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Merken   Drucken   16.02.2012, 17:29 Schriftgröße: AAA

Recht + Steuern: Heute Theorie, morgen könnte es kosten

Eine Umsatzsteuer auf Wertpapiergeschäfte würde auch Privatanleger treffen. Angaben über die Höhe der Belastung sind allerdings vage.
© Bild: 2012 FTD.de/dpa/Bildfunk/Maurizio Gambarini
Eine Umsatzsteuer auf Wertpapiergeschäfte würde auch Privatanleger treffen. Angaben über die Höhe der Belastung sind allerdings vage. von Elisabeth Atzler  und Katharina Grimm
Alle Kritik der Finanzbranche hat nichts genutzt. Die Regierungen mehrerer EU-Staaten halten an ihren Plänen für eine Transaktionssteuer auf Wertpapiergeschäfte fest. Wie stark Privatanleger von der neuen Abgabe betroffen sein würden, können selbst Experten derzeit schwer beziffern. Denn die Belastung hängt stark von der Anlagedauer sowie dem Finanzprodukt ab. Zudem gibt es bislang nur vage Berechnungen - mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Klar ist zumindest: Beim Kauf von Anleihen, Aktien und anderen Wertpapieren soll der Steuersatz 0,1 Prozent, bei Derivaten 0,01 Prozent betragen.
Der Branchenverband BVI kalkuliert die Mehrkosten beispielhaft für einen Riester-Sparplan mit Aktien- und Anleihefonds, die Derivate einsetzen sowie einem Umschichtungsmechanismus folgen, der in schlechten Aktienphasen die Anlegergelder von Dividendentiteln in festverzinsliche Wertpapiere umschichtet. Demnach würde die Besteuerung auf Fonds- und Anteilsebene zusammengerechnet 0,41 Prozent pro Jahr betragen.
Die Belastung für den Anleger wäre gewaltig: Legt ein Fondssparer 40 Jahre lang monatlich 100 Euro zurück und beträgt die jährliche Kapitalmarktrendite fünf Prozent, ergeben sich laut BVI-Rechnung Einbußen von rund 14.000 Euro. Die Kalkulation stammt von Union Investment, Marktführer bei Riester-Fonds. Schließlich sind zwei Drittel der rund drei Millionen Deutschen, die mit Riester-Fonds sparen, Union-Kunden.
Allerdings sind die ermittelten 14.000 Euro nur eine theoretische Summe. Ändern sich die Parameter der Berechnung, verändert sich auch die Belastung. So würden Anlegern, die nicht 40, sondern nur 30 Jahre lang sparen, nur noch 5600 Euro durch die Lappen gehen.
Ein weiterer Faktor, der das Ergebnis beeinflusst, ist die Umschlagshäufigkeit. Sie wird in der Beispielrechnung von Union Investment als Durchschnitt von zwei Fonds mit 1,7 pro Jahr angegeben Das heißt: Das angesammelte Vermögen wird 1,7-mal im Jahr umgeschlagen, dabei werden Käufe und Verkäufe berücksichtigt. Wird eine kleinere Quote gewählt, sinkt die Belastung.
Während Investmentgesellschaften eine Quote von 1,8 für einen Weltaktienfonds als normal bezeichnen, zweifeln Marktbeobachter daran, dass die Rate angemessen ist. "Eine Quote von 1,8 ist hoch. Selbst wenn die Umschlagshäufigkeit dauerhaft über eins liegt, handelt der Fonds relativ viel," sagt Kai Wiecking, Leiter Fondsanalyse bei FWW. Nur Fondsmanager, die quantitativen Ansätzen folgten, dürften so oft umschichten und eine so hohe Turnover-Ratio aufweisen.
Wirtschaftsprofessor Max Otte kommt auf eine deutlich niedrigere Belastung für Kleinanleger: Er kalkuliert, dass Riester-Fondssparer gerade einmal auf 74 Euro verzichten müssen. In seiner Rechnung liegt die Kapitalmarktrendite ebenfalls bei fünf Prozent, der Sparer zahlt auch monatlich 100 Euro ein, lediglich die Laufzeit ist mit 20 Jahren kürzer. Und er nimmt nur eine jährliche Umschichtung von 100 Prozent, also eine Turnover-Ratio von eins an. Mit diesen Parametern würde sich die Belastung des Sparers auf nur 0,05 Prozent des Vermögens belaufen, meint Otte.
Relativ niedrig dürften die Zusatzkosten für börsennotierte Indexfonds - Exchange-Traded Funds oder kurz ETFs - sein. Das gilt vor allem für die ETFs, die die Titel eines Index wirklich erwerben. Denn sie ändern die Portfoliozusammensetzung nur, wenn der Index angepasst wird. Wesentlicher für die Transaktionskosten dieser ETFs sind daher die Zu- und Abflüsse. Wenn neue Gelder hereinkommen, müssen Papiere gekauft werden, wenn Gelder abfließen, werden Portfoliobestandteile verkauft. Deren Höhe variiert natürlich von ETF zu ETF, im Schnitt dürften die passiven Produkte aber weniger Steuern zahlen als die aktiv gemanagten Fonds.
Noch schwieriger zu ermitteln sind Extrakosten für Versicherungskunden. Eigene Berechnungen, wie stark eine Lebensversicherung von einer Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte belastet würde, hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bislang nicht aufgestellt. Da Versicherungen oft sehr langfristig anlegen und ihre Portfolios seltener umschichten, seien sie von der Steuer weniger betroffen als Fonds, sagt eine GDV-Sprecherin. Allerdings investieren auch Versicherer in Fonds: Sie reichen Mittel an Fondsanbieter weiter; das Geld wird meist in Spezialfonds verwaltet, die ihrerseits die Steuer zahlen müssten.
Den Derivateanbietern bereitet die Besteuerung von Transaktionen größere Sorgen. Zwar soll der Steuersatz für Derivate nur 0,01 Prozent betragen, aber die Bemessungsgrundlage soll nicht der Kaufpreis des Derivats sein, sondern das zugrunde liegende Transaktionsvolumen. Der Nominalbetrag des Basiswerts liegt oft um ein Vielfaches über dem Derivatekurs. Das würde die Steuerbelastung deutlich steigern.
Sonstige Wertpapiere Privatkunden müssen durch die Steuer mit Extrakosten bei Aktien, Anleihen oder anderen börsengehandelten Wertpapieren rechnen. Ein Beispiel: Kauft ein Anleger etwa an der Börse Stuttgart im Wert von 30.000 Euro Daimler-Anleihen, zahlt er bisher die Höchstsumme von 15,75 Euro an Handelsgebühren. Mit einer Transaktionssteuer von 0,1 Prozent müsste der Käufer zusätzlich 30 Euro berappen.
Denn alle Börsenbetreiber, Fondsgesellschaften, Versicherungen und übrigen Finanzanbieter werden die Belastung durch eine Steuer auf die Anleger abwälzen. Otte warnt allerdings vor Panikmache und weist auf die Gesamtkosten der Anlage für den Privatkunden hin. Diese sind in seinen Augen weitaus höher: "Die Finanztransaktionssteuer beläuft sich höchstens auf fünf Prozent von dem, was sich die Banken vom Anlegervermögen im selben Zeitraum reinziehen." Weitere Anlegerthemen in der aktuellen Ausgabe von BÖRSE ONLINE.
  • FTD.de, 16.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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