"Nur wer einen langfristigen Anlagehorizont hat, sollte sich jetzt positionieren", sagt Oliver Stönner, Schwellenländerstratege der Fondsgesellschaft Cominvest. Nach dramatischen Verlusten 2008 klettern die Kurse wieder eifrig bergauf. Während der globale Aktienindex MSCI World in Euro seit seinem Tief im November acht Prozent gewann, legte der MSCI Latin America mit 19 Prozent mehr als doppelt so viel zu.
Davon profitieren auch Lateinamerikafonds: Die besten Portfolios liegen seit Jahresbeginn bis zu 15 Prozent im Plus, nachdem sie 2008 mehr als die Hälfte ihres Werts verloren hatten. Typisch für Schwellenländer: In Krisenzeiten verbuchen die Börsen überproportional hohe Verluste. Der MSCI Latin America verlor im vergangenen Jahr fast 50 Prozent, der US-Index S&P 500 nur 34 Prozent.
Die Schwellenbörsen hängen stark von der Risikofreude westlicher Investoren ab. Bedingt durch die weltweite Finanzmarktkrise zogen diese viel Kapital ab - auch aus Lateinamerika. Umgekehrt gilt aber auch: "Sobald es wieder aufwärtsgeht, profitieren Schwellenländer deutlich", sagt Stönner.
Derzeit verheißen die Wirtschaftsdaten allerdings nichts Gutes. So vermeldete Brasiliens Statistikbehörde - für viele die Vorzeigevolkswirtschaft der Region - vergangene Woche düstere Zahlen. Im Dezember sank die Industrieproduktion im Vergleich zum Vormonat um 14,5 Prozent, so stark wie seit 17 Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenzahlen steigen rasant, das Land verzeichnet das erste Handelsbilanzdefizit seit fast acht Jahren, die Exporte brechen ein.
"Diese Zahlen sind schlimm, das darf niemand unter den Teppich kehren", sagt Florian Tanzer, Fondsmanager des DWS Invest Brazilian Equities. Dennoch sei das Land langfristig hervorragend aufgestellt. Die Politik habe aus Krisen der Vergangenheit gelernt und Reformen umgesetzt. "Das wird sich in den kommenden Monaten auszahlen", ist Tanzer überzeugt.
Der Auslöser der Misere ist in den USA zu suchen, nicht in den Schwellenländern, sind sich die Experten einig. Trotzdem spüren die aufstrebenden Volkswirtschaften die Krise besonders stark, weil die Nachfrage aus den Industrieländern wegbricht. Sobald sich die Weltwirtschaft berappelt, dürfte das Wachstum aber wieder anspringen. "Greifen die weltweit geschnürten Konjunkturpakete, steigt die Nachfrage nach Rohstoffen", sagt Grant Yun Cheng, Schwellenländerexperte bei Union Investment.
"Die Wirtschaft Lateinamerikas wird sich deutlich schneller von der Krise erholen als westliche Volkswirtschaften", sagt Philipp Vorndran, Finanzmarktstratege beim Kölner Vermögensverwalter Flossbach & von Storch. "Wer sein Geld für drei bis fünf Jahre investieren kann, wird hier überdurchschnittliche Gewinne verbuchen." Aktuell rät er risikobereiten Anlegern, 20 Prozent ihres Portfolios in den Schwellenländern zu investieren. "Davon würde ich 35 bis 40 Prozent in lateinamerikanische Titel anlegen und die Region somit übergewichten", sagt er.
Bei aller Zuversicht - kurzfristig müssen Anleger herbe Rückschläge verdauen können. "Langfristig werden die Märkte in Lateinamerika stärker und schneller wachsen als in Industriestaaten. Allerdings gehen Anleger in dieser Region auch ein entsprechend höheres Risiko ein", sagt Alexander Ruddies, Kapitalmarktanalyst bei Feri Eurorating Services. Er prognostiziert Brasilien ein Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent in diesem und 3,5 Prozent im nächsten Jahr. Allerdings war Feri schon mal optimistischer: Vor einem Jahr lagen die Prognosen bei 4,6 und 4,1 Prozent.