Keine andere Börse läuft derzeit so gut wie die in Caracas. Trotz globaler Krise gehen die Aktienkurse seit Wochen steil nach oben. Venezuela ist zum Zockerparadies geworden - wofür Chávez einen makabren Grund liefert.
von Christian KirchnerFrankfurt
Offiziell nennt sich das Gebäude aus rotem Stein in Caracas Venezolanische Wertpapierbörse. Aber eigentlich erinnert das, was drinnen passiert, mehr an ein Brettspiel. Ein Spiel, bei dem die Aktionäre lustige Ereigniskarten ziehen mit der Aufschrift "Verstaatlichung droht - der Kurs rauscht um 30 Prozent in die Tiefe". Oder schlicht hinausgeworfen werden wie eine Plastikfigur in "Mensch ärgere dich nicht". Und bei dem der Spielleiter 50-mal würfeln darf, bis er die gewünschte Augenzahl endlich hat.
Hugo Chávez
Der Spielleiter in Venezuela heißt Hugo Chávez, und die jüngere Geschichte der Börse ist nicht eben arm an Anekdötchen: An einem Tag im Januar 2007 rauschte der lokale Aktienindex um ein Fünftel nach unten, weil Chávez die Verstaatlichung der Strom- und der Telekomfirmen ankündigte. Zwischendurch hob er die Unabhängigkeit der Notenbank auf, Ende 2010 nahm er sich die Verstaatlichung der Medien-, Gas- und Wasserbranche vor - erneut ging es 19 Prozent nach unten. Vor drei Wochen war dann der Goldsektor fällig. Aber die Kurse in Caracas fielen nicht.
Sie fallen bereits seit Monaten nicht mehr, trotz globaler Krise, sondern steigen. Und das kräftig, und zwar genau seit Ende Juni: selbst in Euro gerechnet um knapp 30 Prozent, während es weltweit stetig abwärtsgeht. Keine andere Börse lief in diesem Jahr besser als die - allerdings extrem illiquide - Börse in Caracas.
Der makabre Grund ist auch eine "Ereigniskarte": Präsident Hugo Chávez hatte Ende Juni seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Seitdem sind die Zocker außer Rand und Band, zumal Ende Juli auch noch die Ereigniskarte "Ölfund!" gezogen wurde. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hat nachgerechnet und herausgefunden, dass Venezuela nunmehr sogar vor Saudi-Arabien die größten Reserven der Welt habe.
In Venezuela wurde indes am Wochenende wieder eine Figur herausgeworfen. Ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte, dem zufolge Chávez bei der Wahl im kommenden Jahr einen Gegenkandidaten akzeptieren muss, verwarf der Spielleiter als "wertlos" und "lachhaft".
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