Weber Fairerweise muss man sagen, dass auch die Wissenschaft das nicht zu 100 Prozent erklären kann. Aber man kann in diesen Wochen von Herdenverhalten sprechen.
FTD Alle Anleger rannten in eine Richtung, ohne sich dabei etwas zu denken?
Behavioral-Finance-Experte Martin Weber sieht dem, was kommt, ruhig ...   Behavioral-Finance-Experte Martin Weber sieht dem, was kommt, ruhig entgegen
Weber Nicht unbedingt. Es gibt zwei Arten von Herdenverhalten - rationales und irrationales. Rationales Herdenverhalten ist völlig in Ordnung. Das gilt für private und institutionelle Anleger. Nehmen wir den Anleihemarkt. Da ist eine Anleihe für 100 Euro, die zu 90 Euro garantiert ist und zu 87 Euro gehandelt wird. Nun könnte man sagen: Das klingt gut, der Fondsmanager sollte ein paar Millionen Euro in die Hand nehmen und die Anleihe kaufen. Es kann sein, dass er die 90 Euro bekommt. Es kann aber auch sein, dass die Anleihe von 87 auf 85 Euro fällt, weil andere Fondsmanager den Preis nicht gut finden. Kauft der Fondsmanager, und der Kurs fällt, verliert er vielleicht seinen Job. Es ist durchaus möglich, dass sich institutionelle Anleger individuell rational verhalten, damit aber auf dem Gesamtmarkt wie eine irrationale Herde aussehen.
FTD Was heißt das auf die vergangenen Wochen übertragen?
Weber Vergleichen Sie die Situation mit der Suche nach einem guten Restaurant. Wenn ich an einem Lokal vorbeigehe und es sitzen viele Leute drin, dann hab ich ein positives Signal: Das Lokal muss gut sein. Sind nur drei Leute drin, könnte das aber auch daran liegen, dass es draußen regnet oder dass die drei nur auf die Toilette mussten. Man weiß eben nicht, ob die Information, die man bekommt, zufällig ist oder ob sie aussagekräftig ist. Und die, die mein Handeln auf dem Markt sehen, wissen nicht einmal, welche Information ich habe und woher ich sie habe. Ich verkaufe eine Griechenland-Anleihe, weil ich mich gerade über etwas geärgert habe. Die anderen verkaufen auch, weil sie glauben, dass ich aussagekräftige Informationen habe. Und der Letzte, der am Markt ankommt, der Privatanleger, der denkt, alle haben verkauft, da wird schon was dran sein.
FTD Ist dieses Verhalten typisch für unruhige Marktphasen?
Weber Die Zukunft ist zwar immer unsicher, aber normalerweise bilden wir die Unsicherheit durch Wahrscheinlichkeiten ab. Ich habe eine Vorstellung über die Verteilung von der Wahrscheinlichkeit zukünftig eintretender Ereignisse. In unruhigen Phasen zweifle ich aber an meiner Wahrscheinlichkeitsverteilung. Das ist eine zusätzliche Unsicherheit. Dann kann ich nicht mehr beurteilen, ob das Glas im Durchschnitt halb voll oder halb leer ist, und ich lass die Finger davon.
FTD Und das ist derzeit so?
Weber Ja, weil ich die Informationen, die ich derzeit bekomme, unterschiedlich verarbeite. In den Zeitungen lese ich, dass die Arbeitslosigkeit auf dem Tiefstand ist. Das steht ganz klein in einer Ecke. Und darüber, groß, steht etwas Sorgenvolles. Die niedrige Arbeitslosigkeit will ich nicht mehr zur Kenntnis nehmen, weil ich in einem bestimmten Denkmuster bin. Und das ist verständlich, weil ich mir nicht andauernd eine neue Meinung über alles bilden kann. Deshalb denke ich erst mal: griechische Anleihen schlecht, deutsche Anleihen gut. Dass wir eine Nettoneuverschuldung von 21 Mrd. Euro haben, das blende ich aus.
FTD Und dann geht der Privatanleger aus Aktien und Anleihen und legt sein Geld auf ein Tagesgeldkonto?

Teil 2: Die Geldillusion

  • FTD.de, 03.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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