Kredit ist eine Frage von Risiko und Glaubwürdigkeit. Über beides müssen Unternehmer und Geldgeber reden. Hier steht, wie man das professionell anpackt.
Die deutsche Firma wollte eine Serveranlage nach Russland liefern, die in einem speziell dafür vorgesehenen IT-Haus des Luftfahrtunternehmens Aeroflot installiert werden sollte. Was die Deutschen nicht wussten: Bei Unternehmen, an denen sich der russische Staat beteiligt, ist es üblich, Rechnungen nur einmal im Jahr zu begleichen. Wenn der Zeitpunkt ungünstig ist, müssen also alle Geschäftspartner und Lieferanten ein Jahr in Vorkasse treten. Für deutsche Firmen ist diese Vorleistung ein großes Risiko für die Bilanzen. Sie müssen sich darum kümmern, Schwierigkeiten bei der Zahlungsabwicklung rechtzeitig zu erkennen.
Kreditversicherer, Makler und Beratungsunternehmen helfen Firmen dabei, Schwachstellen im Lieferprozess herauszuarbeiten, die eine Gefahr für die Liquidität werden können. Mit Hilfe von Risikoanalysen können Unternehmen ihre Lieferkette genau beobachten, damit sie im Ernstfall gegensteuern können. Kreditversicherer wie Euler Hermes, Atradius, Coface, R+V und andere Gesellschaften versichern Unternehmen dagegen, dass sie wegen der Pleite eines Abnehmers oder anderer Widrigkeiten auf offenen Rechnungen sitzen bleiben. Je mehr Ausfälle es gibt, desto teurer kann es also für den Kreditversicherer werden.
Der Kreditversicherer Atradius prüft jedes Mal, bevor er eine Deckungszusage für bestimmte Lieferungen gibt, welchen Gefahren die Geschäftspartner seiner Kunden ausgesetzt sind. Das macht er nicht aus reiner Großzügigkeit, denn der Versicherer hat selbst ein Interesse daran, dass die Abnehmer seines Kunden bezahlen.
Für die Analyse greifen die Anbieter auf riesige Datenbanken mit Informationen zurück, die sie von Wirtschaftsauskunfteien oder den Firmen selber beziehen oder die sie selbst recherchieren. Dafür betreiben sie ganze Risikomanagement-Abteilungen, die sich nur damit beschäftigen, Gefahren zu finden und ihnen vorzubeugen.
Unscharfe Momentaufnahme: Ist der Geschäftspartner verlässlich?
Macht ein Unternehmen mit einem Abnehmer in einem anderen Land Geschäfte, spielen die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vor Ort eine wichtige Rolle bei der Risikoanalyse. "Politische Risiken wie Aufstände, Streiks oder die Machtübernahme durch eine radikale Partei in einem Land beschäftigen uns dann ebenso wie Naturkatastrophen oder Währungsrisiken", sagt Michael Karrenberg, der die Abteilung Risikomanagement bei Atradius leitet. Zudem schauen sich die Experten Jahresabschlüsse, Bilanzen und die Auftragslage der Geschäftspartner ihrer Kunden an, um Gefahren durch eine mögliche Pleite möglichst präzise einschätzen zu können.
Das werde in Zeiten der Euro-Schuldenkrise immer schwieriger, sagt Karrenberg. "Die Wirtschaftszyklen sind stark volatil, Auf- und Abschwünge fallen immer kürzer und heftiger aus." Es sei deshalb nicht mehr ausreichend, für die Analyse nur auf Geschäftsberichte und Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre zurückzugreifen. "Die Zukunft eines Unternehmens rückt immer stärker in den Fokus."
Dazu müssen die Experten Auftragsbestände der Firmen wälzen. Sie prüfen, ob bestimmte Aufträge noch profitabel sind, ob es den Auftraggebern wirtschaftlich noch gut geht oder, etwa beim Einzelhandel, ob ein bestimmter Standort und die dort verkauften Produkte noch rentabel sind.
Eine andere Möglichkeit, die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens zu prüfen ist der Stresstest. Mit seiner Hilfe kann eine Firma verschiedene Szenarien simulieren, um im Falle einer Katastrophe gut vorbereitet zu sein. Spezielle Computerprogramme erlauben es, Marktentwicklungsszenarien zu erstellen: steigen die Rohstoffpreise? Wie tief fallen die Zinsen? Hält der Hauptkunde durch?
Dafür greifen sie auf unterschiedliche Datenquellen zu, etwa Studien von Marktforschungsunternehmen wie die amerikanische JD Power-Studie, die aktuelle Erwartungen für den Automobilmarkt wiedergibt. "Firmen können sich orientieren, was die Fachleute dort prognostizieren und sich dann über oder unter den Erwartungen einordnen", erklärt Christian Gorny, Partner und Mitglied des Vorstands bei der Unternehmensberatung BDO. "Ziel ist es herauszufinden, wie schlecht die Geschäfte laufen können, ohne dass es existenzbedrohend wird."
Mit den Ergebnissen müssen die Firmen sich danach auseinandersetzen, und das kostet viel Zeit. "Der größte Aufwand für die Unternehmen ist es, die Konsequenz aus einem möglicherweise negativ verlaufenen Stresstest zu ziehen", sagt Gorny. Da müssen oft langjährige Prozesse verändert werden, um die Produktion an einen günstigeren Standort zu verlegen, Lieferanten zu wechseln oder Preiserhöhungen an die Kunden weiterzugeben.
Weil das den Geschäftsführern vor allem kleinerer und mittlerer Unternehmen oft schwer fällt, lassen sie die Analyse lieber ganz. "Viele kleinere Firmen haben enormen Nachholbedarf bei der Durchführung von Risikoanalysen und Stresstests", sagt Gorny. Das muss er allerdings sagen, denn er will schließlich damit auch sein Geld verdienen.